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Wie durch ein Wunder überlebt

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Dr. Eva Umlauf war als Zeitzeugin der Verfolgung im Nationalsozialismus Gast in der Adolf-Reichwein-Schule. Foto: Schmidt © Schmidt

Dr. Eva Umlauf wurde als zweijähriges Kind am 27. Januar 1945 aus dem Todeslager Auschwitz mit ihrer Mutter und ihrer Schwester befreit und ist heute eines der wenigen noch lebenden Opfer.

Pohlheim (ger). »Wir waren die, die überlebt haben«, sagte Dr. Eva Umlauf am Ende ihres Zeitzeugenberichtes aus dem Lagerleben im Nationalsozialismus. Sie wurde, wie durch ein Wunder, als zweijähriges Kind am 27. Januar 1945 aus dem Todeslager Auschwitz mit ihrer Mutter und ihrer Schwester befreit und ist heute eines der wenigen noch lebenden Opfer. Am 19. Dezember 1942 war sie im Konzentrationslager Nováky in der Slowakei geboren worden.

Als Kleinkind tätowiert

Donnerstagabend war sie auf Einladung der Adolf-Reichwein-Schule (ARS) Pohlheim zum Gedenken an die Pogromnacht und im Rahmen 50 Jahre ARS dort zu Gast und berichtete von den unmenschlichen Ereignissen in der Verfolgung und Unterdrückung, die sie und ihre jüdische Familie im Lagerleben erlebten. Bis heute ist ihre Lagernummer A26959 auf ihrem Arm mit blauer Tinte als Zeichen ihrer Verfolgung sogar als Kleinkind tätowiert. Entsprechend lautete der Titel ihres 2016 veröffentlichen Buches »Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen«, aus dem sie rezitierte.

ARS-Schulleiterin Petra Brüll erinnerte in ihrer Begrüßung zuvor, an die Verantwortung für die Gegenwart, damit die Fakten der Verfolgung und Massenmordes nicht vergessen werden und dies sich nicht wiederholt. Der Namensgeber der Schule, Adolf Reichwein, der seine Standhaftigkeit in seinen Überzeugungen mit dem Tod durch die Nazis bezahlt habe, zitierte sie mit den Worten: »Wir sind die lebendige Brücke, von gestern nach heute.«

Neidhard Dahlen vom Auschwitz-Komitee führte die gekommenen Schüler mit ihren Eltern in die Thematik des damaligen Rassismus und Antisemitismus ein. »Jeden Tag wird die Würde des Menschen angetastet«, so Dahlen auch im Blick auf die gegenwärtige Welt und den russischen Angriffskrieg. Gedenken schaffe Haltung und würdige in Demut die Opfer.

»Wir wussten, was passiert«, bestätigte Eva Umlauf auf Nachfrage von den Zuhörern im Blick auf ihre ersten Lebensjahre im KZ. »Kinder spüren das.« Aber auch die späteren Erzählungen in ihrer Familie und durch die Mutter ließen das Lagerleben in ihren Gedanken nicht vergessen.

Es war nach ihrer Geburt im KZ Novácik. Ihre 19-jährige Mutter Agnes Jech und Vater Imrich waren dort Zwangsarbeiter und dort von der »Vasalen Regierung« der Slowakei interniert. Dort waren allerdings schon die SS-Berater aktiv. Nach der Niederschlagung eines Aufstandes in der Slowakei rückten Wehrmacht und SS ein und das veränderte alles. Ihre Familie wurden mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz gebracht, berichtete sie. Ob es Glück oder Gottes Wille war, konnte sie nicht sagen, aber es wurde später der »glückliche Transport« genannt, weil allein dabei 60 Kinder überlebten.

Ihr Vater verstarb allerdings auf einem der Todesmärsche bei der Räumung vor der heranrückenden Roten Armee, die ihrer Mutter und den beiden Schwestern trotz all der Schrecken erspart blieben. »Ich wünsche mir, dass das Geschehene verstanden und verarbeitet wird«, zitiert sie aus ihrer Rede zum Gedenken an die Opfer in Auschwitz 2014 und hoffe dies auch für die zukünftigen Generationen, wie die in der Adolf-Reichwein-Schule. »Sie leben, was für ein Wunder«, hatte damals 1945 ein Passant nach der Befreiung zu ihr gesagt. Heute versteht sie die damaligen Worte erst so richtig, die später als Medizinerin und Autorin tätige Eva Umlauf.

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