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Kahlschlag für Parkplätze

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Rainer Pfaff wehrt sich gegen einer Säbelaktion des Landkreises an seiner Grundstücksgrenze in Watzenborn-Steinberg.

Pohlheim (ww). Die Reise war wunderschön, doch was sich zuhause für ein Bild nach der Rückkehr bot, das verstörte und empörte. Dr. Rainer Pfaff wohnt seit den Siebzigern in der Schillerstraße in Watzenborn-Steinberg. Gleich nebenan lässt der Kreis die Limesschule neu bauen. Bisher gab es keinen freien Blick auf den Rohbau, denn Bäume und Sträucher, die einst die Familie anpflanzen ließ, verdeckten ihn.

Anfang Dezember des Vorjahres saß der Schock tief, als der Mediziner und seine Frau mit den Koffer heimkehrten und aus dem Wohnzimmerfenster direkt auf den kahlen Rohbau schauten, der bis dato hinter dem Grün verschwand. Der Landkreis hatte alle Anpflanzungen der Familie roden lassen.

Vor dem Grundstückzaun sollen Parkplätze für die Lehrer entstehen, erfuhren die Eheleute. Der Mediziner kann es nicht fassen, da er selbst zu einer Zeit, »als noch das Wort galt«, wie er unterstreicht, auf der Grundstücksseite des Kreises die Anpflanzungen auf eigene Kosten vornahm. Amtsleiter hätten ihm das mündlich erlaubt, schon zu Zeiten als die Limesschule noch eine Mittelpunktschule (MPS) war, in den siebziger Jahren.

Natürlich ging es damals wie heute um den Sicht- und Lärmschutz für die Nachbarschaft, der bei einem öffentlichen Bau im Ortsbereich zumindest realisiert sein sollte. Hangaufwärts findet sich die die alte Limesschule, der Neubau entsteht unterhalb des Altbaus.

Die Bäume und Sträucher wuchsen seit den 70ern kräftig, bildeten direkt an der Grundstückgrenze der Pfaffs einen schützenden Abschluss. Ohne Ankündigung fiel vor drei Monaten die jahrzehntelang gehegte und gepflegte Grünanlage dem Messer zum Opfer.

Seitdem wird zwischen dem Kreis und Rainer Pfaff konferiert, wie den nun der Schutz wieder hergestellt wird. 14 Feldahorne sollen die Blickdichtigkeit gewährleisten, brachte der Mediziner in Erfahrung. »Schmale Bäumchen« im Spalier finden sich in einem Katalog, den Pfaff sich anschaute, von Blickdichtigkeit keine Spur.

Wo bleibt der Naturschutz?

Pfaffs Familie ist verärgert, weil das bisherige Grün allerlei Vögel und Insekten anzog, die nun kein Heimat mehr haben. Gerade vor dem Hintergrund, dass der Naturschutz im stärkeres Gewicht allerorten erhält, versteht der Mediziner das radikale Gesäbele hinter seinem Zaun nicht.

Dem Schuldezernenten Christopher Lipp hatte Pfaff zuletzt Mitte Januar einen Brief geschrieben. Darin wird auf den alten Bebauungsplan »Hoher Triesch« aus dem Jahr 1966 für den Bereich in Watzenborn-Steinberg Bezug genommen. Den Festsetzungen, so sieht es Pfaff, sei hier eine sechs Meter breite nicht bebaubare Fläche zu den Grundstücken entlang der Schillerstraße zu entnehmen.

Meike Faust von der Pressestelle des Landkreises erklärt zum Vorfall, dass Pfaff sich Mitte Dezember an den Landkreis gewandt habe. Das Fällen der Bäume auf dem Grundstück sei leider für die Erstellung der neuen Außenanlage der Schule wie Gehwege, Zufahrten, Parkplätze und Grünflächen erforderlich gewesen. »Da die Arbeiten an der Außenanlage ab Mai 2022 erfolgen sollen, wurden die erforderlichen Rodungsarbeiten vorgezogen, weil so der durch das Bundesnaturschutzgesetz vorgegebene Zeitraum eingehalten werden konnte.«

Kreis plant Anpflanzungen

Entlang der Grundstücksgrenze sei eine Neuanpflanzung von insgesamt 13 Bäumen sowie Sträuchern vorgesehen. Die Bäume würden versetzt angeordnet, sodass sie auch eine Sicht- und Lärmschutzschutzfunktion erfüllten. »In diesem Bereich finden sich auch die Parkplätze der Schule, die durch die vorgesehenen Sträucher und Bäume ebenfalls begrünt werden.« Es sei darüber hinaus ein Grünstreifen mit einer Breite von etwa 2,5 Meter zu den Nachbargrundstücken vorgesehen.

Der aktuell aufgeschüttete Erdwall an der Grundstücksgrenze diene lediglich der Lagerung des Erdaushubes während der Bauzeit und werde im nächsten Jahr selbstverständlich wieder entfernt.

Pfaff hat sich die Pläne genau angeschaut, die ihm Schuldezernent Lipp zur Verfügung stellte. Nach jedem vierten Stellpatz findet sich ein Feldahorn. Direkt danach werden zu seiner Grundstückgrenze hin Sträucher gepflanzt.

Nur ein ein Meter Streifen vor seinem Zaun bleibe zuletzt unbepflanzt. Darüber hinaus rügt Pfaff in seinem Schreiben, dass »die tatsächlichen Gegebenheiten mit den zur Verfügung stehenden Unterlagen in keiner Weise übereinstimmen.«

Pfaff weist auch darauf hin, dass in einer bebauten Ortslage das Bundesnaturschutzgesetz zu beachten sei. Dafür seien vorab Untersuchungen notwendig. Ein Anruf bei der Unteren Naturschutzbehörde habe erbracht, dass diese wohl nicht involviert war. Man habe ihn hier nur auf den Auftraggeber der Rodungen verwiesen, was Pfaff befremdete.

Der Kreis erklärt zum Vorgang, dass im Rahmen des artenschutzrechtlichen Fachbeitrags die Fauna des Baugebiets begutachtet. Da sich das Bauvorhaben im Innenbereich befinde und ein Bebauungsplan vorhanden sei, müssten Anpflanzungen nicht gesondert begutachtet werden.

Solche Begutachtungen würden nur im Rahmen von Bauleitplanverfahren, Neuaufstellungen und Ähnlichem gefordert und mit dem Umweltbericht erstellt. Der artenschutzrechtliche Fachbeitrag weise auf die Beachtung von Rodungszeiten, Abständen zwischen Gehölz und Gebäuden, und Ähnlichem hin. Zudem werde definiert, in welcher Form die Neuanpflanzung vorzunehmen sei.

Den Vorgaben des artenschutzrechtlichen Fachbeitrags werde im Zuge der Neuanlage der Außenanlage selbstverständlich nachgekommen. Es seien Ersatzpflanzungen mit Bäumen und Sträuchern vorgesehen, die auch eine Sichtschutzfunktion gegenüber den Nachbargrundstücken hätten.

Kein Verstoß festgestellt

Die natur- und artenschutzrechtlichen Fragestellungen im Zusammenhang mit der Baumfällung seien auf Eingabe des Anwohners Pfaff seitens der Unteren Naturschutzbehörde geprüft und dabei kein Verstoß festgestellt worden. Eine entsprechende Nachricht der Unteren Naturschutzbehörde habe Pfaff erhalten. Die Fällung der Bäume sei im planungsrechtlichen Innenbereich erfolgt und stehe in keinem Zusammenhang mit einer zulässigen Baumaßnahme. Auch die Vorgaben des Bundesnaturschutzgesetzes hinsichtlich des Zeitraums der Fällung seien eingehalten.

Pfaff zitiert jedenfalls auf der letzten Seite eines Briefes an die Behörde ein Gedicht von Eugen Roth: »Zu fällen einen schönen Baum, braucht’s eine halbe Stunde kaum. Zu wachsen, bis man ihn bewundert, braucht er, bedenk es, ein Jahrhundert.«

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