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Reiskirchen will mehr für Klimaschutz tun

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Von: Volker Böhm

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Wenig überraschend: Auch in Reiskirchen ist der Verkehr maßgeblich verantwortlich für den Energieverbrauch und die Erzeugung von Treibhausgasen. Symbolfoto: dpa © DPA Deutsche Presseagentur

Ein Klimaschutzkonzept für Reiskirchen ist in zwei Ausschüssen einstimmig gebilligt worden. Damit verbunden ist auch, dass die Gemeinde einen Klimaschutzmanager bekommt.

Reiskirchen. 67 Prozent des Endenergieverbrauchs und 68 Prozent der Treibhausgasemissionen in Reiskirchen werden durch den Verkehr erzeugt. Dies haben die Autoren des Klimaschutzkonzeptes für die Gemeinde errechnet. 25 Prozent der Energie werden benötigt, um Wärme zu erzeugen. Das bedeutet einen 18-Prozent-Anteil am Ausstoß von CO2. In der gemeinsamen Sitzung von Haupt- und Finanz- sowie Bauausschuss wurde jeweils einstimmig beschlossen, das Konzept umzusetzen. Das letzte Wort hat morgen Abend die Gemeindevertretung. Mit dem Konzept eng verknüpft ist die Einstellung eines Klimaschutzmanagers. Denn die Personalkosten werden nur gefördert, wenn ein Klimaschutzkonzept mit einem Maßnahmenkatalog vorliegt.

Die Gemeinde bekommt aus dem Programm »Masterplan 100 % Klimaschutz« des Bundesumweltministeriums eine Förderung von 50 Prozent der Personalkosten. Der Manager wird laut Vorlage vorerst für drei Jahre eingestellt. Die Klimaschutzaktivitäten sollen kontinuierlich kontrolliert werden, Der Manager berät und unterstützt die Gemeinde bei den verschiedenen Maßnahmen. Zunächst war angedacht, dass sich Reiskirchen und Fernwald einen Mitarbeiter teilen. Davon hat man Abstand genommen. Im Haushalt 2023 der Gemeinde ist eine ganze Stelle vorgesehen.

Textbausteine und alte Zahlen

Laut Vorlage ist der Maßnahmenkatalog nicht als abgeschlossen zu verstehen und »soll weiter wachsen«. Das ist auch notwendig, denn dem über 60-seitigen Konzept merkt man diversen Stellen an, dass mit Textbausteinen gearbeitet wurde. Im Vorwort ist davon die Rede, dass »viele Inhalte standardisiert« seien. Es gibt Bezüge zu Lollar und der Stadt Gießen, falsche Telefonnummern und es werden Zahlen verwendet, die teilweise von 2011 sind. Der Landkreis hatte bei den Autoren in einer Art »Sammelbestellung« Konzepte für mehrere Kommunen in Auftrag gegeben und auch die Kosten zu 50 Prozent übernommen.

Zum Maßnahmenkatalog heißt es, dass die einzelnen Vorhaben noch mit einem Zeitfenster und einer Beschreibung zu versehen sind und dass »Meilensteine« festgelegt werden müssen. Wegen des hohen Arbeitsaufwandes soll dies erst nach dem Grundsatzbeschluss erledigt werden, heißt es in der Vorlage weiter.

Aus dem Bericht erfährt man, dass Reiskirchen mit 31 Prozent im Kreis-Vergleich einen eher geringen Waldanteil hat. Eher hoch sind hingegen 48 Prozent landwirtschaftliche Flächen.

Die durchschnittliche Wohnfläche hat sich seit 2005 kontinuierlich erhöht. 2014 hatte jeder Einwohner 51,8 Quadratmeter zur Verfügung - vier Quadratmeter mehr als im Kreis-Durchschnitt. 60,5 Prozent aller Häuser sind vor 1978 erbaut worden. Acht Prozent sind denkmalgeschützt.

1270 der Heizungen seien mehr als 15 Jahre alt und entsprächen nicht mehr dem Stand der Technik, heißt es mit Bezug auf Daten von 2015. Wenn man diese gegen moderne Brennwertheizungen austauschen würde, ließen sich Brennstoffkosten von rund 540 000 Euro und CO2-Emissionen von rund 2800 Tonnen pro Jahr einsparen. Für das örtliche Handwerk ergebe sich durch den Austausch alter Heizungen ein wirtschaftliches Potenzial von circa 10,1 Millionen Euro.

Das Problem mit alten Zahlen zeigt sich im Hinblick auf den Anteil der landwirtschaftlichen Flächen. Während am Anfang des Berichts mit Bezug zu 2014 von 48 Prozent die Rede ist, waren es zwei Jahre später 52 Prozent. 35 landwirtschaftliche Betriebe werden angegeben, vier davon wirtschaften ökologisch. Der Ökolandbau sei im Kreis-Vergleich »unterdurchschnittlich verbreitet«.

Die Landwirtschaft in Reiskirchen ist laut Konzept für etwa 4070 Tonnen CO2 pro Jahr verantwortlich (Zahlen von 2016). 43 Prozent davon entfallen auf die Viehhaltung, 31 Prozent auf Diesel, Dünge- und Pflanzenschutzmittel.

Als zentrales Arbeitsfeld eines zukünftigen kommunalen Klimaschutzmanagements wird der Ausbau der Erneuerbaren Energien beschrieben. Mit Solarthermie auf Dächern und Freiflächen lassen sich laut Konzept circa 11 000 Megawattstunden Wärme erzeugen. 60 600 Megawattstunden wären gar denkbar durch den Ausbau der Nutzung von Biomasse (Pellets, Biogas).

Noch höhere Zahlen werden beim Strom genannt. Circa 28 000 Megawattstunden wären es bei Photovoltaik auf Dächern und an Fassaden, mindestens 56 000 Megawattstunden beim Freiflächen-Photovoltaik und circa 12 000 Megawattstunden bei der Windkraft.

Ziele bis 2045 erreichen

Großes Ziel des Masterplans ist, dass die Endenergie bis 2050 um 50 Prozent und die Treibhausgase um 95 Prozent reduziert werden sollen. Der bisherige Strategieansatz im Landkreis - »Wir machen so weiter wie bisher« - sei aber nicht zielführend. Daraus folgt: »Mit Blick auf die ambitionierten Masterplan-Ziele müssen sich die Anstrengungen auf allen Handlungsebenen deutlich erhöhen«, heißt es im Bericht. Durch die Anhebung der Einsparziele im Klimaschutz-Gesetz des Bundes müssten die im Masterplan genannten Ziele schon bis 2045 erreicht werden.

Der konkrete Maßnahmenkatalog für die Gemeinde Reiskirchen umfasst bislang 16 Punkte. Das beginnt mit der Einrichtung des Klimaschutzmanagements, geht weiter mit einer Energieanalyse der gemeindlichen Gebäude und der Analyse des Fuhrparks und reicht bis zu einer Infokampagne zur Gebäudesanierung und einer energetischen Quartierssanierung.

CDU-Fraktionsvorsitzende Petra Süße bat darum, dass der geforderte Bahnhaltepunkt in Lindenstruth, die Aufforstung im Wald und die Neubaugebiete als Energiequartiere noch in das Konzept aufgenommen werden sollten.

Die Debatte drehte sich aber mehr um den Antrag der Grünen, wonach der Gemeindevorstand die Stelle des Klimaschutzmanagers »schnellstmöglich« ausschreiben und besetzen solle. Bürgermeister Dietmar Kromm (parteilos) betonte, dass die Ausschreibung kurz vor der Veröffentlichung stehe. Süße forderte die Grünen auf, den Antrag zurückziehen. Dies sei Aufgabe des Gemeindevorstandes. »Wenn die Ausschreibung bis zur Parlamentssitzung auf der Homepage der Gemeinde steht, ziehen wir den Antrag zurück«, erklärte Dr. Rolf Tobisch (Grüne). Im Ausschuss wurde er bei einer Ja- und sechs Nein-Stimmen abgelehnt.

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