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Lilly Herz erstes Holzheimer Opfer

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Lilly Herz geb. Weinberg mit Ehemann, rechts daneben ihre Eltern. Das vor ihrem Elternhaus aufgenommene Hochzeitsfoto vom 13. Mai 1921 ist das einzige erhaltene Bildzeugnis von ihr. © United States Holocaust Memorial Museum, Washington

Am 25. März 1942 verließ der Zug mit 1000 Jüdinnen und Juden, darunter Lilly Herz aus Holzheim, den Darmstädter Güterbahnhof. Das Ziel: Die Vernichtungslager Belzec und Sobibor.

Pohlheim. Am 25. März 1942 verließ der Zug mit 1000 Jüdinnen und Juden, darunter Lilly Herz, geb. Weinberg, aus Holzheim, den Darmstädter Güterbahnhof. Er brachte sie nach Piaski im besetzten Polen, Durchgangsstation zu den Vernichtungslagern Belzec und Sobibor. Lilly Herz traf es ein halbes Jahr früher als das Gros aus unserer Region mit der Sammelstelle in Gießen. Zunächst aber ein Blick auf ihr Leben.

Am 23. Oktober 1891 kam sie als Tochter des Kaufmanns Moses Weinberg und seiner Frau Katinka in einer Hochphase und Hochburg des politischen Antisemitismus zur Welt. 1890 wählten über 70 Prozent der Holzheimer antisemitisch (reichsweit nur 0,7 Prozent), am Vorabend des Ersten Weltkriegs sogar über 90 Prozent.

Gleich zu Kriegsbeginn hatte sich Lillys einziger Bruder Albert als 16-Jähriger freiwillig gemeldet; seine Todesnachricht traf 1920 ein. Es war auch das Jahr ihrer späten Verlobung, die jedoch bald »platzte«, ein peinlicher Fauxpas. Ein Jahr später heiratete sie den in Magdeburg tätigen Lehrer Eugen Isaak Herz, mit dem sie nach Leipzig und Berlin ging.

Traurige Wende

Was für sie als gesellschaftlicher Aufstieg begann, nahm eine traurige Wende: Wegen einer langwierigen Erkrankung ihres Mannes wuchs ihre 1922 geborene Tochter Ruth getrennt von den Eltern in Holzheim auf, und Lilly wurde mit 40 Jahren Witwe.

Wenige Monate nach ihrer Rückkehr nach Holzheim läutete die »Machtergreifung« vom 30. Januar 1933 harte Zeiten ein: die Unzahl antisemitischer Gesetze, die Schikanen und Isolation im Dorf, der Dauerboykott des kleinen Ladens mit der Folge erheblicher Umsatzeinbußen. Am 10. November 1938 demolierten SA-Leute und andere Vandalen Wohnhaus und Geschäft, so dass Lilly und ihr Vater für drei Wochen nach Frankfurt flüchteten. Ab Januar 1939 durften sie das Geschäft nicht mehr führen. Im selben Monat ließen sie die 16-jährige Ruth mit einem Kindertransport ins Ausland retten, organisiert vom Israelitischen Waisenhaus in Dinslaken, in dem Ruth 1938 als Praktikantin gearbeitet hatte. Lilly und ihr Vater flohen nach Mainz. Er lebte in einem überfüllten jüdischen Altersheim, ihre letzte Unterkunft war laut Deportationsliste die Kaiserstraße 21, als »Judenhaus« ebenfalls überfüllt durch Zwangseinweisungen, zudem in nächster Nähe zur Geheimen Staatspolizei.

Gestapo und Polizei suchten Lilly Herz am 18. oder 19. März 1942 auf, um ihre angeblich vorläufige Festnahme »zum Zwecke der Abschiebung« mitzuteilen. Sie musste das Notwendigste packen, Wertsachen aushändigen und die Abtretung des Vermögens an den Staat unterzeichnen. Am 20. März ging es morgens zur Sammelstelle in der Feldbergschule, nachts zum Güterbahnhof und weiter nach Darmstadt.

Letzte Fahrt

In der dortigen Justus-Liebig-Oberrealschule waren vom 21. bis 25. März 1000 Menschen aus dem Süden des Volksstaates Hessen kaserniert. Am 25. März traten sie ihre letzte Fahrt an, vorgeblich in einem »Gesellschaftssonderzug zur Beförderung von Arbeitern«.

Am 27. März 1942 erreichten sie das Ghetto Piaski. Rund 3.000 dort Internierte hatten den Neuankömmlingen weichen müssen, ins tödliche Giftgas von Belzec. Ob sich Lilly Herz als Frau von 50 Jahren noch für Zwangsarbeiten eignete? Sie musste wohl schon bald ihren Todesmarsch antreten, ob nach Belzec oder Sobibor ist ebenso ungewiss wie ihr Todestag. Den legte 1953 das Amtsgericht Mainz willkürlich auf den 31. Dezember 1945. Als Lilly Herz der nationalsozialistischen Mordindustrie zum Opfer fiel, teilten in Belzec innerhalb von nur vier Wochen etwa 75.000 Jüdinnen und Juden ihr Schicksal, in Sobibor im Frühjahr und Sommer etwa 90.000 - obwohl die »Vernichtungskapazität« der beiden Lager zu dieser Zeit noch begrenzt

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Eine ausführliche Darstellung der drei letzten Generationen der Familie Weinberg/Herz gibt es im nächsten Band der Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins.

Sabine Sander ist Historikern und gebürtige Holzheimerin. Sie lebt heut in Bad Soden. Im Rahmen der Aktion Stolperstein für Pohlheim arbeitet sie mit an der Aufarbeitung der Vergangenheit und hat dazu Lebensgeschichten recherchiert. Foto: privat

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Sabine Sander © Red

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