1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Wettenberg

Beeindruckendes Gedenken

Erstellt:

gikrei_1011_jcs_Pogrom_1_4c
Konfirmanden und Schüler der GGL setzen sich mit den grausigen Ereignissen des 9. November auseinander. Foto: Mattern © Mattern

Wettenberg (mav). Ist das Erinnern und Gedenken noch zeitgemäß, oder nur noch ritualisiert? Auf diese rhetorische Frage von Bürgermeister Marc Nees im Rahmen seiner Gedenkrede gaben die Evangelische Kirchengemeinde Krofdorf-Gleiberg und die bürgerliche Gemeinde eine klare Antwort. Zur Erinnerung an die Schmähungen und die Zufügung von Leid an ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern fand an der Gedenktafel im Kirchgarten vor der Margarethenkirche in Krofdorf unter großer Anteilnahme der Bevölkerung ein beeindruckendes öffentliches Gedenken statt.

Viele Mitwirkende

Herauszustellen war hierbei die Mitwirkung vieler Jugendlicher, Konfirmandinnen und Konfirmanden mit Pfarrer Christoph Schaaf, Pfarrerin Dagmar Kraut-Zink und dem Jugendreferenten Joscha Kuttler sowie Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe zehn der GGL (Gesamtschule Gleiberg Land), die mit ihrem Lehrer, Dr. Dennys Sawellion ,auf der Grundlage des Liedes »Kristallnacht« von Wolfgang Niedecken mit einer Musikinszenierung ihren Beitrag leisteten.

Im Sinne von Niedeckens Intention zu diesem Lied setzten sie ein Zeichen als Mahnung vor dem Erstarken der politischen Rechten in Europa und der Diskussion über die Vergangenheitsbewältigung der NS-Zeit. Die jungen Menschen erinnerten an die Geschehnisse der Reichspogromnacht und an das, was an unvorstellbaren Gräueltaten danach folgte.

Nach dem Verlesen der Tafelinschrift mit den Namen der ehemaligen jüdischen Mitbürger, die in Konzentraditionslagern ermordet wurden, entzündeten die Teilnehmer Kerzen und legen kleine Steine an der Tafel nieder. Der Bürgermeister nannte die Geschehnisse von 1938 die schlimmsten Momente der deutschen Geschichte. Dieser Schlag in das Gesicht von Humanität, Zivilisation und Anstand fordere ein stetiges Erinnern, um nicht blind in die Zukunft zu gehen und die neuerlichen Zeichen von Menschenverachtung, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und wachsendem Antisemitismus zu verkennen und zu übersehen. Marc Nees sagte, die demokratischen Kräfte seien aufgefordert, gegen eine Werteverschiebung vorzugehen, die sich Bahn breche in einem schleichendes Prozess des Versuchs, die Verrohung der Sprache, Respektlosigkeiten und Ehrabschneidungen gesellschaftsfähig zu machen.

Christoph Schaaf ging in seinem Erinnerungsgedanken auf die Botschaft des Liedes »Freunde, dass der Mandelzweig« ein. Friedrich Rosenthal, der sich nach seiner Flucht 1935 Schalom Ben-Chorin nennt, hat dieses Lied 1942 gegen seine eigene Verzweiflung geschrieben, mitten im Zweiten Weltkrieg, als Jude massiv bedroht und ohnmächtig zusehen müssend, wie sein Volk vernichtet wird. Die Hoffnung, dass die Liebe siegt, ist verkörpert im Mandelzweig.

Die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung, die von Dr. Gregor Kuhn (Klarinette) und seinem Sohn Johannes (Gitarre) musikalisch mitgestaltet wurde, sangen das Lied gemeinsam. Mit dem »Vater unser« endete die öffentliche Veranstaltung.

Auch interessant