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Pohlheimer Parlament schafft Fakten

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Von: Volker Böhm

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Nach dem Willen der Parlamentsmehrheit sollen sich zwei Vereine das Sportgelände »An der Neumühle« in Watzenborn-Steinberg teilen. Foto: Wißner © Wißner

Das Pohlheimer Parlament hat nach intensiver Debatte den Antrag von SPD und Grünen zur Neuordnung der Nutzung der Sportanlage »Neumühle« auch mit Stimmen der CDU beschlossen.

Pohlheim. »Es handelt sich um eine Win-win-plus-plus-plus-Situation«, meinte SPD-Fraktionsvorsitzender Peter Alexander. Gewinner einer Neuordnung der Nutzung des Sportgeländes »An der Neumühle« in Watzenborn-Steinberg würden der FC Gießen und der FC Turabdin Babylon (TuBa) Pohlheim. Ein Plus wäre es für den TV 07 Watzenborn-Steinberg, den Karnevalverein »Die Mollys« und andere Vereine. Ob diese Einschätzung in der aufgeheizten Diskussion um das Sportgelände von allen Betroffenen geteilt wird, ist fraglich. Das Parlament hat am Donnerstagabend jedenfalls Fakten geschaffen und den Antrag von SPD und Grünen mit großer Mehrheit beschlossen. Vier der Jastimmen kamen aus den Reihen der CDU. Sieben Neinstimmen und fünf Enthaltungen wurden nach fast zweieinhalb Stunden engagierter Diskussion gezählt. Wie sehr das Thema aufwühlt, zeigt auch die Tatsache, dass es rund 60 Zuhörer bei der Sitzung gab.

Beschlossen wurde die überarbeitete Fassung des Antrags. Darin steht, dass die »Neumühle« TuBa als »Heimspielstätte« zur Verfügung gestellt werden soll. Um einen »reibungslosen Sportbetrieb« sicherzustellen, soll es Absprachen mit den anderen nutzungsberechtigten Vereinen geben, insbesondere mit dem FC Gießen 1927 Teutonia/1900 VfB. Dieser war im Ursprungsantrag nicht erwähnt. Kernpunkte des überarbeiteten Antrags sind, den Kunstrasenplatz zu sanieren und den Bau eines Multifunktionsgebäudes zu prüfen.

Die Debatte bewegte sich im Kern auf drei Ebenen. Es ging um den Antrag selbst und um einen Änderungsantrag der CDU. Vertreter von SPD und Grünen äußerten erneut viel Kritik an der scharf formulierten Pressemitteilung der CDU zum Ursprungsantrag. Und in einem geringeren Maße wurde das Sportstättenentwicklungskonzept thematisiert.

Die Anträge

SPD-Fraktionsvorsitzender Alexander trug auch mit Blick auf die vielen Zuschauer den kompletten Antrag vor. Der Idee eines dritten Kunstrasenplatzes für TuBa erteilte er aus finanziellen Gründen eine Absage. Es gehe nur um die Entscheidung zwischen Watzenborn-Steinberg und Garbenteich. Als entscheidender Faktor spreche das Baurecht für die »Neumühle«. In Garbenteich drohten Klagen von Anwohnern, die die Umsetzung um Jahre verzögern würden. An der »Neumühle« solle ein Spielbetrieb für den FC Gießen und TuBa ermöglicht werden. »Die parteipolitische Hinhaltetaktik muss endlich ein Ende haben«, forderte Alexander.

Der CDU-Änderungsantrag bezieht auch den SV Garbenteich in die Diskussion mit ein. Wie Lorenz Diehl erläuterte, soll der Magistrat in Gesprächen mit allen drei Vereinen Belegung und Bedarf an Kunstrasenplätzen und den Sanierungsbedarf ermitteln. Ziel soll sein, dass TuBa eine in allen Witterungslagen geeignete Heimspielstätte findet. Dem Verein soll außerdem ermöglicht werden, »an geeigneter Stelle« ein Vereinsheim zu bauen. Alle drei Vereine könnten von einer Neuorganisation der Kunstrasenkapazitäten profitieren.

»Außengelände wie bei den Hottentotten«

Bürgermeister Andreas Ruck (parteilos) informierte über den Unterpachtvertrag des FC Gießen, der nur das Sportheim betreffe. Der Vertrag wurde rückwirkend zum 1. Januar 2005 mit dem Vorläuferverein SC Teutonia Watzenborn-Steinberg getroffen und läuft bis 31. Dezember 2054. In einem Gespräch mit dem Notvorstand des FC Gießen, Turgay Schmidt, habe er vorgeschlagen, den Vertrag gegenseitig zu kündigen. Dann könne man gemeinsam in die Zukunft gehen. Der Bürgermeister warf dem FC Gießen vor, nicht mit offenen Karten zu spielen, und kam auf das Sportheim zu sprechen. Dieses befinde sich in einem »sehr fragwürdigen Zustand«. Und weiter: »Außer den Alt-Teutonen will da keiner auf die Toilette gehen. Und das Außengelände sieht aus wie bei den Hottentotten. Auf dem Rasenplatz mussten wir Heu machen. So wird damit umgegangen, das ist ein Unding«, empörte sich Ruck. Von einem »äußerst fragwürdigen Geschäftsgebaren« war die Rede und davon, dass sich das Amtsgericht den Notvorstand mal genauer anschauen solle. Später in der Diskussion legte er nach, dass das Sportheim aus hygienischen Gründen geschlossen werden müsste.

Professor Ernst-Ulrich Huster (SPD) betonte, dass es darum gehe, dass TuBa als gleichwertiger Verein angesehen werde. Er forderte dazu auf, »verbal abzurüsten. Wir haben nicht zwei Sorten Pohlheimer Bürger. Ich finde es infam, wenn gesagt wird, dass den Deutschen etwas weggenommen und den Ausländern gegeben wird«.

»Die Diskussion ist emotional sehr aufgeladen«, stellte der Grünen-Fraktionsvorsitzende Simon Hafemann fest. Zum CDU-Antrag meinte er, dass es nur um Garbenteich oder Watzenborn-Steinberg gehe und die Pläne an der »Neumühle« einfacher umzusetzen seien. Eine Spielstätte führe zu Synergien und geteilten Kosten. »Die Ängste und Bedenken des FC Gießen sind nachvollziehbar. Aber die Bedürfnisse von TuBa geraten dadurch in den Hintergrund, und das ist der Missstand, der gelöst werden muss.«

FW-Fraktionsvorsitzender Andreas Schuch kündigte Enthaltung an. »SPD und Grüne wollen TuBa den Rücken stärken, aber die Kommunikation hat eher das Gegenteil bewirkt.« Schuch schlug einen »runden Tisch« mit Vertretern von Vereinen, Politik und Verwaltung vor, der unter fachkundiger Moderation die bestmögliche Lösung finden solle.

»Warum sollen sich die beiden größten Vereine einen Platz teilen, wenn der in Garbenteich nicht ausgelastet ist?«, wollte Dr. Melanie Neeb (CDU) wissen. Unstrittig sei, dass TuBa dringend eine geeignete Spielstätte mit Umkleiden, Duschen etc, benötige. Zwei Kunstrasenplätze in einer Stadt seien »absoluter Luxus«, der sinnvoll genutzt werden müsse. Sie plädierte für einen »neutralen Moderator, am besten ohne Politik«.

»Längst überfällig«

Aus Sicht von Risko Bulut (CDU) ist das Grundproblem, dass der FC Gießen niemanden sonst auf dem Platz wolle. »Aber der Kunstrasenplatz wird auch für den FC Gießen saniert, ein Multifunktionsgebäude ist für alle Vereine und der Rasenplatz wird auf ein anderes Niveau gebracht. Das ist eine Chance für Pohlheimer Vereine und längst überfällig.« Für diese Aussage erhielt er Applaus von SPD und Grünen. Er kündigte Unterstützung für deren Antrag an.

Matthias Kücükkaplan (SPD) beklagte die »lang anhaltende Ungleichbehandlung« von TuBa. Selbst kleinste Verbesserungen hätten im Parlament zu kontroversen Diskussionen geführt. Dass sich der Verein angemessen an den Kosten beteilige, sei selbstverständlich. »Der Antrag sucht das Verbindende und nicht das Trennende. Mit ein wenig gutem Willen wird das eine Erfolgsgeschichte für Pohlheim.«

Malek Yacoub (SPD) rief in Erinnerung, dass beide Vereine miteinander verbunden seien. Er hatte sich die Mühe gemacht, Belegungspläne der »Neumühle« zu untersuchen, und kam zu dem Schluss, dass dort nur sechs Mannschaften und die »Alten Herren« trainierten. Andere Teams trainieren in Grüningen oder in Gießen. Außerdem könne man auf dem Kunstrasenplatz auch Termine nach 20.30 Uhr belegen. »Es gibt viele freie Zeiten im Plan«, schlussfolgerte Yacoub. Mit Verwunderung stellte er den aktuellsten Belegungsplan des FC Gießen vor, wonach die »Neumühle« komplett belegt sei. Dass zum Beispiel eine U14-Jugendmannschaft an drei Tagen hintereinander trainiere, fand er »erstaunlich«. SPD-Fraktionsvorsitzender Alexander hatte es zuvor schon deutlicher formuliert: »Belegungspläne aufzubauschen, das gehört sich nicht. Bitte bei den Tatsachen bleiben.« Yacoubs Fazit: »Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.«

»Wir reden wieder mehr über uns als über die Sache«, stellte FDP-Fraktionsvorsitzender Fabian Schäfer fest. »Heute geht hier keiner als Gewinner raus, der Konflikt bleibt.« Ihm fehlten die Infos, um sich zu entscheiden. Deshalb werde er sich enthalten. Schäfer regte an, den Kreisfußballausschuss an den Gesprächen zu beteiligen. Daran anknüpfend meinte Lorenz Diehl (CDU), dass es für die Gespräche Vertrauen brauche. Nach dem Wortbeitrag des Bürgermeisters halte er das für schwierig.

Pressemitteilung der CDU kritisiert

Zur Pressemitteilung der CDU auf den Ursprungsantrag von SPD und Grünen gab es von mehreren Rednern Kritik.

SPD-Fraktionsvorsitzender Alexander sprach davon, dass die CDU »Polemik und Hetze« in die Öffentlichkeit gebracht habe. Sein Grünen-Kollege Hafemann merkte an, dass Dinge in die Welt getragen worden seien, »die so nicht gemeint waren«. »Wie soll man das anders verstehen?«, fragte Dr. Melanie Neeb (CDU) zurück. Aufgabe einer Opposition sei auch, Anträge zu hinterfragen. Professor Helge Stadelmann (CDU) meinte, dass SPD und Grüne den Antrag anders hätten formulieren müssen. »Auch die Pressemitteilung hätte anders geschrieben werden können«, gab Matthias Kücükkaplan (SPD) zurück. »Sie hat die Bevölkerung aufgewiegelt, die Vereine gegeneinander ausgespielt, Hass und Ressentiments geschürt.« CDU-Vorsitzender Jörg Buß und der Fraktionsvorsitzende Malke Aydin sollten Charakter beweisen und sich entschuldigen. Da Kücükkaplan der CDU dabei »niedere Beweggründe« unterstellt hatte, forderte Stadtverordnetenvorsteherin Hiltrud Hofmann (Grüne) ihn auf, dies zurückzunehmen, was er auch tat.

Das Schlusswort hatte Bürgermeister Ruck, der zum Sportstättenentwicklungskonzept über die Auftaktveranstaltung informierte (der Anzeiger berichtete). Dabei sei man auf einem »guten Weg«. Die Uhr zeigte 21.48 Uhr an, als abgestimmt wurde. Zunächst wurde der CDU-Antrag bei zwölf Jastimmen und drei Enthaltungen von der Mehrheit abgelehnt. Der Antrag von SPD und Grünen erhielt dann die Zustimmung.

Was sagen die Verantwortlichen der beiden betroffenen Vereine zum Parlamentsbeschluss? Turgay Schmidt, Notvorstand des FC Gießen, kannte nach eigenen Angaben weder den Antrag von SPD und Grünen, noch das Abstimmungsergebnis. »Ich nehme das Votum der demokratisch legitimierten Parlamentarier zur Kenntnis«, erklärte er dann knapp. Weiter will sich der Rechtsanwalt erst nächste Woche äußern. Aziz Kartal, Vorsitzender des FC Turabdin Babylon, der an der Sitzung teilgenommen hatte, war trotz vorheriger Absprache am Freitag telefonisch nicht zu erreichen. Da in der Parlamentssitzung mehrfach angeregt worden war, einen »neutralen Moderator« für die Gespräche zu finden, wollte der Anzeiger wissen, ob dies für Bürgermeister Andreas Ruck (parteilos) infrage kommt. »Ich führe die Verhandlungen«, kündigte er an. (vb)

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