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Erinnerung und Mahnung

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Bürgermeister Andreas Ruck und Pfarrer Lahdo Aydin bei der Kranzniederlegung. Foto: Schu © Schu

Am 15. Juni, dem offiziellen Gedenktag an die Opfer des Genozids in der Syrisch-Orthodoxen Kirche, wurde am Pohlheimer Genozid-Denkmal eine einstündige Gedenkveranstaltung abgehalten.

Pohlheim (jüs). Im Jahr 2015 wurde durch Seine Heiligkeit Patriarch Mor Ignatius Ephrem II der 15. Juni als offizieller Gedenktag an die Opfer des Genozids in der Syrisch-Orthodoxen Kirche festgelegt. An Unterdrückung, Verfolgung, Ermordung und Vertreibung der syrischen Christen, der Suryoye, aus ihrer Heimat soll an diesem Tag erinnert werden.

Die Nachkommen der Überlebenden der Opfer des Völkermordes im Osmanischen Reich von 1915 haben an dem am 2. November 2019 zwischen dem Pohlheimer Rathaus und der evangelischen Christuskirche feierlich enthüllten Genozid-Denkmal unter großer Beteiligung Pohlheimer Kommunalpolitiker, etwa Bürgermeister Andreas Ruck, Ortsvorsteherin Eva Saarbourg (Watzenborn-Steinberg), Landrätin Anita Schneider, Maryam Mourad (Vorsitzende Ausländerbeirat), sowie der Bevölkerung eine Andachtsmesse zum 107. Jahrestag gefeiert. Dazu hatten die syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden in Pohlheim und Gießen sowie die kommunalpolitisch aktive Suryoye zur einstündigen Gedenkveranstaltung eingeladen.

Schon bevor die Gedenkfeier mit einer verlängerten Schweigeminute für die Opfer des Völkermordes und dem Gedenken an die Toten mit dem abendlichen Glockengeläut der Christuskirche begann, begrüßte Istayfo Turgay die Anwesenden und moderierte zum Programmablauf.

Samuel Gergin, stellvertretend für die syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden Pohlheim und Gießen, erinnerte noch einmal an die Geschehnisse vor 107 Jahren.

Über 1300 Familien

Neben 650 000 Suryoye sind auch 1,5 Millionen Armenier sowie 300 000 Pontos-Griechen zwischen 1915 und 1918 im Osmanischen Reich getötet worden. Neben diesen zahlreichen Todesopfern wurden diejenigen, die sich noch retten konnten, vertrieben und sind heimatlos geworden. In Pohlheim und im Landkreis Gießen leben über 1300 Familien der Nachkommen, die hier in der vierten Generation eine neue Heimat gefunden haben und integriert, unternehmerisch tätig und auch in verschiedenen Vereinen sowie in der Politik aktiv sind.

Am 2. Juni 2016 stufte der Deutsche Bundestag das Verbrechen der jungtürkischen Regierung im Osmanischen Reich an den Armeniern, Aramäern/Assyrern/Chaldäern sowie Pontos-Griechen als Völkermord ein. Der gemeinsame Antrag von Union, SPD und Grünen wurde mit breiter Mehrheit beschlossen - mit nur einer Gegenstimme und einer Enthaltung.

Die Stadtverordnetenversammlung in Pohlheim folgte der Bundestagsresolution. Die Nachfahren der Genozid-Opfer im Osmanischen Reich sind dem Deutschen Bundestag und der Stadtverordnetenversammlung Pohlheim, die auch im November 2017 einstimmig beschloss, ein Mahnmal zu errichten, zu Dank verpflichtet, wie in mehreren Redebeiträgen hervorgehoben wurde. Das Denkmal in Pohlheim soll als Zeichen für Frieden, Versöhnung, Dialog und Austausch verstanden werden. Man hoffe, dass auch die türkische Regierung irgendwann soweit ist, die Wahrheit zu akzeptieren und im Dialog darüber Einklang findet, so Gergin.

»Ich bin sprachlos und fassungslos, aber dankbar dafür, dass wir einander gedenken an dieser Stätte und dass wir gemeinsam diesen Ort des Gedenkens in Frieden und mit Respekt wahrnehmen«, so Bürgermeister Andreas Ruck.

»Erinnerung ist wichtig, dass wir unsere Gegenwart gestalten können«, hob Ortsvorsteherin Eva Saarbourg hervor. Auch der respektvolle Umgang miteinander sei wichtig. Mit Worten und Gesang folgte Subdiakon Eyup Budak. Danach sprach Landrätin Anita Schneider, die der Stadtverordnetenversammlung Pohlheim für ihren damaligen mutigen Schritt in 2017 dankte, ein Mahnmal zu errichten. Es war auch ein nötiger Schritt, wie sie hervorhob.

Erinnerung wachhalten

Der Standort des Denkmals ist ein Ort der Erinnerung, der Versöhnung, ein starkes Zeichen für die Akzeptanz des interkulturellen Dialogs. Damit verbunden ist aber auch die Wertschätzung der Opfer des Völkermordes. Es ist wichtig, dass wir heute und auch in Zukunft diese Erinnerung an den Völkermord wachhalten, denn er ist auch ein Teil deutscher Geschichte und ein Teil unserer Gesellschaft.

Gesang, Gebet und Fürbitten aller Geistlichen von Mor Had Bshabo Hausen, Mor Barsaumo Garbenteich, Mor Eliyo Watzenborn-Steinberg und St. Afrem & St. Theodoros Gießen folgten, bevor alle Anwesenden das Vaterunser beteten.

Dekan Iskender Kücükkaplan richtete anschließend in der Sprache Jesu Christi im Namen aller mitwirkenden syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden Worte an die Anwesenden, die von Moses Aktürk ins Deutsche übersetzt wurden. Überbracht wurden auch die herzlichsten Grüße seiner Eminenz Erzbischof Mor Philoxenus Mattias Nayis (Metropolit und Patriarchalvikar der Diözese in Deutschland).

Auch Dekan Kücükkaplan, der allen seinen tief empfundenen Dank für die Teilnahme an der Gedenkfeier aussprach, rief den Völkermord noch einmal in Erinnerung. »Wir sind Kinder von den Märtyrern, der Genozid jährt sich zum 107. Mal, aber wie man sieht, sind unsere tiefen Wunden noch nicht verheilt und werden auch nicht verheilen«, so seine Feststellung.

Die Gedenkveranstaltung stand unter dem Motto »Erinnerungen und Mahnungen sollen als ein Zeichen der Versöhnung dienen. Sie sollen an die abscheulichen Taten erinnern, damit nicht uns und anderen ähnliches passiert«.

Die Gräueltaten in den aktuellen Kriegsgebieten in Europa und anderswo lassen es erahnen, welch schreckliches Martyrium die Menschen durchleben. Wenn wir etwas aus diesen Schicksalen lernen: »Der Dialog ist die einzige Waffe, die Frieden bringen wird. Krieg und Mord sind keine Lösung. Wir müssen endlich begreifen, dass wir entweder gemeinsam gesegnet oder dass wir gegeneinander zum Untergang verdammt sind«, sagte Istayfo Turgay abschließend, bevor Bürgermeister Andreas Ruck zusammen mit Pfarrer Lahdo Aydin am Mahnmal einen Kranz niederlegte.

Das, was damals im sogenannten Sayfo geschehen ist, muss der heutigen Bevölkerung noch sehr viel mehr ins Bewusstsein gebracht werden, nicht nur im Interesse eines gedeihlichen Zusammenlebens heute, sondern auch angesichts der aktuellen Gefahren, dass ethisch wie religiös begründete Gewalt auch heute Minderheiten droht, so Prof. Helge Stadelmann (Vorstands-und Fraktionsmitglied der CDU Pohlheim) in einem Brief an die syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden.

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