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Schrecken der Nazi-Verbrechen eindringlich vermittelt

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Gerhard Bökel Foto: Mattern © Mattern

Kein Geringerer als der ehemalige Landtagsabgeordnete, Landrat des Kreises Wetzlar und Mitglied der Bundesversammlung, Gerhard Bökel las an der Gesamtschule Gleiberger Land.

Wettenberg (mav). »Seid kritisch und fragt - verinnerlicht die Folgen von Krieg, Verfolgung und Vertreibung - macht Euch bewusst, dass Flüchtlinge bei uns keine Fremden sind, sondern Mitmenschen.« Das war der eindringliche Appell von Gerhard Bökel. Kein Geringerer als der ehemalige Landtagsabgeordnete, Landrat des Kreises Wetzlar und Mitglied der Bundesversammlung war zu Gast an der GGL (Gesamtschule Gleiberger Land).

Nach seinem Rückzug aus dem politischen Leben widmete sich der Jurist, der unter anderem auch für die Frankfurter Rundschau journalistisch tätig war und in Gießen studiert hat, dem deutsch-französischen Verhältnis, vor dem Hintergrund der Nazizeit, der Résistance - dem französischen Widerstand gegen die Besatzer - und dem langwierigen Prozess von einer Erzfeindschaft zur Freundschaft beider Völker.

In der Aula der Schule gelang Gerhard Bökel, was nicht unbedingt selbstverständlich ist, nämlich dass Schülerinnen und Schüler über 90 Minuten mit großer Aufmerksamkeit und Interesse dem Vortrag folgten, der sich inhaltlich an den aktuellen Unterrichtsstoff anlehnte. Grundlage hierbei war sein Buch »Der Geisterzug, die Nazis und die Résistance«. Ein wertvolles Dokument, das seine Lebendigkeit und Nachvollziehbarkeit durch Zeitzeugen erhält, die Gerhard Bökel in Frankreich bis zuletzt immer wieder besuchte und dabei historische Dokumente aus der Besatzungszeit der Nazis und der Kollaboration in Südfrankreich in verschiedenen Archiven sammelte und veröffentlichte und alles miteinander in Bezug setzte.

Im Mittelpunkt seiner Lesung stand »Train Fantôme« - der Geisterzug, dessen Odyssee er anhand einer Landkarte nachzeichnete. Ein Zug aus Güter- und Viehwaggons setzte sich am 3. Juli 1944 von Toulouse aus in nordwestlicher Richtung in Bewegung. Ziel ist das Vernichtungslager Dachau, doch die Bahnstrecke besteht nur noch aus Fragmenten. Das bedeutet, Umkehr, Rückfahrt, Umwege über Nebenstrecken bis nach Bordeaux und über Angoulême wieder zurück nach Bordeaux. Nach drei Tagen Verweildauer im stehenden Zug bei großer Hitze werden die Gefangenen, die alle aus dem Widerstand kommen, in eine zum Gefängnis umfunktionierte Synagoge getrieben. Zehn Häftlinge kommen ins nahe Lager Souge und werden dort hingerichtet. Den Schießbefehl ordnete damals ein Wehrmachtsangehöriger an, der nach dem Krieg wieder als Richter in Frankfurt/Main Recht sprach. Am 10. August setzte sich der Zug mit 155 dazugekommenen Gefangenen nach seinem Zwangsstopp wieder in Bewegung. Ein Tag später ein erneuter, von bisher schon zahlreichen Luftangriffen der Alliierten auf den Zug; die Piloten konnten natürlich nicht wissen, dass sich dort französische Gefangene aufhielten. Die Lok ist zerstört - vier Tage Aufenthalt in Remoulins. Die Rhone kann wegen zerstörter Brücken bei Avignon nicht befahren werden und der Zug hält in Roquemaure (Partnerstadt von Ehringshausen). Von hier folgte ein 17 Kilometer langer qualvoller Gewaltmarsch der 700 ausgemergelten Gefangenen nach Sorgues (seit 50 Jahren Partnerstadt von Krofdorf-Gleiberg). Hier versorgte die Bevölkerung notdürftig die Gefangenen. Durch das Rhonetal fuhr der Zug dann weiter. Am 28. August Ankunft im Konzentrationslager Dachau. Von 700 Internierten des Geisterzuges werden 536 in das KZ eingeliefert. Die Übrigen konnten unterwegs flüchten, wurden erschossen oder starben an den Folgen der Strapazen. Die Hälfte der vom Zug nach Dachau Deportierten kam nie mehr zurück.

Jahrzehnte dauerte es, bis die Überlebenden bereit waren, über das Erlebte zu sprechen. Gerhard Bökel gewann deren Vertrauen und gab ihnen in seinem Buch eine Stimme. Ange Alvarez war nur einer von ihnen, den Gerhard Bökel im Rahmen seiner Recherchearbeiten kennenlernen durfte - ein damals junger spanischer Widerstandskämpfer, der das Glück hatte, als einer der Ersten vom »Train Fantôme« fliehen zu können.

Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe zehn erlebte eine eindrucksvolle und eingängige Sternstunde in Geschichte, dank der besonderen Kunst von Gerhard Bökel, durch Sprache und Gestik den Zugang zu den jungen Zuhörern zu finden. Am Schluss würdigte er auch die Bedeutung der Partnerschaft zwischen Wettenberg und Sorgues. Schulleiter Gabriel Verhoff danke ihm mit einem kleinen Präsent.

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