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Faszination Fliegen hautnah erleben

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Blick aus luftiger Höhe auf Garbenteich. Foto: Schmidt © Schmidt

Die Segelfliegergruppe Steinkopf geht seit 60 Jahren in die Luft.. Das soll am Wochenende mit den Flugtagen gebührend gefeiert werden.

Pohlheim (ger). »Seil anziehen, Seil straff, Fertig - Start!« Das Segelflugzeug vom Typ »DG 500 Trainer« wird am Schleppseil wie in einem Katapult auf hohe Geschwindigkeit gebracht und hebt nach rund 100 Metern vom Boden des Segelflugplatzes auf der Viehheide ab und steigt steil in den strahlend Himmel Pohlheim auf. Die Elektrowinde, die bei diesem Flug vom Vorsitzenden der Segelfliegergruppe Steinkopf (SGS) Gero Brüser bedient wird, bringt das Flugzeug auf 300 Meter. Das Schleppseil klinkt am Scheitelpunkt planmäßig aus. Flug frei für einen sommerlichen Rundflug über das Gießener Land.

Am Steuerknüppel und den Pedalen sitzt Fluglehrer Torsten Döring aus Buseck mit seinem Fluggast. Auf 60 Jahre Vereinsgeschichte blickt die Pohlheimer SGS zurück und die Flieger wollen zeigen, was die Faszination des Segelflugs ausmacht. Dazu gehören auch die Geburtstagsfeierlichkeiten mit den Pohlheimer Flugtagen, zu denen sie am kommenden Wochenende gemeinsam mit den Drachenfliegern alle Bürgerinnen und Bürger anlässlich der Großveranstaltung »Pohlheim macht auf« einladen.

Apropos »Faszination Segelflug«, nach dem Ausklinken zieht das Segelflugzeug ruhig seine Bahn. Döring sucht Thermik, warme Aufwinde, die das Flugzeug wie in einem Fahrstuhl nach oben bringen und einen langen Flug, ganz ohne Motor und CO2-neutral, ermöglichen. Er findet sie schnell über Hausen und dem Schiffenberger Wald und dreht ein. Es geht aufwärts auf 600 Metern und immer höher. Das Variometer zeigt bis zu fünf Meter Aufstieg in der Sekunde an. Und dann der Ausblick. Am Horizont sieht man die Skyline der Wolkenkratzer und die Wasserkuppe in der Röhn hat man beim Blick vorbei am Vogelsberg. Unbeschreiblich. Dabei fallen einem die Zeilen von Reinhard Mey ein: »Über den Wolken, muss die Freiheit, wohl grenzenlos sein … würde was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein« und ich verstehe, was die Segelflieger meinen und als Frauen und Männer in der Flugkameradschaft verbindet.

Vor 60 Jahren am 22. Oktober 1962 muss es den 30 Gründern der Segelfliegergruppe Steinkopf wohl ähnlich ergangen sein. Die alte TV-Turnhalle wurde 1963 in Gießen abgebaut und am Vereinsort der SGS wieder aufgebaut. Am Steinkopf auf den Höhen des Obersteinberger Hofs war die erste Start- und Landebahn. Mit einer K2 unter der Registrierungsnummer D-4613 startete man am 22. September 1963 erstmals von dort.

Erwähnt wird in den Vereinsnamen der Name des verstorbenen Pohlheimer Ehrenbürgermeisters Karl Brückel, der den Verein aktiv unterstützte. Der ließ sich auch nicht nehmen, in die Flugkanzel zu steigen und einen Rundflug zu unternehmen.

1964 wechselte man den Flugplatz unterhalb des Pohlheimer Waldes. Dort hatte man 1965 auch den Verlust des damals einzigen Segelflugzeuges durch ein fliegerisches Missgeschick zu verschmerzen. Trotz allem feierte man mit Unterstützung befreundeter Segelflugvereine mit 7000 Gästen den ersten Flugtag mit Kunstflug und Fallschirmabsprüngen, der die Vereinskasse füllte. Es wurde in einen Doppelsitzer mit der Rhönlerche, ein Übungsflugzeug des Typs Grunau-Baby und ein Leistungsflugzeug des Typs Olympia-Meise für den Verein investiert.

50 aktive Flieger

Der Flugbetrieb konnte so weitergeführt werden und entwickelte sich entsprechend. Gab es noch 1967 die Anzahl von 622 Starts waren es 1972 bereits 968. 1973 konnte man dann durch einen neuen Flächennutzungsplan endlich den Flugplatz Viehheide realisieren.

Die erste große Flugzeughalle entstand in Eigenleistung der Mitglieder und durch Unterstützung von Unternehmen und der Stadt Pohlheim in den Jahren 1974 bis 76. Der Verein wuchs weiter. 2006 wurde eine zweite Halle gebaut, die den Namen des einstigen, bereits verstorbenen Vorsitzenden Wolfgang Dörr trägt. Über die Jahre wechselten die Flugzeuge, Ultraleichtflugzeuge kamen dazu, Gleitschirm- und Drachenflieger fanden auf dem Flugplatz eine neue Heimstatt.

Heute zählt die SGS Pohlheim 150 Mitglieder, davon 50 aktive Segelflieger, informiert Vorsitzender Gero Brüser. International ist man zudem aufgestellt, denn die Mitglieder stammen aus 15 Nationen. 13 Flugschüler werden zurzeit von den Fluglehrern um die Ausbildungsleiter Wolfgang Seitz (Segelflug) und Harald Stephan (Ultraleicht).

Denen stehen moderne Segelflugzeuge und Ultraleichtflieger zur Verfügung. Sicherheit steht bei all dem immer an erster Stelle, wie alle Verantwortlichen betonen. So gibt es nur wenige Unfälle über die 60 Jahre. Nicht immer schafft man es bis zum sicheren Flugplatz, dann sucht man ein geeignetes Feld und wird abgeholt.

Der Flieger mit den meisten dieser Landungen wird alljährlich mit der Auszeichnung »Held der grünen Wiese« gewürdigt, verrät Brüser augenzwinkernd.

Auf dem Pohlheimer Flugplatz landet Döring mit seinem Fluggast nach 20 Minuten Rundflug sicher. Nach einigen Loopings und Rollen, denn Döring hat die Lizenz zum Kunstflug, hat der Mitflieger noch etwas Druck auf den Ohren, ist aber rundum glücklich. Er erinnert sich, dass er vor über 43 Jahren schon einmal Flugschüler war.

»Drüben liegt das Eintrittsformular« animiert ihn Döring. Die gibt’s inzwischen als jährliche Flatrate für Segelflüge mit Windenstarts, die für die Jugend bis 25 Jahre im Grund- und Aktivenbeitrag für rund 330 Euro und darüber für 520 Euro zu haben ist.

Am Freitag, 8. Juli, ab 20 Uhr startet das Festwochenende mit der Hangar-Party mit DJ F-Trax mit Musik aus den 90ern bis heute.

Samstag, 9. Juli , wird der Flugtag ab 10 Uhr mit Gleitschirm, Motor- und Segelflug mit Kunstflug eröffnet. Neben den Vereinsfliegern sind Modellflugzeuge ausgestellt und ab 17 Uhr gibt es einen Ballonstart.

Danach gibt es am Samstagabend ab 20 Uhr Live-Band-Musik mit »Admiral Blue« und »VenusHillz« sowie DJ F-Trax.

Und auch Sonntag, 9. Juli , gibt es alles rund um Segel- und Motorflug mit Kunstflügen und der zusätzlichen Möglichkeit von Rundflügen mit dem Hubschrauber über das Gießener Land. Eine im 2. Weltkrieg eingesetzte US-amerikanische North American T-6 wird zu sehen sein, wie auch eine historische deutsche Militärmaschine Dornier DO 27. Mit beiden Oldtimern kann man ebenfalls Rundflüge unternehmen.

Bei einer Tombola gibt es unter anderem Schnupper- und Rundflüge sowie Ballonfahrten zu gewinnen.

Der Tageseintritt beträgt 5 Euro, für Kinder unter 12 Jahren ist der Eintritt frei. Alle Infos zu den Flugtagen und über die SGS findet man auf www.sgs-pohlheim.de. (ger)

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Der verstorbene Pohlheimer Ehrenbürgermeister Karl Brückel (vorne) im Cockpit des ersten SGS-Segelfliegers K2 (D-4613) im Jahr 1963. Repro: Schmidt © Roger Schmidt

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