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Keine Chance für Mauerblümchen

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Von: Emanuel Zylla

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Traudel Nicko und ihr Mann können nicht verstehen, dass sie die Wildblumen an ihrer Grundstücksmauer entfernen mussten. Diese seien ein Anziehungspunkt für Insekten gewesen. Foto: Zylla © Zylla

Eine Reiskirchenerin musste Blumen an ihrer Grundstücksmauer entfernen und ist mit Blick auf Umweltschutz und Insektensterben von der Gemeindeverwaltung enttäuscht.

Reiskirchen (zye). Sind Mauerblümchen Unkraut oder sind sie in Zeiten von sinkenden Insektenpopulationen wichtiger denn je? In Reiskirchen sorgte diese Frage für eine Meinungsverschiedenheit zwischen der Gemeindeverwaltung und einer Anwohnerin. Ökologisches Denken kollidierte mit der Straßenreinigungssatzung der Gemeinde.

»Ich wohne seit über 50 Jahren hier, aber sowas hat es noch nicht gegeben«, schildert Traudel Nicko, die mit ihrem Mann in der Straße »Am Stock«, Ecke Bersröder Weg wohnt. Schon seit »zehn bis zwölf Jahren« würden Wildblumen aus ihrer Mauer wachsen. Bisher habe das niemanden gestört, auch nicht die Nachbarn. Die Mauerblumen haben ihren Ursprung sehr wahrscheinlich in ihrem sehr bunten Garten, wo auch viele Insektenarten leben. Also eigentlich so, wie sich Kommunen das in Zeiten des Klimawandels und Insektensterbens von ihren Bürgern wünschen.

Das Paar hat sich nun jüngst über ein Schreiben der Gemeinde gewundert. »Aufforderung zur Straßenreinigung«, heißt es im Betreff. Es wird darum gebeten, »eine Straßenreinigung und Beseitigung des Unkrautbewuchses« vorzunehmen. »Spätestens zum 27.08.2022« sollte dies erledigt sein. Traudel Nicko griff genervt zum Telefonhörer und rief bei der Gemeindeverwaltung an. Doch zu ihrer Enttäuschung wurde sie erneut auf ihre Verpflichtung zur Gehwegreinigung verwiesen. Es wurde keine Chance für einen Kompromiss.

Beim Besuch des Anzeigers machte der Gehweg einen sauberen und gefegten Eindruck. Er war von sämtlichem Grün befreit. Die kurzen Wildblumen, die einst auf Bodenhöhe aus der Ecke ihrer tiefen Gartenmauer wuchsen, hatte die Reiskirchenerin aus den Fugen entfernt. Dabei seien die Pflanzen ein Anziehungspunkt für viele Insekten gewesen.

Ein weiterer Grund für die schriftliche Aufforderung der Gemeinde waren die langen, gelben Königskerzen, die in der Kurve vom Bersröder Weg aus der Fuge der Mauer auf den Bordstein ragten. Aus Sicht von Traudel Nicko war das aber kein Problem, schließlich sei der Gehweg mit rund 2,40 Metern relativ breit. Genug Platz wäre hier, um noch an den Blumen vorbeizulaufen. Gerne hätte sie auch die Pflanzen an ihre Mauer zurückgebunden, aber auch das sei nicht gewünscht. Traudel Nicko tat sich sichtlich schwer damit, eine Straßenreinigung dieser Art zu akzeptieren.

Kompromiss?

Deshalb die Frage an Bürgermeister Dietmar Kromm (parteilos): Warum gab es keinen Kompromiss? »Ein Kompromiss ist in unserer Straßenreinigungssatzung nicht vorgesehen. Das wäre auch kontraproduktiv. Daher ist es sinnvoll, dass Eigentümer ihrer Reinigungspflicht nachkommen. Niemand möchte unbedingt entsprechende Ersatzvornahmen durchführen, allerdings machen wir davon Gebrauch, wenn es nötig ist.«

Der Gehweg im Bersröder Weg mit Traudel Nickos Wildblumenbewachs entspreche »offensichtlich nicht der satzungsgemäßen Definition«, erklärte Kromm weiter. Er habe auch die Fotos begutachtet, die die Anwohnerin per Mail an die Gemeinde geschickt hatte. Das seien »nicht gerade kleine Pflanzen«.

Aber war es Unkraut? »Ob man sich über die Begrifflichkeit des Unkrautes streiten kann oder nicht, spielt für mich in dieser Situation keine Rolle«, betonte der Bürgermeister. »Mag sein, dass die Anwohner eine andere Auffassung haben, als unsere Verwaltungsmitarbeiter.« Letztlich müsse der Gehweg aber von »Pflanzen, Laub, Kehricht und sonstigem Unrat« befreit werden. Kromm hält das Verhalten seiner Verwaltung für »vollkommen nachvollziehbar«.

Traudel Nicko und ihr Mann sind über diese Einstellung enttäuscht. Schließlich würden die Bürger doch regelmäßig aufgefordert, auf Schottergärten zu verzichten und Blühstreifen zu säen. Sie hätten sich über Lösungsvorschläge statt eines strikten Anschreibens gefreut.

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