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»Frevel an Landschaft und Natur«

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Von: Sonja Schwaeppe

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Rund 50 Personen, darunter mehrheitlich Mitglieder von Verkehrswende-Initiativen aus der Umgebung und auch einige Reiskirchener Bürger, beim Spaziergang entlang des Trassenverlaufs der geplanten Südumgehung. Foto: Schwaeppe © Schwaeppe

Jörg Bergstedt von der Projektwerkstatt Saasen begrüßte rund 50 Teilnehmende, die sich beim Spaziergang einen Eindruck vom geplanten Trassenverlauf der B -49Südumgehung verschaffen wollten.

Reiskirchen (son). »Wir schauen uns heute einmal an, wie schön es hier ist - und es auch bleiben soll.« Jörg Bergstedt von der Projektwerkstatt Saasen begrüßte rund 50 Teilnehmende, die sich bei einem Spaziergang einen sinnlichen Eindruck von dem geplanten Trassenverlauf der Südumgehung der B 49 verschaffen wollten. Auf rund 4,2 Kilometern soll das Straßenbauprojekt südlich von Reiskirchen und Lindenstruth verlaufen.

»Völlig aus der Zeit gefallen«

Umweltschützer sehen dies als einen großen Frevel an Natur und Landschaft. Angesichts des Klimawandels und des überall sichtbaren Verlustes von Biodiversität sei dieses Straßenbauprojekt ›völlig aus der Zeit gefallen‹«, heißt es in einer Pressemitteilung des Verkehrsclubs Deutschland (VCD).

Der Vorsitzende des Kreisverbandes Gießen, Dietmar Jürgens, war ebenfalls vor Ort. »Es gibt eine echte Alternative zum Autoverkehr. Nämlich den zweigleisigen Ausbau der Vogelsbergbahn mit zusätzlichen Haltepunkten in Lindenstruth, Buseck-Ost und Rödgen«, sagte er. Auch ein gut ausgebautes Radwegenetz und ein tragfähiger ÖPNV würden mehr und nachhaltig zu einer Entlastung der Ortskerne beitragen als eine Umgehungsstraße, die letztlich nur mehr Autoverkehr anziehe.

Jürgens bedauerte, dass eine vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Kassel eingereichte Klage gegen den Planfeststellungsbeschluss abgewiesen wurde. Dort hatte Anfang Oktober der zweite Senat den Beschluss zur Südumgehung aus dem Jahre 2016 bestätigt. Eine Revision wurde nicht zugelassen.

Die Kläger, zum einen die Inhaberin des »Sonnenhofs« in Lindenstruth und zum anderen der Landesverband des VCD, hätten allerdings noch die Möglichkeit, Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig einzulegen - wenn die schriftliche Urteilsbegründung vorliegt. »Das wird vermutlich Ende Januar 2023 der Fall sein«, erklärte Jürgens. Er hofft zudem, zukünftig mehr Menschen aus Reiskirchen für die Alternativen zur Umgehungsstraße gewinnen zu können. Bei dem Spaziergang waren die Reiskirchener nämlich in der Minderheit. Vornehmlich Verkehrswendeaktivisten aus den umliegenden Gemeinden und aus Gießen hatten das Informationsangebot angenommen.

Die Geschichte zur Planung der Südumgehung hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel: Schon im Verkehrswegeplan von 1968 war eine solche Umgehung um Reiskirchen und Lindenstruth angedacht. Im Jahre 1991 schließlich stimmte die Gemeinde für den Bau der Südtrasse. Die Reiskirchener Grünen und die Naturfreunde Jossolleraue strengten schließlich im Jahre 2009 einen Bürgerentscheid an, der allerdings scheiterte. Das Regierungspräsidium Gießen schloss das Anhörungsverfahren 2013 ab.

Nach mehreren Aktualisierungen landete der Planfeststellungsbeschluss im Jahr 2016 schließlich auf dem Schreibtisch des damaligen Staatssekretärs im hessischen Verkehrsministerium, Mathias Samson, der ihn auch unterschrieb. Im Frühjahr 2017 reichten Carmen Grieb vom »Sonnenhof« und der VCD-Landesverband Klage ein.

Entmutigen lassen wollen sich die Befürworter der alternativen Lösungen allerdings nicht. Gründe gegen den Ausbau der B 49 gebe es genug, wie die Aktivisten aufzählen: Flächenversiegelung, Zerschneidung der Landschaft, mehr Lärm, die steigenden Unfallgefahren durch eine Schnellstraße und die Bedrohung der Natur.

Der Kreisbeauftragte Vogelschutz, der wie der VCD-Kreisverbandsvorsitzende Dietmar Jürgens heißt, verwies im Bereich des Naturschutzgebiets »Jossolleraue« auf die negativen Auswirkungen der Straße auf die Vogelwelt. »Wir haben hier kleinräumige, vielfältige Strukturen, die Lebensraum für Vogelarten wie Heckenbraunelle, Goldammer und Neuntöter bieten«, sagte Jürgens. Die Straße würde die Tiere nicht einfach nur verdrängen - »sie gefährdet sie auch massiv«. Von der Belastung durch den Lärm und dem steigenden Eintrag von Stickoxiden in die Umgebung ganz abgesehen. »Wir sollten Bestehendes bewahren und uns nicht dem Trugschluss hingeben, man könne intakte Natur irgendwo und irgendwie ausgleichen.« Wenn die Politik Artenschutz ernst nehme, dann dürfe die Straße nicht gebaut werden.

Nicht zuletzt bedeute der Bau eine enorme Geldverschwendung. Der Planfeststellungsbeschluss geht von einer Investition in Höhe von 16,4 Millionen Euro aus. Diese dürfte angesichts der aktuellen Preisentwicklungen mittlerweile deutlich höher ausfallen. Geld, das die Verkehrswende-Aktivisten lieber in sinnvolleren Maßnahmen eingesetzt sähen.

Am Martinsheim in Lindenstruth endete schließlich der Spaziergang. »Die Südtrasse, würde sie denn gebaut, verliefe genau durch das Tal hier und würde direkt zwischen dem Pferdehof und dem Martinsheim in Richtung der B 49 geführt«, zeigte Jörg Bergstedt den Verlauf an. Der Hang, an dem »Sonnenhof« und das Martinsheim liegen, müsste für die Straße zwischen den Liegenschaften eingeschnitten werden. Mehrere Hektar Land gingen dem Reiterhof verloren, abgesehen von den sonstigen Beeinträchtigungen durch die dann nur wenige Meter entfernte Schnellstraße. »Aber«, so meinte Jörg Bergstedt verschmitzt: »Die Straße wird nicht gebaut. Die Jossolleraue ist schön. So soll es bleiben.«

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