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Ruhige Hand und sanftes Gemüt

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In seinem Wohnhaus hat der 67-Jährige den Partykeller zur Werkstatt umgebaut. © Theis

Alwin Hofmann betreibt in Wißmar eine Uhrmacher-Werkstatt. Der Anzeiger hat ihm über die Schulter geschaut.

Wettenberg . Captain Hook, der Erzfeind von »Peter Pan«, hat eine krankhaft übersteigerte Angst vor Uhren. Er würde im Keller von Alwin Hofmann vermutlich eine Panikattacke bekommen. Denn dort hat sich der 67-jährige in seiner neuen Wahlheimat Wißmar seine Uhrmacher-Werkstatt eingerichtet.

Überall stehen Exemplare aus rund 300 Jahren Uhrengeschichte herum, die der Uhrmachermeister repariert, instand setzt oder für die er ganze Teile, die nicht mehr produziert oder beschafft werden können, selbst herstellt. Im Gespräch mit dem Anzeiger erzählt der Wißmarer von seiner besonderen Handwerkskunst, die als reine Werkstatt im Landkreis Gießen einmalig ist.

Schon früh kam Hofmann durch das Uhrmacher-Geschäft seines Vaters in Berührung mit den tickenden Accessoires. So entwickelte er bereits im Kindesalter eine Leidenschaft für die handwerkliche Kunst der Uhrmacherei. »Bereits als kleiner Bub im Alter von zehn Jahren habe ich in den Ferien meinem Vater bei den unterschiedlichsten Arbeiten geholfen«, erinnert sich der gebürtige Alten-Busecker.

Nach dem Realschulabschluss war die Ausbildung zum Uhrmacher in der bekannten württembergischen Uhrenstadt Schwenningen die logische Konsequenz. Doch neben der Uhrmacherei entwickelte Hofmann noch eine weitere Leidenschaft für Mathematik und Physik. »Schon während meiner Ausbildung war mir klar, dass ich mein Abitur an der Abendschule nachhole, um dann Mathematik und Physik zu studieren«, blickt der 67-Jährige zurück.

Doch während seines Physik-Diplom-Studiums in Gießen kam seine dritte Leidenschaft - die Musik - immer mehr zum Tragen. Anfangs spielte Hofmann Akkordeon und Saxofon in der »Abanda Bigband«. Diese entwickelte sich in den 80er Jahren zur »Bigband an der Uni Gießen« mit etlichen Konzerten. In dem Unterhaltungsorchester - in der Spitze mit 80 Musikern - gab Hofmann den Takt an. Für die Band reichte es damals sogar zur Schallplattenaufnahme, doch die Anforderungen mit Studium und Hobbymusik wurden immens, so dass Hofmann sich dazu entschied, sein Physikstudium abzubrechen. »Ich stellte mir an einem gewissen Punkt die Frage, warum ich mich durch die ganzen Arbeiten quäle, wenn ich doch einen Beruf erlernt habe, der mir Spaß macht«, erzählt er. 1989 legte der heute 67-Jährige die Prüfung zum Uhrmachermeister erfolgreich ab und entschied sich 1996 dazu, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

Seine Studienjahre mögen für Außenstehende als vergeudete Zeit gelten, doch für Hofmann war keinesfalls »alles für die Katz«. Ich hätte bestimmte Dinge, beispielsweise Berechnungen von Konstruktionsstücken, ohne das Vorwissen aus meinem Physikstudium nicht so machen können. Ich hatte aufgrund dessen andere Zugänge und Blickwinkel. «

2019 zog er zusammen mit seiner Frau in das heutige Wohnhaus in Wißmar. Ziel war, den Partykeller in seine Werkstatt umzubauen. Seit zwei Jahren arbeitet und wohnt der Uhrmachermeister nun in Wißmar. Er lebt, anders als die meisten Uhrenfachgeschäfte, ausschließlich von seinem Handwerk. »Im Geschäft liegt der Hauptumsatz beim Verkauf. Die Werkstatt ist oftmals das ungeliebte Kind, das mit durchgeschleppt wird. Bei mir ist genau das Gegenteil der Fall«, versichert Hofmann. Er schätzt an seiner Arbeit besonders die enorme Vielfalt. So repariert er alles von der modernen Kleinuhr bis zur historischen Großuhr und auch mal altes Blechspielzeug, wie aktuell ein Flugzeug und ein Karussell. So hat sich der Uhrmachermeister über die Jahre hinweg immer neues Wissen angeeignet.

Ersatzteile schwierig zu beschaffen

Als besonders schwierig gestaltet sich allerdings zunehmend die Beschaffung von Ersatzteilen. So nimmt der Wißmarer sogenannte Nobeluhren erst gar nicht mehr an, da dafür Teile kaum mehr beschafft werden können. In anderen Fällen bekommt er Ersatzteile mittlerweile aus der ganzen Welt geliefert. Im Großuhrenbereich ist es sogar so, dass vieles nicht mehr beschaffbar ist. Hier fertigt Hofmann gewisse Teile dann selbst an. Durch seine immer noch guten Kontakte nach Schwenningen erhält er von dort bei der Anfertigung von Teilen Unterstützung. »Jede Uhr ist für mich ein Objekt für sich und eine neue Herausforderung.« Geduld und ein gewisses Feingefühl seien bei der Arbeit unabdingbar. Schließlich seien einige Komponenten eines Uhrwerks weniger als ein Millimeter groß. »Ohne sanftes Gemüt und ruhige Hand kann man dieses Handwerk nur schwer ausführen«, weiß der 67-jährige aus Erfahrung.

So lange er diese beiden Eigenschaften noch hat und es trotz immer weiter fortschreitender Digitalisierung noch Liebhaber alter Stücke gibt, will er weiter täglich seinem Handwerk in der eigenen Werkstatt nachgehen. Geht es nach seinen Auftragsbüchern, die üppig gefüllt sind, ist an einen Ruhestand noch lange nicht zu denken. Außerdem habe er den Spaß an seiner Arbeit noch lange nicht verloren, und er lerne nach all den Jahren noch immer etwas dazu.

Obwohl er sich in seinem Handwerk und seiner tägliche Arbeit mit Uhren beschäftigt, so kommt es dennoch oftmals vor, dass Hofmann die Zeit vergisst. Das liege vor allem an seiner vom Tageslicht weitestgehend verschonten Werkstatt. »Bei meiner Arbeit habe ich oft die genaue Uhrzeit nicht immer im Blick«, gibt er zu. Trotz seiner 67 Jahre seien so Arbeitstage von bis zu zehn Stunden normal.

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Mit ruhiger Hand geht der Wißmarer Alwin Hofmann der Kunst der Uhrmacherei nach. © Theis

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