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Tür an Tür mit Alice

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Hanno Müller zeichnet in seinem Buch anhand von Fakten, Dokumenten und Bildern ganz persönliche Schicksale nach. © Wisker

Ein neues Familienbuch des Lokalhistorikers Hanno Müller lässt zwischen den Zeilen Schicksale aufleben.

Staufenberg . (dge). Alice war ein Kind, ein junges Mädchen, das Träume hatte. Ein Teenager, der das ganze Leben noch vor sich haben sollte. Sollte insofern, als keiner ihrer Träume erfüllt wurde, das Leben ihr viel zu früh genommen wurde. Ausgelöscht, ermordet von den Nationalsozialisten wurde sie eines der Opfer des Holocaust. Gerade mal 18 Jahre alt wird Alice.

Der Lokalhistoriker Hanno Müller aus Fernwald hat Zahlen und Fakten zusammengetragen, die auch die Geschichte von Alice Ziegelstein aus Treis erzählen. »Die Juden in Staufenberg« ist ein Familienbuch, in dem Müller akribisch aufgezeichnet hat, wer die jüdischen Mitbürger in Daubringen, Staufenberg, Mainzlar, Treis, Lollar und Ruttershausen waren. Heiratsurkunden, Verlobungs-, Geburts- und Todesanzeigen, Geschäftsunterlagen - anhand von Dokumenten und zahlreichen Fotos zeichnet Hanno Müller nach, wie rege die jüdischen Mitbürger Teil dieser Dörfer, Teil der Gemeinschaft waren.

Nachfahren

»Die Familienbücher dienen vor allem der Familienforschung der Nachfahren der früher in Staufenberg und seinen Stadtteilen lebenden Juden«, schreibt Müller in seinem Vorwort. Da Juden schon immer sehr viel mobiler gewesen seien als Christen, viele auch ausgewandert seien, hätten heute deren Nachkommen Vorfahren in zahlreichen Orten. Gelinge es, Verbindungen zu diesen Nachfahren herzustellen, biete sich die Möglichkeit, Fotos der Vorfahren zu erhalten.

»Es ist mir ein wichtiges Anliegen, nach solchen Fotos zu fragen und sie zu veröffentlichen«, erklärt der Historiker. So gibt er den Menschen Gesichter, lässt uns sehen, wer sie waren. Lässt uns sehen, wer diese Alice war, die sich heimlich durch das »Ernchen«, die enge Gasse zwischen den Häusern in der Treiser Hauptstraße, zu ihrer Freundin schlich, um mit ihr zu spielen, gemeinsam die Hausaufgaben zu machen. Diese Alice, deren Freundin von nebenan noch Jahrzehnte an sie denken und von ihr erzählen sollte. Diese Alice, die später mit ihren Eltern, Siegmund und Else, in die USA auswandern wollte. Aus diesen Plänen wurde nichts. Der Sohn Erich, der große Bruder von Alice, war vermutlich schon 1939 emigriert. Aus Müllers Buch geht hervor, dass er als amerikanischer Soldat gefallen sei. Seine Eltern und seine Schwester hatten 1941 die Ausstellung von Reisepässen beantragt.«Siegmund, Else und Alice Ziegelstein wurden im September 1942 aus dem Haus Hauptstraße 90 deportiert«, hält Hanno Müller fest. Die Hauptstraße 90 war nicht etwa ihr Wohnhaus, das trug die Nummer 29. Es war das die ehemalige jüdische Schule, in dem die Ziegelsteins -- und auch andere jüdische Familien - wohnten, nachdem die Nationalsozialisten ihnen ihr Eigentum genommen hatten. Für Alice und ihre Eltern endete die Deportation vermutlich in Treblinka, einem der Konzentrationslager der Nazis.

So wie man das Schicksal der Ziegelsteins zwischen den Zeilen verfolgen kann, zeugen die Aufzeichnungen Müllers auch von den Geschichten anderer jüdischer Mitbürger. Name für Name, Dokument für Dokument, Foto für Foto erinnern an die Menschen, die einmal Teil der dörflichen Gemeinschaft waren.

Versteckt

Genauso hält die Erzählung von Karin Müller-Kubatz die Erinnerung wach. Sozusagen Erinnerungen aus zweiter Hand - erzählt Müller-Kubatz doch von den Erinnerungen ihrer Mutter an die Nachbarn, die Familie Wetzstein, besonders an Lieselotte Wetzstein. »Wenn Lotte bei meiner Mutter zu Besuch war und es kamen andere Besucher, die womöglich auch noch bekannterweise Anhänger der Nazis waren, mussten sie Lotte so lange in der Speisekammer verstecken, bis der Besuch wieder gegangen war.« Diese Geschichte habe sie immer wieder gehört. Auch Lotte »verschwand«. In seiner Einleitung dankt Hanno Müller der Staufenberger Stadtarchivarin Barbara Wagner und Schülern der Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar, die im Zuge der Stolpersteinverlegung 2011 schon vieles an Wissen zusammengetragen hatten. Auch verweist Müller auf die Arbeit von Volker Hess (Daubringen), der schon Anfang der 1990er Jahre erste Veröffentlichungen zum diesem Thema herausgegeben hat. Veröffentlicht wurde Müllers Familienbuch von der Ernst Ludwig Chambré-Stiftung in Lich. die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar hat die Kosten des Versands übernommen.

Erhältlich ist das Familienbuch »Die Juden in Staufenberg« für 15 Euro bei Hanno Müller (06404/5768, E-Mail: hanno.mueller@fambu-oberhessen.de).

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Die Kennkarte von Alice Ziegelstein. Repro: Wisker © Debra Wisker

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