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»Erinnern ist eine moralische Verpflichtung«

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Konrad Görg und seine Ehefrau Renate waren zu Gast in Daubringen. Foto: Scherer © Scherer

Der Autor Konrad Görg liest im »Wohnzimmer« des Daubringer Kulturcafés und hält ein Plädoyer für Demokratie.

Staufenberg (sle). In das »Wohnzimmer« des Kulturcafés In Daubringen hatte der Verein »Impuls« zur Lesung mit Konrad Görg eingeladen. Der Autor setzte sich in seinem Buch mit dem Thema »Was wir sind und was wir erinnern« auseinander. Die Lesung geriet dabei in großen Teilen zu einem flammenden Plädoyer für Pluralismus, Demokratie und Toleranz.

Der 69-Jährige wurde in Simmern im Hunsrück geboren, und arbeitete nach dem Medizinstudium in Gießen als Arzt für Innere Medizin am Universitätsklinikum in Marburg. Seine Ehefrau Renate Konrad-Görg unterstützte ihn bei der Lesung, musikalisch trugen zum Gelingen der Veranstaltung Peter Schmitt mit der Gitarre, Haylink Park (Geige), und Heinrich Hoffmann am Piano bei.

»Ich empfinde es als eine moralische Verpflichtung, sich in seinem Leben zu erinnern«, erklärte Görg eingangs. Allerdings müsse auch das Interesse für Politik vorhanden sein, sagte er und fügte an, dass der Holocaust in seiner Familie schon immer als das gesehen wurde, wie er auch heute gesehen wird, als absoluter Horror. Er hat zwei Generationen nach Auschwitz ein Buch geschrieben, bei dem er eine Sammlung von Zitaten zusammengetragen hat, die er 2012 in dem Buch veröffentlichte. Er wolle dazu beitragen, »dass wir uns weiterhin unserer geschichtlichen Verantwortung stellen und eine Erinnerungskultur aufbauen, die eine Orientierungskultur für die nach uns kommenden Generationen darstellt«. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stand immer wieder die Frage, wie sich ein Nachgeborener der »Tätergeneration« dem Holocaust nähern dürfe. »Erinnern ist eine besondere Form der Liebe«, stellte er fest.

Bereits 1998 habe Martin Walser in seiner umstrittenen Rede in der Frankfurter Paulskirche die Frage aufgeworfen, wie unsere Kinder und Enkelkinder mit dem Holocaust umgingen. Leider gebe es viele Menschen, die wegsahen. »Wir sind verantwortlich für das, was wir getan haben, und mitverantwortlich für das, was da geschehen ist«, sagte Görg, und ging auch hart ins Gericht mit Wissenschaftlern, die er »Zwerge für alles« nannte, »die man mieten kann«.

»Mutige Bürger«

Große Teile der »Elite« des Dritten Reiches seien eng mit den Nazis verbandelt gewesen, eine Gruppe, die mit den Wölfen heulte. »Damit sich derartiges nicht mehr wiederholt, brauchen wir Schutz vor uns selbst und eine feste Demokratie«, so Görg. Entscheidende Voraussetzungen seien freie, mutige Bürger und in der Gesellschaft absolut verbindliche Werte, wobei »der Lackmustest der Toleranz im Umgang mit Minderheiten liegt«. In seinem Buch berichtet er von der Geschichte des jungen Erwin Katz, der im Alter von zehn Jahren in Auschwitz umkam. Nach vielen Gesprächen mit seinem langjährigen Freund und Studienkollegen Pet, der selbst jüdische Wurzeln gehabt habe, und dessen Onkel Erwin Katz, habe er begonnen, sich intensiv mit Nationalismus und Antisemitismus zu beschäftigen.

Er erstellte das Buch, das seinem Freund und dessen Onkel gewidmet ist. Diese Beschäftigung mit Auschwitz, »einem Abgrund der deutschen Geschichte, ist auch heute, nach nunmehr mehr als sieben Jahrzehnten, zutiefst verstörend«.

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