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Blick in Burkhardsfeldener Geschichte

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Die Unterzeichnung der Eingliederung von Hattenrod, Saasen und Winnerod am 14. Dezember 1970. © Gemeinde Reiskirchen

Der Ortsteil Burkhardsfelden zählt seit 50 Jahren zur Großgemeinde Reiskirchen. Am 1. April 1972 wurde die Gemeinde eingegliedert.

Reiskirchen (red). Am 1. April feierte das Dörfchen Burkhardsfelden ein beachtliches Jubiläum in seiner Geschichte. Denn genau dann zählt der Ortsteil seit 50 Jahren zur Großgemeinde Reiskirchen. Die Ortsteile Hattenrod, Saasen und Winnerod wurden bereits am 31. Dezember 1970 eingegliedert.

Wandel

Durch den zunehmenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel in den 1960er Jahren waren kleinere Dorfgemeinden kaum in der Lage, Verwaltungsaufgaben effektiv zu bewältigen. Die Forderungen, modernere Wohn- und Betriebsverhältnisse zu schaffen oder neuzeitliche Bildungs- und Sozialeinrichtungen auszubauen, wurden immer größer. Mit einer Neugliederung der Kreise und Gemeinden beabsichtigte das Land Hessen, die vielen kleinen Gemeinden zu größeren und leistungsfähigeren Verwaltungseinheiten zusammenzuschließen. Als Anreiz wurden den Gemeinden bei einem freiwilligen Zusammenschluss erhöhte Schlüsselzuweisungen für zehn Jahre zugesagt.

Auch im Raum Reiskirchen entschied man sich für diesen Weg. Im Juli 1969 wurde die erste Modellplanung zur gebietlichen Neugliederung auf der Gemeindeebene im Landkreis Gießen veröffentlicht, die den Zusammenschluss der Gemeinden zu kleineren Gemeindegruppen vorsah.

Zudem wurde das Geographische Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen mit einer Erarbeitung eines Raumordnungsplanes für den Landkreis Gießen beauftragt. Die Eingliederung von kleineren Gemeinden an Reiskirchen erschien aufgrund des Verkehrsnetzes der Autobahn und der B 49 besonders günstig. Außerdem wies die Gemeinde beachtliche Bevölkerungs- und Gewerbezunahmen auf. Eine erste Proberechnung ergab, dass sich die Schlüsselzuweisungen bei einem freiwilligen Zusammenschluss der Gemeinden Winnerod, Hattenrod, Lindenstruth und Reiskirchen verdoppeln würden.

Debatte

Auf Einladung der Gemeinde Reiskirchen trafen im Oktober 1970 die Gemeindevertreter von Harbach, Hattenrod, Burkhardsfelden, Oppenrod, Bersrod, Winnerod, Saasen und Lindenstruth zusammen, um über einen möglichen Zusammenschluss zu debattieren. Der Vorteil einer kommunalen Einheit war, dass mit den höheren Zuschüssen mehr Investitionsmaßnahmen für die Grundversorgung vorgenommen werden könnten. Die Bediensteten der Gemeindeverwaltungen würden von der Hauptverwaltung übernommen werden und die ehrenamtlichen Bürgermeister einen Ehrensold erhalten.

In den Ortschaften sollten Ortsbeiräte gewählt werden, mit denen ein gemeinsamer Flächennutzungsplan und die Änderung der Gebührensätze abzustimmen sei. Hauptsitz der neuen Verwaltung sollte die sowieso im Bau befindliche Verwaltung in Reiskirchen sein, jedoch sollten in den Ortsteilen weiterhin Sprechstunden stattfinden. Örtliche Probleme könnten somit gemeinsam geregelt werden.

In vielen Gemeinden befürchtete man allerdings, die rechtliche sowie finanzielle Eigenständigkeit und die Bürgernähe zu den Einwohnern zu verlieren, und stattdessen auf hohen Gebühren sitzen zu bleiben. In einer gemeinsamen Gemeindevertretersitzung wurde beschlossen, ab dem 15. Oktober 1970 einen Ausschuss zu bilden, der sich mit der Ausarbeitung eines Zusammenschlussvertrages befassen sollte.

Aus den Gemeinden Lindenstruth und Bersrod nahm jedoch kein Ausschussmitglied an diesen Sitzungen teil. In einem Auseinandersetzungsvertrag sollten die gewünschten Investitionsmaßnahmen der Gemeinden für die nächsten fünf Jahre festgehalten werden. Mit der Durchführung dieser Maßnahmen sollten in allen Ortsteilen wertgleiche Lebensbedingungen geschaffen werden.

Vor Jahresende

Die finanziellen Zuschüsse sollten vorrangig für den Straßenausbau, die Modernisierung der Straßenbeleuchtung, den Kanalbau, die Fertigstellung der Kindergärten sowie für den Ausbau der Sporthallen, Gemeinschaftshäuser und der Leichenhallen verwendet werden.

Da ab dem Jahr 1971 die erhöhten Schlüsselzuweisungen für freiwillige Zusammenschlüsse gekürzt werden sollten und noch vor Jahresende von 1970 die Anträge für einen Zusammenschluss von der Kommunalaufsicht genehmigt werden mussten, musste in den Gemeinden ein eiliger Beschluss über den Gemeindezusammenschluss gefasst werden. Man vermutete, dass ab 1972 die Gemeindegebietsreform gesetzlich durchgesetzt werden sollte.

Ettingshausen führte aus geographischen und kostensparenden Gründen Verhandlungen mit Hattenrod, Harbach, Queckborn, Münster, Ober-Bessingen und Nieder-Bessingen, um ein eigenes Verwaltungszentrum zu bilden. Im Jahr 1970 konnte Ettingshausen durch eine große Industrieansiedlung und das von den umliegenden Gemeinden gut besuchte Schwimmbad trumpfen. Die Vertreter von Ettingshausen, Münster und Ober-Bessingen hatten sich noch Ende 1970 für einen Zusammenschluss der Dörfer ausgesprochen. Da die Aufsichtsbehörde allerdings Gemeindegrößen von circa 5000 bis 10 000 Einwohner anvisierte, befürchtete man bei einer zukünftigen gesetzlichen Zusammenlegung die Eingliederung zu einer anderen Großgemeinde.

Um die Bevölkerung über den Gemeindezusammenschluss zu informieren, wurden in den Ortschaften Bürgerversammlungen einberufen. Da kleine Gemeinden mit weniger als 300 Einwohnern automatisch eingegliedert werden sollten, entschied sich Winnerod noch 1970 für einen freiwilligen Zusammenschluss mit Reiskirchen. Saasen entschied sich gegen einen Zusammenschluss mit Grünberg und gliederte sich ebenfalls 1970 Reiskirchen an. Die Gemeinde Hattenrod schwankte zwischen einem Zusammenschluss mit Ettingshausen oder mit Reiskirchen. Auch Harbach wägte eine Eingliederung zu Grünberg oder zu Reiskirchen ab.

Beschluss

Nachdem in den Ortschaften Winnerod, Saasen, Hattenrod und Reiskirchen ein Beschluss zur Eingliederung »aus Gründen des öffentlichen Wohles« vorlag, wurde am 14. Dezember 1970 der Auseinandersetzungsvertrag von den damals amtierenden Bürgermeistern und Beigeordneten gemeinsam unterzeichnet. Mit der Genehmigung der Hessischen Landesregierung wurde die Eingliederung zum 31. Dezember 1970 rechtswirksam.

Da bis zum Jahresende von 1971 nicht genügend Beschlüsse für den Änderungsvertrag für den Raum Ettingshausen vorlagen, annullierten Münster und Ober-Bessingen ihre Entscheidung bezüglich Ettingshausen, und gingen aufgrund der noch für 1971 zustehenden Schlüsselzuweisungen eine Eingliederung mit den Städten Laubach und Lich ein.

Am 1. April 1972 wurde die Gemeinde Burkhardsfelden in die Gemeinde Reiskirchen eingegliedert. Schon zuvor äußerte sich der ehemalige Bürgermeister Rühl in einem offenen Bürgerbrief an die Bevölkerung: »Während in Hessen die Verwaltungsreform auf freiwilliger Basis läuft, wird in absehbarer Zeit die Verwaltungsreform auf gesetzlicher Grundlage durchgeführt werden. Diese zeitgemäße Reformwelle wird auch vor den Toren unserer Gemeinde nicht haltmachen.«

Letztendlich wurde die Gemeindevertretung von den Bestimmungen des Grenzänderungsvertrages überzeugt. In einer Klausel des Grenzänderungsvertrages, der am 30. März 1972 unterzeichnet wurde, wurde auch festgehalten, dass, falls es in den nächsten fünf Jahren keinen allgemein gesetzlichen Zusammenschluss von Gemeinden geben sollte, die Gesamtgemeinde die Zurückgewinnung der Selbstständigkeit unterstützen würde.

Zu den geplanten Investitionen bis 1977 zählte unter anderem die Fertigstellung der Leichenhalle, die Fertigstellung des Spielplatzes, die Modernisierung der Straßenbeleuchtung, der Erwerb von Bauland, der Bau eines Löschwasserbehälters, der Ausbau der Feldwege und der Ausbau eines neuen Sportplatzes.

Für die Umsetzung der Maßnahmen wurden abzüglich der Zuschüsse 703 200 DM im fünfjährigen Investitionsplan angesetzt.

Der damalige Bürgermeister Hermann Rühl, der seit 1952 das Amt des Bürgermeisters in Burkhardsfelden innehatte, wirkte später im Ortsbeirat Burkhardsfelden und bis 1977 als Beigeordneter im Gemeindevorstand der Gemeinde Reiskirchen mit.

Mit dem Gesetz zur Neugliederung des Dillkreises, der Landkreise Gießen und Wetzlar und der Stadt Gießen vom 13. Mai 1974 folgte die gesetzliche Durchführung der Gebietsreform. Nach der Modellplanung des Hessischen Ministers des Innern sollten die Gemeinden Reiskirchen, Bersrod, Ettingshausen und Lindenstruth eine Gemeinde bilden. Die Eingliederung von Ettingshausen, Lindenstruth und Bersrod wurde ab dem 1. Januar 1977 wirksam.

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Seit 50 Jahren gehört Burkhardsfelden zur Gemeinde Reiskirchen. © Gemeinde Reiskirchen
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Mit der Urkunde aus Wiesbaden gehörte Burkhardsfelden schließlich offiziell zu Reiskirchen. © Gemeinde Reiskirchen

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