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Leben im Zeichen des NS-Terrors

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Ruth Pauline Herz (1. Reihe, ganz rechts) 1928 im ersten Schuljahr. © privat

Die beschädigte Kindheit und Jugend der Ruth Pauline Herz aus Holzheim.

Pohlheim. Vor 100 Jahren wurde Ruth Pauline Herz geboren. Nach Hitlers »Machtergreifung« 1933 waren für die letzte jüdische Schülerin in Holzheim Ausgrenzung und Gefährdung an der Tagesordnung. Nach dem Pogrom floh sie mit 16 Jahren nach Belgien, mit 17 Jahren weiter nach Südfrankreich, an wechselnde Orte. Dank glücklicher Zufälle und einiger Helfer überlebte sie und konnte 1947 in die USA auswandern. Von ihren damals 25 Lebensjahren waren 14 durch die NS-Herrschaft geprägt und beschädigt.

Ruth Herz kam am 18. April 1922 im Elternhaus ihrer Mutter in Holzheim zur Welt. Ihre Eltern Lilly und Eugen Isaak Herz, er Lehrer im höheren Schuldienst, lebten in Leipzig und später in Berlin. Das Mädchen aber wuchs wegen einer Krankheit des Vaters bei den Großeltern Weinberg bzw. beim verwitweten Großvater auf, bis seine Mutter 1932 als Witwe nach Holzheim zurückkehrte.

Ihre jüdische Herkunft war noch kein Hindernis für ein gutes Miteinander. Mit Beginn der NS-Zeit vereinsamte sie und wurde von Mitschülern ständig drangsaliert. Nur dank der schützenden Hand ihres Lehrers hat sie ihre Schulzeit in Holzheim überstanden. Er erlaubte ihr, ungeachtet möglicher Folgen für sich, morgens etwas später zum Unterricht zu kommen und mittags früher zu gehen, um sie auf dem Schulweg vor antisemitischen Attacken zu bewahren. Dieser Lehrer war der auf dem Schulfoto abgebildete Wilhelm Gandenberger, ein humaner Parteigenosse.

In der NS-Zeit entwickelte sich Frankfurt zu dem zentralen Ort für hessische Juden, doch Ruth Herz ging im Frühjahr 1938 nach Dinslaken, für ein Praktikum im orthodoxen Israelitischen Waisenhaus. Dort fühlte sie sich nach den prekären Jahren in Holzheim wohl. Der Pogrom setzte dem bald ein Ende. Am Morgen des 10. November wurde das Waisenhaus von SA und Jugendlichen überfallen und demoliert. Ruth und die anderen steckte man in dürftige Notunterkünfte, anfangs von etwa 40 bewaffneten SA- und SS-Männern bewacht. Auch die Lebensmittelversorgung war ein Problem, weil Juden nichts verkauft werden durfte. Dem stellvertretenden Waisenhausleiter Sophoni Herz gelang es, mit der Gruppe - auf offenen Lkw - nach Köln auszuweichen, wo er wochenlang im Kampf mit Behörden den Kindertransport nach Belgien vorbereitete. Zum Glück waren Ruths Mutter und Großvater zur Trennung von ihr bereit. Noch einmal kam sie nach Hause, beantragte den vorgeschriebenen Reisepass mit dem roten »J" für Jude beziehungsweise Jüdin und dem weiblichen Zwangsvornamen Sara.

Der Abschied von Mutter und Großvater Ende Januar 1939 war ein endgültiger.

In Belgien bestand seit 1933 für deutsche Opfer des Antisemitismus ein Hilfskomitee, das gerade in einem Brüsseler Vorort ein Heim für jüdische Mädchen eröffnet hatte, in dem auch Ruth unterkam. Bald sorgte sie selbst für ihren Lebensunterhalt, indem sie bei einer christlichen Familie arbeitete, die ihre Zwangslage rücksichtslos ausnutzte. Beim Einmarsch der Deutschen in Belgien am 10. Mai 1940 setzte eine große Fluchtbewegung ein. Ruth wandte sich wieder an das Heim, dessen Leiterin Elka Frank umgehend die Flucht nach Südfrankreich organisierte. An sich war in Frankreich die Einreise jüdischer Flüchtlinge verboten, was in den allgemeinen Wirren aber nicht durchführbar war. Eine viertägige entbehrungsreiche Zugfahrt in zwei eigens für sie angehängten Waggons endete unversehrt in der Nähe von Toulouse, während andere Züge von deutschen Bombern getroffen wurden. Im kleinen Dorf Seyre konnten sie sich in einem verlassenen Gehöft ohne Fenster, Heizung, Licht oder Einrichtung niederlassen.

Noch im Mai 1940 wurde Ruth, weil schon 18-jährig, ins Camp de Gurs deportiert, denn die Vichy-Regierung in Frankreichs freiem Süden kollaborierte mit den deutschen Besatzern im Norden. In diesem Lager am Rande der Pyrenäen lebten 20 000 Internierte in 400 Baracken unter katastrophalen Bedingungen, die viele Todesopfer forderten. Ruth arbeitete in einem Abteil für Ruhrkranke, kein leichter Dienst, doch seitdem wollte sie Krankenschwester werden. Nach gut vier Monaten konnte Alexander Frank, der Ehemann Elka Franks, Ruths Entlassung aus Gurs erwirken, indem er sie als Hilfskraft für Seyre anforderte. Dort musste die Gruppe einen ungewöhnlich kalten Winter überstehen. Das Schweizer Rote Kreuz verbesserte die vorher sehr schlechte Lebensmittelversorgung und mietete das unbewohnte Schloss La Hille, die neue Unterkunft ab Mai 1941.

Intern war die Kinderkolonie von La Hille gut organisiert, aber immer schwebte das Damoklesschwert einer Deportation über der Gruppe, da die Vichy-Regierung sich gegenüber den Nationalsozialisten verpflichtet hatte, 10 000 Juden aus dem freien Süden auszuliefern. Bevor die großen Razzien im Sommer 1942 einsetzten, konnte Ruth kurz nach ihrem 20. Geburtstag in ein Waisenhaus des Roten Kreuzes nach Praz-sur-Arly im Südosten Frankreichs gehen. Im November besetzten die Achsenmächte auch den französischen Süden.

Als 1943 die Deutschen anstelle der Italiener dort die Kontrolle übernahmen, wurde es sehr gefährlich für Ruth. Mit falschen Papieren wechselte sie deshalb in ein Kinderheim bei Castres, etwa 80 km östlich von Toulouse, und blieb dort versteckt bis zum französischen Kriegsende 1944. Das Ausmaß ihrer Gefährdung erweist sich daran, dass vom Frühjahr 1942 bis zum Sommer 1944 über 85 000 Jüdinnen und Juden aus Frankreich in die Vernichtungslager im Osten deportiert worden sind. Nach dem Krieg arbeitete Ruth bis 1947 weiter im Heim bei Castres, dann noch eine Zeitlang etwa 300 Kilometer weiter westlich in Pau.

Wieso blieb sie so lange in Frankreich, wo sie sich ja nicht freiwillig, sondern als Displaced Person aufhielt? Nach Deutschland zurückzukehren war keine Option, eine jüdische Gemeinde gab es nicht mehr, auch Mutter und Großvater waren tot. Zur Emigration aus Frankreich fehlten ihr Papiere und ein Affidavit, eine Bürgschaft aus dem Einwanderungsland. Ein Zufall kam zuhilfe. An ihrem vorletzten Arbeitsort begegnete Ruth einem Holzheimer Kriegsgefangenen, der dort Zwangsarbeit leistete. Durch seine Mutter konnte sie ihren ehemaligen Lehrer kontaktieren, der ihr eine Geburtsurkunde beschaffte. Alexander Frank, ihrem Befreier aus Gurs, gelang es, sich mit ihren Verwandten in England in Verbindung zu setzen, die sich ihrerseits an Verwandte in den USA wandten, so dass Ruth ein Affidavit erhielt und sich im November 1947 von Cannes nach New York einschiffte.

Dort ermöglichte ihr die Arbeit in einem jüdischen Kinderheim die Finanzierung einer Ausbildung zur Krankenschwester. Als solche war sie jahrzehntelang tätig. Mit dem aus Deutschland geflohenen Arthur Goldschmidt hatte sie eine Familie gegründet. Sie starb Ende 2020, gerade als ich zu recherchieren begann, ohne die letzte jüdische Zeitzeugin aus Holzheim noch befragen zu können.

Sabine Sander ist Historikern und gebürtige Holzheimerin. Sie lebt heute in Bad Soden. Sie widmet sich der Aufarbeitung der Vergangenheit und hat dazu Lebensgeschichten recherchiert. Foto: privat

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Ruth (ganz rechts) 1938 als Praktikantin im Israelitischen Waisenhaus in Dinslaken. © United States Holocaust Memorial Museum, Washington
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Ruths Kennkartenantrag vom 9. Januar 1939. © Stadtarchiv Pohlheim-Holzheim
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Sabine Sander © Red

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