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Mehr über Opfer und Angeklagten erfahren

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Wettenberg (vb). An einer Stelle wird der sonst so kontrolliert wirkende Angeklagte sauer. »Jetzt versucht Herr Kleiner, mich in die rechte Ecke zu drängen«, beklagte sich der 71-Jährige. Dietmar Kleiner, der Anwalt der Nebenklägerin, wollte wissen, ob der Angeklagte neben seiner Ausbildung bei der Polizei auch beim Militär gewesen sei. Es folgte eine kurze Auseinandersetzung, ehe Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze zur Ruhe mahnte.

»Ich bin mit 16 zur Polizei gegangen, wie soll ich da Wehrdienst geleistet haben? Nein, ich war nicht beim Militär.« Kleiner beteuerte, mit seiner Frage nichts andeuten zu wollen, wunderte sich nur, wie der Angeklagte Hauptgefreiter der Reserve sein könne. Er sei Mitglied der Reservistenkameradschaft Wetterau, antwortete der ehemalige Kriminalbeamte. Vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Gießen war am Montag der vierte Verhandlungstag im Prozess um den tödlichen Ausgang eines Streits über einen Drohnenflug unterhalb von Burg Gleiberg. Der 71-Jährige ist wegen Totschlags angeklagt. Ein 55-jähriger Wettenberger starb Ende August 2020 nach einem Stich in die Brust. Der Angeklagte argumentiert, es sei Notwehr gewesen.

Über eine unschöne Episode mit dem Wettenberger 14 Tage vor der Tat berichtete eine Polizistin, die zu der Zeit in einem Ortsteil gewohnt hatte. Sie habe nach einem Einkauf mit ihrem Auto vor dem Wohnhaus im eng bebauten Ortskern geparkt, um die Tüten auszuladen. Damit versperrte sie die schmale Straße. Dann habe ein ihr unbekannter Mann in einem schwarzen Renault Coupé hinter ihr gehalten und sie aggressiv aufgefordert, das Auto wegzufahren. Sie habe nur schnell die letzten Taschen vor die Haustür stellen wollen. »Mit der aggressiven Antwort hatte ich nicht gerechnet«, schilderte die junge Frau. Sie setzte sich in ihr Auto und fuhr weg. »An einer längeren Diskussion hatte ich kein Interesse.«

Die Polizistin erfuhr nach der Bluttat unterhalb der Burg durch einen Bericht der Bild-Zeitung, dass das Opfer jener Mann war, der sie zwei Wochen vorher rüde behandelt hatte. Der Angeklagte hatte ausgesagt, dass das spätere Opfer ihm gegen den Kopf getreten habe. In der Folge kam es zum tödlichen Messerstich.

Ein weiterer Polizist berichtete dem Gericht über eine Tatortbegehung mit dem Bekannten des Angeklagten, der an der Auseinandersetzung nicht beteiligt war. Der Mann habe zwar sehr hektisch gesprochen, aber bei der Angabe der Positionen der am Streit Beteiligten sei er »relativ sicher und spontan« gewesen.

Nur verlesen wurde eine Aussage des früheren Vorgesetzten des Angeklagten. Dieser hatte nach der Tat mehrfach Kontakt zu dem 71-Jährigen. Dieser sei »am Boden zerstört« gewesen, als er vom Tod des 55-Jährigen erfuhr.

Nebenklage-Anwalt Kleiner stellte drei Beweisanträge. Zum einen geht es um einen stilisierten Katzenkopf als Schlüsselanhänger des Angeklagten. Der Katzenkopf sei als Schlagring einzuschätzen. Außerdem fordert er, dass der Leiter der Polizeischule in Rheinland-Pfalz, die der Angeklagte Ende der 60er Jahre absolvierte, zur Frage aussagt, ob damals Nahkampf vermittelt wurde. Und schließlich soll der Leiter der Psychiatrie aussagen, in der das Opfer arbeitete. Dieses habe dort mit aggressiven Patienten zu tun gehabt und Fortbildungen zur Deeskalation absolviert.

Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger erklärte, dass der Angeklagte mit dem Schlagring gegen das Waffengesetz verstoßen habe. Das Ermittlungsverfahren sei aber wegen Geringfügigkeit und weil der 71-Jährige nicht vorbestraft sei, eingestellt worden.

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