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Gegen das Vergessen stellen

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Mathilda John und Jennifer Lorenz präsentierten ihre Skulptur »Von der Reichspogromnacht zur Namenlosigkeit«. © Czernek

Schüler der Gesamtschule Gleiberger Land setzen sich mit der NS-Zeit und dem Holocaust auseinander.

Wettenberg (bcz). Welche Möglichkeiten gibt es sich gegen das Vergessen zu stellen? Zu dieser Frage hatte die Gedenkstätte Deutscher Widerstand und ihr Projektpartner, der Verein »Gegen Vergessen - Für Demokratie« zu dem Jugendwettbewerb »Remember Resistance 33-45« eingeladen, an dem sich die Klasse 10 A der Gesamtschule Gleiberger Land beteiligte.

»Die Beschäftigung mit dem Thema NS-Zeit und Holocaust ist ein intensives Thema der Klassenstufe zehn«, erläuterte Klassenlehrer Dennys Sawellion.

Die Ergebnisse wurden am Montag der Öffentlichkeit im Netanyasaal vorgestellt: Mit einer Performance präsentierten Schüler und Schülerinnen ihre kurze Gedichte, sogenannte Elfchen, zu dem Thema Holocaust. Doch damit nicht genug: Zwei von ihnen hatten sich noch intensiver mit dem Thema beschäftigt. Mathilda John und Jennifer Lorenz erstellten die Skulptur »Von der Reichspogromnacht zur Namenlosigkeit«: An einem großen Fleischerhaken aufgehängt ist eine menschliche Figur, auf der einen Seite noch gut gekleidet, auf der anderen Hälfte trägt zerschlissene Häftlingskleidung, einen Stern, eine Nummer und das Gerippe wird sichtbar. Alles Leid und sämtliche Grausamkeiten, die die Menschen in der Zeit erfahren haben, werden hier zu einem ausdrucksstarken Gesamtkunstwerk verdichtet.

Monika Graulich, Sprecherin der regionalen Arbeitsgruppe Mittelhessen, hatte Wettbe-werbseinladungen an rund ein Dutzend Schulen in Gießen und Landkreis verschickt. »Ich bin sehr erfreut mit welchem Eifer ihr Euch der Sache angenommen habt«, zeigte sie sich von dem Ergebnis sehr beeindruckt.

In ihrem Grußwort ging Landrätin Anita Schneider auf die Problematik des Vergessens ein und dass man dies neu gestalten müsse, gerade weil die Zeitzeugen immer seltener würden. »Antisemitismus ist heute spürbar und das nicht nur am Rande. Die Ausstellung hier bietet die Gelegenheit sich mit der reichhaltigen Kultur der Juden auseinanderzusetzen«.

Genau ein solcher Dialog wurde angestoßen: Die Schüler nutzten die Möglichkeit, die aktuelle Ausstellung über das Judentum in Deutschland im Netanyasaal zu betrachten und Dov Aviv, dem Vertreter der jüdischen Gemeinde in Gießen, einige Fragen zu stellen.

Aviv erläuterte, dass er der Sohn eines Shoah-Überlebenden sei. Seine Familie stammt aus dem polnischen Lodz. Von der Großfamilie seines Vaters mit weit mehr als 100 Mitgliedern hätten nur zwei den Holocaust überlebt. Seine Eltern lebten in Israel und seien nicht glücklich darüber gewesen, als sie erfuhren, dass er zum Studieren Deutschland ging.

»Sie haben drei Jahre lang nicht mit mir geredet. Doch das hat auch wieder geändert. Sie waren wieder und haben mich auch schon einige Male in Deutschland besucht.« Er ist froh, dass er hier lebt, auch wenn er die eine oder andere Anfeindung selbst schon miterlebt hat.

Mit diesem Dialog kamen die Schüler aktiv einer Aufforderung ihres Schulleiters Gabriel Verhoff nach, der sie ermahnte aufmerksam zu sein. »Wohin das führt, das zeigt das Kunstwerk sehr deutlich: Es ist die primitive Logik der Grausamkeit, die nur gut oder böse kennt«. Anschließend rundete der Besuch der jüdischen Synagoge das Programm ab.

Der Netanyasaal war bewusst gewählt worden und bietet mit seiner Ausstellung zum Thema »1700 Jahre Juden in Deutschland« den passenden Rahmen für die Skulptur, die thematisch genau richtig dort platziert ist.

Sie wird auch bis zum Ende der Ausstellung dort bleiben. »Sie wird einen Platz in Wettenberg finden«, das versicherte Schulleiter Verhoff abschließend.

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