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»Meinen eigenen Weg gehen«

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Der Chef muss auch selbst mit anpacken, um all die Aufträge zu erledigen. Foto: privat © privat

Der Wißmarer Enrico Steidl hat seinen Fliesenleger-Betrieb in Wettenberg schon mit 21 Jahren gegründet und auch dementsprechend früh seinen Meister gemacht. Einen Gesellen hat er ebenfalls.

Wettenberg . Ein wenig klingt es in den Anfängen wie die Geschichte von »Apple«-Gründer Steve Jobs, dessen später zum Milliardenkonzern gewordenes Unternehmen in einer Garage entstand. Auch Enrico Steidls Laufbahn als Firmenchef hat in einer solchen begonnen, »in der Garage meiner Oma«, erzählt der 24-jährige Fliesenleger-Meister aus dem Wettenberger Ortsteil Wißmar im Gespräch mit dem Anzeiger. Anfangs sei er mit seinem Privatauto zu den Aufträgen gefahren. Mittlerweile hat er eigene Firmenräume, eine Werkstatt und Dienstwagen. Und mit Niclas Rink einen Gesellen, der ein Jahr älter als er ist und die Ausbildung zusammen mit seinem Chef, der auch gleichzeitig sein Freund ist, absolviert hat. Bei der Betriebsgründung 2019 war Enrico Steidl erst 21 und damit ungewöhnlich jung für jemanden, der diesen auch mit finanziellen Risiken verbundenen Schritt wagt. »Ich wollte immer meinen eigenen Weg gehen«, sagt er hierzu.

Meister in Bayern

Dieser »Weg« war zunächst mit vielen Kilometern Fahrerei verbunden, denn Steidl hat seinen Meister in Bayern gemacht. Bei der Handwerkskammer Wiesbaden war nämlich zu jener Zeit kein Platz in den Meisterkursen mehr frei und er wollte nicht länger warten. Ein Jahr lang hieß das, die Woche in Bayern verbringen und an den Wochenenden in die Heimat zurückfahren. Bei den in Theorie- und Praxis-Inhalte unterteilten Kursen lernte der junge Mann neben anderem, »wie man einen Betrieb führt, kalkuliert und steuerliche Geschichten«, erzählt der 24-Jährige.

Obwohl er »gerne mit Zahlen rechnet, ist die Buchhaltung nicht so mein Gebiet«, räumt Steidl ein. Mit den buchhalterischen Dingen hat er inzwischen eine darauf spezialisierte Firma beauftragt, auch, »weil ich das zeitlich nicht mehr so hinbekomme und für die Büroarbeiten nur der Abend bleibt«. Denn die Auftragslage habe sich »von Anfang an sehr gut entwickelt«. Daher muss der Inhaber wie auch sein Geselle ran, um das alles zur Zufriedenheit der Kunden zu schaffen.

Wer einen Termin bei den beiden Fliesenlegern, die ihre Aufträge meist getrennt voneinander ausführen, erhalten möchte, kommt zunächst auf eine Warteliste. »Ich kann dann den Anrufern sagen, wann wir zu ihnen kommen können«, sagt Steidl. Werbung sei eigentlich nicht notwendig, denn viele Aufträge kommen durch Empfehlungen oder Weitersagen von Kunde zu Kunde zustande. Während im Sommer insbesondere Außenarbeiten zu erledigen seien wie Terrassen und Balkone, sind die Zwei nun vor allem in Innenräumen gefragt, wenn es etwa darum geht, Bäder oder WCs fertigzustellen.

Die meisten Aufträge sind in Orten in einem Umkreis von 30 Kilometern von Wißmar, »bis hin nach Marburg. Wir waren aber auch schon in Frankfurt oder Bayern tätig«, berichtet Enrico Steidl. »Ich arbeite gerne und viel. Das macht mir auch Spaß.« Wenngleich mehr als zwei Wochen Urlaub im Jahr zurzeit kaum möglich wären. Zu lange am Stück pausieren sei für ihn aber ohnehin nichts, »denn dann beginne ich, langsam unruhig zu werden«, meint er.

»Vielseitig sein«

Wer nun glaubt, ein Fliesenleger würde sein Leben lang nur auf den Knien rumrutschen, um, eben, Fliesen zu verlegen, der irrt sich gewaltig. Denn dieser Handwerksberuf hat weitaus mehr Herausforderungen zu bieten, wie auch der Schreiber dieser Zeilen erst lernen musste. »Man muss als Fliesenleger vielseitig sein«, sagt Niclas Rink.

Bevor die eigentlichen Fliesen dran sind, »muss der Untergrund geprüft werden«. Befinden sich Risse oder Dellen in Wand, Boden oder Estrich - der nicht selten von ihnen auch erst aufzutragen ist -, gilt es, diese zunächst mit Baustoffen aufzufüllen oder zu glätten, um eine möglichst ebene Oberfläche zu erhalten. Darauf kommen dann per spezieller Verlegetechnik die Fliesen, die schließlich noch verfugt werden müssen.

Möchte ein Kunde beispielsweise eine neue Duschkabine erhalten, kann es auch schon mal erforderlich sein, dass »wir ein kleines Mäuerchen hochziehen müssen«, erzählt Rink. Solche Maurer-Tätigkeiten zu erlernen, ist deshalb Teil der dreijährigen dualen Berufsausbildung zum Fliesenleger. Wie ebenso die Fähigkeit, »Wände gerade zu spachteln und zu verputzen«, sagt Steidl. Der Trockenausbau umfasst darüber hinaus Tätigkeiten wie die Verkleidung von Spülkästen oder das Zuschneiden und Verlegen von Abschlussleisten.

Das Ganze kann laut Rink schon »ein ziemlicher Knochenjob« sein. »Aber man sieht am Ende des Tages, was man erschaffen hat. Hauptsächlich sind wir bei netten Privatkunden, wodurch uns schwere Arbeiten wie zum Beispiel das Tragen von großen Fliesenpaketen leichter fällt«, berichtet Steidl. »Wenn wir Zeit finden, gehen wir beide auch mal ins Fitnessstudio, um uns körperlich fit zu halten.«

Kritik an Schule

Um die Zukunft ihres Berufes machen sich Enrico Steidl und Niclas Rink da schon etwas mehr Sorgen. Denn wie die allgemeine Auftragslage und die Kundennachfrage zeigen, fehlt es auch in dieser Branche an Fachkräften und Nachwuchs. Und das, obwohl man als Fliesenleger-Azubi »nicht ganz so schlecht verdient«, meint Rink. Er sieht bei der jüngeren Generation generell »weniger Bereitschaft, handwerklich zu arbeiten«.

Steidl moniert darüber hinaus, dass in der Schule »nur sehr oberflächlich über Handwerksberufe informiert wird«. Hierzu sollte es mehr Angebote geben, findet der Inhaber. Bei zwei weiteren Gründen für den Nachwuchsmangel im Fliesenlegergewerbe sind sich beide ebenfalls einig: »Es ist ein Job, bei dem man auch mal dreckig wird. Außerdem gibt es immer weniger Schulabgänger und mehr den Drang zum Studium.«

Falls jemand Interesse hat, als Azubi (m/w/d) oder als Geselle (m/w/d) ein Teil dieses jungen Wettenberger Unternehmens zu werden, kann man sich hierfür per E-Mail bei enrico.steidl@web.de bewerben.

Die Tätigkeit des/der Fliesen-, Platten- und Mosaikleger/in ist laut der Beschreibung im Steckbrief der Bundesagentur für Arbeit ein anerkannter Ausbildungsberuf mit dreijähriger dualer Ausbildung im Betrieb und auf der Berufsschule. Beschäftigt ist man im Ausbaugewerbe und Fassadenbau, sei es im privaten oder öffentlichen Bereich. Neben dem Fliesenlegen und dem Verputzen müssen unter anderem auch der Untergrund bearbeitet, Dämm- und Estrichschichten aufgetragen und kleinere Mauern errichtet werden. Für die Aufnahme der Ausbildung ist mindestens ein Hauptschulabschluss vorgeschrieben. Erwartet werden Sorgfalt und Geschicklichkeit bei der Arbeit, eine gute Augen-Hand-Koordination und räumliches Vorstellungsvermögen. Nicht zu vergessen eine gute körperliche Verfassung, zumal ein Großteil der Tätigkeit im Knien erfolgt und auch mal schwerere Lasten wie Mörtelsäcke oder Fliesenpakete zu heben und zu schleppen sind. Basis-Kenntnisse in Mathematik - wie etwa zur Berechnung des Baustoffbedarfs - oder in Physik -hier zum Beispiel Wärmelehre beim Einbau von Dämmstoffen - sind ebenfalls von Vorteil. Im ersten Ausbildungsjahr verdient man 840 bis 920 Euro brutto, im zweiten 1060 bis 1230 Euro und im dritten 1270 bis 1500 Euro. Bei Gesellen und jüngeren Meistern reichen die Brutto-Gehälter von 2100 bis 3800 Euro. (fod)

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Die Arbeit mit Fliesen ist nur ein Teil des Berufes. Foto: privat © privat

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