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»Der Boskop ist schlau«

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Roland Ehmig macht mit den angehenden Leistungskursen Biologie einen Rundgang und zeigt, wie schnell ein Leimring angelegt ist. Foto: Heller © Heller

Apfelexperte Roland Ehmig konnte sein Wissen jetzt an die CBES-Schüler weitergeben.

Staufenberg (voh). Er ist kugelrund und ziemlich glatt. Roland Ehmig hat ihm jüngst zu Unesco-Ehren verholfen. Der Treiser »Apfelpapst« und Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins (OGV) warb vor Jahren an der Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) für eine Art Kooperation mit dem Verein.

Äpfel einkaufen könne jeder. Ein Apfelbäumchen selber heranziehen, das wolle er vermitteln. Am 20. Mai, dem Tag der Nachhaltigkeit an den weltweiten Unesco-Projektschulen, war es soweit. Die Biologielehrerinnen Julia Konen und Ruth Seegräber wollten nicht beim allgemeinen Radeln mitmachen oder Müll sammeln, denn sie hatten von Ehmigs Angebot Wind bekommen.

Also besuchten sie vormittags mit ihren Vorleistungskursen der Jahrgangsstufe elf, insgesamt rund 40 Schülerinnen und Schüler, das Gelände des OGV Treis. Die Jugend neugierig machen, was man draußen in der Natur anbauen kann, ist für die Lehrerinnen ihr zukunftstaugliches Tagesargument. Ehmig greift das gerne auf, vermittelte einen hohen Berg Fachwissen und daraufhin auch den Eindruck, dieser Mann sei wohl das wandelnde Lexikon über die Anzucht von Äpfeln. Vor allem spricht Ehmig auf der Basis jahrzehntelanger Erfahrung und hat schon manchen »Nur-Dozenten« überzeugt.

Dass er angesichts einer Riesentraube Reifeprüfungsanwärter selber kein Abitur habe und auch in Fremdsprachen nicht bewandert sei, macht dem gelernten Diätkoch kein Kopfzerbrechen. Sein spezielles Wissen ist vermutlich einzigartig und er gibt es leidenschaftlich weiter - vor allem verständlich. Dafür braucht es kein Abitur. Die zwei Stunden Zeit vergingen wie Fluge. Ein Schnelldurchlauf aber immerhin. Es hätte für eine ganze Projektwoche gereicht. Dann wäre noch die typische Gastfreundschaft des Treiser OGV. Auf Powerpoint-Vortrag und Geländerundgang folgte noch ein Imbiss. Gemütliches Plaudern in lockerer Runde. Das bleibt in guter Erinnerung.

Die begeisterten Bio-Lehrkräfte erhielten ein veredeltes Bäumchen (Cox Orange und Kirsche) für Zuhause. »Makelloses Obst erreichen sie nur durch Spritzen«, erwähnte Ehmig. »Gründlich waschen«, rät Ehmig und »esst mit Schale, das ist enorm wichtig.« 70 Prozent der Vitamine gingen durchs Schälen verloren.

Leckeren Apfelbrei würde auch der Vorsitzende nicht missen, aber beim Kochen litten leider die Vitamine. Die Apfelbaumblüte wandere Richtung Norden durch Deutschland, erfuhren die angehenden Leistungskurse. Ende März komme die Bodenseeregion in Schwung, in der zweiten Maihälfte verebbe sie im Alten Land.

Dieses Jahr hätten die Bäume recht früh geblüht. Ehmig rechnet mit viel Obst. Wenn jedoch die Äpfel am Baum hingen wie Weintrauben, blieben sie eher klein. »15 bis 20 Blätter benötigt eine Frucht für die Fotosynthese«, weiß der Fachmann und plaudert aus dem Nähkästchen: »Nur Boskop ist schlau.«

Normalerweise blühten Apfelbäume zehn bis 14 Tage am Stück. Einzig der Boskop könne bei Bedarf (Kälte, Starkregen) seine Blüten schließen. Bezüglich Wuchshöhe gibt Ehmig zu bedenken: »Kerne machen hohe Bäume.« Hochstämme bräuchten fünf bis sieben Jahre bis zur ersten Ernte. Der Umgang mit einer sogenannten Unterlage (bildet die Wurzeln) und dem Pfropfreis (die gewünschte Apfelsorte) kommt einem vor wie Zauberei. Zwei verschiedene Hölzer werden untrennbar miteinander verbunden, ohne dass ihre Erbanlagen miteinander verschwimmen. Unterlagen würden gezüchtet wie Spargel. Diese kleinen Stecklinge erhalten einen Schnitt. Nach alter Väter Sitte mit dem sehr scharfen Veredlungsmesser oder, ungefährlich, mit der Veredlungszange. Den zweiten Schnitt erhält das Veredlungsreis. Dann noch umwickeln und verschmieren. »Etwa 50 Bäume schaffe ich in einer Stunde«, sagt Ehmig. Welche Frucht auf welche Unterlage passt, ist eine Weisheit für sich. »Auf die Apfelunterlage geht nur das Apfelreis«, erfährt man. Wer Obstsalat mag, aber keine braunen Apfelstücke darin, nimmt den Heuchelheimer Schneeapfel. »Der hat weißes Fleisch, wird nicht so schnell braun, schmeckt leicht säuerlich, ist rotbäckig und hält sich länger frisch.«

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