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Stadt kauft »Bing«

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Von: Debra Wisker

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Beim »Bing« soll wieder Vereinsleben einkehren. Ein definitives Konzept gibt es noch nicht, doch stehen Ideen wie Dorfladen und Begegnungsstätte im Raum. Foto: Wisker © Wisker

Neuer Eigentümer der Traditionsgaststätte »Zum Bahnhof«, in Treis wird die Stadt Staufenberg. Für die Nutzung der Immobilie soll noch ein Konzept erarbeitet werden.

Staufenberg . Die Stadt Staufenberg wird neuer Eigentümer der Traditionsgaststätte »Zum Bahnhof«, in Treis. Wer nun denkt, dass die Kommunalpolitiker ins Gaststättengewerbe einsteigen, ist jedoch auf dem Holzweg.

Für die Nutzung der Immobilie soll noch ein Konzept erarbeitet werden. Vom Dorfladen über den Bürgertreff bis zur Nutzung durch die Ortsvereine stehen vielfältige Ideen für die Verwendung der im Dorf »Bing« genannten Kneipe im Raum, spruchreif ist indes noch keine.

»Einmalige Chance«

Wie Bürgermeister Peter Gefeller in der Sitzung der Stadtverordneten betonte, gehe es zunächst darum, die Immobilie für die Stadt zu sichern, bevor zum Beispiel ein Investor komme. Er nannte den Ankauf eine »einmalige Chance«, dieses ortsbildprägende Gebäude zu erwerben - »und das zu einem für die Stadt annehmbaren Preis«. Wie Gefeller erklärte, habe man sich auf einen Kaufpreis von 150 000 Euro geeinigt, 50 000 Euro sollen für das Inventar bezahlt werden.

Doch bevor es überhaupt zu einer Diskussion und Abstimmung über das Ganze kam, beantragte Wilfried Schmied (CDU) den Tagesordnungspunkt öffentlich zu beraten - zuvor stand er als »nicht öffentlich« auf der Agenda. Dem stimmte das Parlament einhellig zu. Den Punkt von der Tagesordnung zu nehmen und zurück an den Magistrat zu verweisen - ebenfalls ein Antrag der CDU - war zuvor abgelehnt worden. Die Unterzeichnung des Kaufvertrags im Vorfeld und ohne Beschluss der Stadtverordneten verstoße gegen die Hessische Städte- und Gemeindeordnung, begründete Schmied. Dem mochte Claus Waldschmidt (SPD-Fraktionsvorsitzender) nicht zustimmen. Im Kaufvertrag mit sogenannter aufschiebender Wirkung sei schließlich ausdrücklich geregelt, dass der Beschluss bis zum 1. Dezember vorliegen müsse. Daher solle der Punkt »im Sinne der Treiser Bürger« auch in der aktuellen Sitzung beraten werden, konstatierte Waldschmidt. So geschah es denn auch.

Gefeller wies auf die wegbrechende Infrastruktur in Treis hin. Es könne doch nicht angehen, das etwa der Gesangverein »irgendwo im Vorgarten« singe, es fehle schlichtweg an Räumlichkeiten für die Vereine, nachdem nun auch das Gasthaus »Zum Bahnhof« geschlossen habe. Die Kritik, dass hier übereilt gehandelt worden sei, ließ er nicht gelten. »Der Eigentümer wollte jetzt verkaufen, nicht später.« Die Vereine hätten »ab sofort« die Möglichkeit, diese Räume zu nutzen, vorerst in Eigenbewirtschaftung«. Genau wie bei den Hallen könne man eine Betriebskostenpauschale mit den Vereinen vereinbaren. »Ja, energetisch ist es mindestens eine mittlere Katastrophe. Aber man kann es nutzen«, so der Bürgermeister. Das Anwesen biete Raum für Dinge, »die wir uns für Treis vorstellen. Ein Treffpunkt, ein Dorfcafé, ein Dorfladen.« Nein, ein Konzept habe er noch nicht in der Tasche, könne er auch nicht ad hoc aus dem Hut zaubern, doch könne man über eine Machbarkeitsstudie prüfen, was gehe. Sicher stehe noch immer ein Neubau mit Begegnungsstätte für die sanierungsbedürftige Sport- und Kulturhalle zur Diskussion, doch ohne Fördergelder könne die Stadt das zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht stemmen. Diese Fördermittel seien beantragt. »Doch was passiert bis dahin mit den Vereinen?«, so Gefellers rhetorische Frage. »Heute bitte ich Sie nur darum, dem Kauf Ihre Zustimmung zu geben«, appellierte der Bürgermeister an die Parlamentarier.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand ernsthaft dagegen stimmt«, warf Claus Waldschmidt ein. Er sollte sich irren.

Gegenwind

Kräftigen Gegenwind gab es von Roland Ehmig, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. Aus der Presse habe er erfahren, dass man von einer Investition von 1,5 Millionen Euro spreche. Ehmig beklagte, dass die FW im Vorfeld keinerlei Informationen gehabt hätten und sprach von einem »Wissensvorsprung der Mehrheitsfraktionen« SPD, GAL und FDP.

Gemeinsam mit Klaus Faulenbach (SPD) hatte Peter Gefeller vergangene Woche das Projekt »Treiser Dorfladen mit Dorfcafé und Versammlungsraum - Wohnen und Arbeiten mit Handicap in Treffs« vorgestellt - ohne damals eine genaue Angabe über den Standort zu machen. Um dies stemmen zu können, würden Fördermittel, etwa aus der Leader-Förderung der EU wie auch über die SWS GmbH des Landkreises mit den Kreiskommunen, aber auch Förderungen zur Energieeinsparung beantragt werden müssen (der Anzeiger berichtete). Der Standort ist nun klar, war auch im Dorf schon unter der Hand weiter geflüstert worden.

Roland Ehmig mochte den Sinn eines Erwerbs nicht sehen. Als gewählte Kommunalpolitiker sei es Aufgabe, sorgsam mit Steuergeldern umzugehen, so eines seiner Argumente. »Es ist nicht unsere Aufgabe, Vereinsgelder zu organisieren oder ihnen so etwas zu bieten. Das müssen die selbst regeln«, meinte der FW-Fraktionsvorsitzende. »Es ist nicht unsere Aufgabe, eine Immobilie zu beschaffen, damit die Vereine ein Domizil haben.« Von dem erwähnten Zeitdruck könne keine Rede sein, die Immobilie stehe seit über einem Jahr zum Verkauf. Er wolle den Landkreis Gießen beauftragen, zu prüfen, ob es rechtens sei, dass der Bürgermeister den Kaufvertrag unterschrieben habe.

Seine Präferenz sei ein Anbau an die bestehende Sport- und Kulturhalle, mit der die Treiser im Übrigen laut Ehmig »sehr zufrieden« seien. Die FW fühlten sich »übergangen«, da sie im Vorfeld nicht informiert worden seien. Das sei »nicht ehrenwert und nicht kollegial«, schimpfte er und beantragte eine namentliche Abstimmung, in der er schließlich als einziger mit Nein stimmte.

Christian Knoll (CDU) monierte ebenfalls das Vorgehen, doch konnte er die Kritik von Ehmig nicht nachvollziehen. »So funktionieren Vereine schon lange nicht mehr. Die Vereine brauchen uns. Immerhin halten sie das gesellschaftliche Leben am Laufen.« Er verwahre sich gegen Ehmigs Argument, dass Vereine für sich selbst zu sorgen hätten. »Die CDU stimmt ganz klar für den Kauf«, kündigte Knoll an.

Auch Reiner Mehler (SPD) und Ralph Wildner (GAL) sprachen sich deutlich für den Ankauf der Gaststätte aus.

In der Abstimmung zeigte sich, dass 20 Parlamentarier - durch alle Fraktionen hinweg - den Kauf befürworteten, ein Stadtverordneter enthielt sich, einer stimmte dagegen.

Die Mittel für den Kauf 200 000 Euro (inklusive Inventar) sowie die Erwerbsnebenkosten in Höhe von rund 20 000 Euro sollen durch Minderausgaben beim Radwegebau aufgefangen werden.

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