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»Nicht vergessen lassen«

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Von: Debra Wisker

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Florian Langecker, Silvia Linker, Jens Hausner und Wolfgang Sommerlad (v.l.) inmitten der Gedenkstätte. Foto: Wisker © Wisker

Seit dem 14. September mahnen in Londorf 16 Stelen an das Schicksal der jüdischen Mitbürger, die dem Holocaust zum Opfer fielen.

Rabenau (dge). »Emotional« war das Wort, das im Rückblick auf die Feier zur Einweihung der Erinnerungsstätte am häufigsten fiel. Seit dem 14. September mahnen in Londorf 16 Stelen an das Schicksal der jüdischen Mitbürger, die dem Holocaust zum Opfer fielen. »Als die Laster kamen, war die Macht der Anständigen erschöpft«, bringt es Jens Hausner auf den Punkt.

Vor Ort trafen sich nun Hausner, der Initiator der Gedenkstätte, Wolfgang Sommerlad (Verein für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau) sowie Bürgermeister Florian Langecker mit Silvia Linker (Vorstand Stiftung der Sparkasse Grünberg). »Wir übernehmen unseren Beitrag für die Region gerne. Danke, dass Sie dieses Projekt mit so viel Herzblut umgesetzt haben«, erklärte Linker und überreichte einen symbolischen Scheck über 2000 Euro. Im Rahmen der Einweihungsfeier sei es einfach unpassend gewesen, den Scheck zu zücken. »Das sollte da nicht im Vordergrund stehen«, so Linker weiter. Neben der Sparkassenstiftung trugen Sponsoren und zahlreiche Spenden aus der Bevölkerung dazu bei, dass der insgesamt sechsstellige Betrag zusammen kam, der ermöglichte, dass die Stelen nun ihren Platz an der Ecke Gießener Straße/Marburger Straße gefunden haben. Es sei, so Hausner, »ein kleines Inselchen der Erinnerung, ganz nah am Standort der ehemaligen Synagoge«.

Nachfahren

Ein Blick zurück: Zur Einweihungsfeier waren die Nachfahren der jüdischen Familien angereist, darunter auch der Präsident der Harvard-Universität (Cambridge, Massachusetts), Dr. Lawrence Bacow. Am 18. Oktober 2018 hatte Jens Hausner zum ersten Mal von der jüdischen Gemeinde in Londorf erfahren. »Ich habe meine Groß-Groß-Kusine nach meiner Großmutter gefragt. Da fiel der Name Ruth Wertheim, dem Nachbarskind.« Ein Name, der ihn nicht mehr loslassen sollte. Ruth Wertheim die Mutter von Lawrence Bacow, lebte als Kind mit ihrer Familie in Londorf, war hier aufgewachsen. Sie war die einzige, die die Deportation überlebte, dem Tod im Konzentrationslager entkam und in die USA emigrierte. Den Mitgliedern der Familien von Will Jonas, Bertie Blumenthal und Siegbert Schönfeld war dieses Glück nicht beschieden. Sie alle wurden im September 1942 auf Laster geladen und deportiert. Hausner fand im Team vom Heimatverein schnell Mitstreiter, auch die Kommunalpolitik zeigte sich gegenüber seinem Vorhaben über alle Fraktionen hinweg beeindruckt. Im Rahmen seiner Recherchen stieß er auf die »Ruth Wertheim-Papers«, Briefe, die Wertheim an Angehörige in den USA geschrieben hatte.

Als Jens Hausner dann Anfang 2022, zum 80. Jahrestag der Deportationen, den Film »Wannseekonferenz« sieht, wird ihm erst so richtig klar, dass das, was damals in Berlin beschlossen wurde, seine Auswirkungen bis ins kleinste Dorf hatte. Auch bis in sein Heimatdorf Londorf.

Da sich die Deportation der jüdischen Mitbürger im September vor 80 Jahren zugetragen hatte, sollte die Einweihung der Erinnerungsstätte auch in diesem Monat stattfinden. Es war ein enges Zeitfenster, das man sich vorgenommen hatte. »Ich habe all meinen Mut zusammen genommen und im Januar eine E-Mail an Lawrence Bacow geschrieben.« Die Antwort kam umgehend, war am nächsten Morgen da. Auf jeden Fall, schrieb Bacow, werde er kommen. Über Karen Jungblut von der Shoa Foundation und weitere Recherchen wurden die Nachfahren der weiteren Familien ausfindig gemacht und eingeladen. Es folgen wöchentliche Videokonferenzen, aus der Idee wird ein Projekt, das mit heißer Nadel gestrickt wird. Und es gelingt.

Die Nachfahren der ehemaligen jüdischen Mitbürger hätten sich im Nachgang zur Einweihungsfeier bedankt. Sie hätten so manches erfahren, was sie zuvor nicht wussten, könnten nun alte Fotos ganz anders einordnen. Doch es geht weiter, die Erinnerungsstätte in Londorf ist nicht der Schlusspunkt. Jens Hausner und Wolfgang Sommerlad haben noch einiges vor.

Kurse für Schüler

Zum einen soll noch eine Info-Tafel installiert werden, zum anderen soll es im Museum der Rabenau Kurse für Schulklassen geben. Hausner ist selbst Lehrer und meint, es reiche nicht, einfach nur Konzentrationslager zu besuchen. Vorher müsse den jungen Menschen bewusst gemacht werden, dass die Gräuel des Nazi-Regimes direkt vor der Haustür passiert seien. »Nicht vergessen lassen« hat man sich auf die Fahne geschrieben. Schließlich habe es auch in weiteren Ortsteilen von Rabenau jüdische Mitbürger gegeben, erinnert Wolfgang Sommerlad.

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Am 14. September wurde die Erinnerungsstätte in Londorf eingeweiht. Foto: Wisker © Wisker

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