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Teil der Dorfgeschichte

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Winfried Abel und Mechthild Bechthold (verheiratete Walter) werden 1951 Deutsche Meister. Repro: Mattern © Volker Mattern

Auf ein Jahrhundert blickt der Radsportverein RSV »Über Berg und Tal« 1921 Launsbach. zurück. Mit kleiner Verspätung soll das Jubiläum im kleinen Kreis gefeiert werden.

Wettenberg (mav). Manche Vereine geraten fast in Vergessenheit, mancher löst sich gar auf. Keines von beiden möchte der Radsportverein RSV »Über Berg und Tal« 1921 Launsbach. Mit Optimismus nach vorne blicken hatte man während der letztjährigen Jahreshauptversammlung schon bekundet - 2021 wäre das eigentliche Jubiläumsjahr gewesen, doch die Pandemie mit ihren Einschränkungen kannte keine Gnade. 100 Jahre Radsport im kleinsten der drei Wettenbergdörfer waren bezeichnend und ein Teil der Dorf- und Vereinsgeschichte.

Am Ende des 19. Jahrhunderts soll dem damals bekannten Kunstradfahrer Nick Kaufmann ein kleiner Hund vors Rad gelaufen sein. Um sich den Sturz und dem Tier eine Verletzung zu ersparen, beförderte er ihn sanft mit dem Vorderrad zur Seite. Daraus entstand die Idee des Radballs. 1921 griffen Fritz Geißler, Wilhelm Eckhardt und Rudolf Müller aus Begeisterung diese Idee auf. Sie gehörten zu den drei Gründungsmitgliedern, von insgesamt 16, die dem RSV »Über Berg und Tal« am längsten erhalten blieben. Der Idealismus kannte keine Grenzen und mit heute unvorstellbar einfachsten Mitteln nahm man zunächst an Straßenrennen teil. Nur drei Jahre später ein erster Einbruch: Finanzielle Schwierigkeiten zwangen, den Spotbetrieb einzustellen. Wiederum drei Jahre die Wiederbelebung. Junge Menschen fanden den Weg zum Radsport in Launsbach und zum Rennsport wurde auch der Saalsport gepflegt. Es folgte der Anschluss an den Arbeiter Rad- und Kraftfahrer Bund »Solidarität. 1928 wurden erste Titel bei den Bezirksmeisterschaften errungen. Mit der Machtergreifung der Nazis kam der Stillstand. 1946 fanden sich einige beherzte Veteranen zur Neubelebung des Radsportes in Launsbach. Bis 1947 war der RSV eine Sparte des TSV, bevor er wieder selbstständig und Mitglied im ARKB »Solidarität wurde.

Erfolgreich

Ernst Leib wird Vorsitzender und folgt damit Walter Pfaff. 17 Jahre lang brachte er den Verein mit Herzblut auch als Trainer nach vorne, begeisterte den Nachwuchs. 1991 verstarb er im Alter von 85 Jahren. Die ersten Gaumeisterschaften nach dem Krieg wurden in der Löwenbrauerei in Frankfurt/Main ausgetragen. Sportliche Höhenflüge mit zahlreichen Titeln kennzeichneten die Folgejahre und 1950 kommen vier Mannschaften im Kunst- und Reigenfahren zu Meisterschaftsehren, wobei zwei sich für die Deutschen Meisterschaften der »Solidarität« qualifizierten. 1951 das 30-jährige Bestehen, unter großer Beteiligung der Bevölkerung und unter der Schirmherrschaft des Hessischen Ministerpräsidenten, Georg Zinn. Neben einem Straßenrennen »Rund um den Wettenberg« sind es besonders die Wettkämpfe im Saalsport, die das Publikum faszinierten. Es ging weiter aufwärts. Den Titel eines Deutschen Jugendmeisters holten sich im 2er-Kunstfahren Mechthild Bechthold (verheiratete Walter) und Winfried Abel. Horst Reinfurt, Jürgen Uth und Walter Wagner schafften den Titel im 3er-Kunstfahren. Unter den Klängen einer Blaskapelle, mit Fackelzug und einer begeisterten Dorfbevölkerung wurden die fünf Sportler nach ihrer Rückkehr am Bahnhof empfangen. Es würde Seiten füllen, alle Titel der erfolgreichsten Radsportler aus Launsbach zu erwähnen. Winfried Abel mit der Teilnahme an über 350 deutschen und internationalen Wettbewerben und Erhard Kraft mit einer Teilnahme von über 150 gehören zu den erfolgreichsten Sportlern.

Klangvoller Name

1960 ist der RSV Ausrichter der Bezirksmeisterschaften und konnte aus den eigenen Reihen sechs 1. Plätze erringen. 1960 auch erstmals der Titel »Deutscher Schülerbester« im 1er-Kunstradfahren: Rolf Dudenhöfer schaffte den Sprung aufs Treppchen. Ein Jahr zuvor machten auch die Radballer wieder von sich Reden. Es folgte ein herber Rückschlag für das sportliche Vereinsleben, da die Trainingsstätte im Saal der Gaststätte Göbel nicht mehr zur Verfügung stand. Ernst Leib wollte sein Lebenswerk nicht aufgeben und so kam es zum Training auf dem Schulhof. Keine ideale Voraussetzung aber man hatte das Jahr 1972 im Blick. Das neue Bürgerhaus war fertig und bezugsbereit auch für den Trainingsbetrieb des RSV. Die sportlichen Leistungen festigten sich und es ging wieder aufwärts, was die Jagd nach Punkten und Toren betraf. Allerdings sank der Stern beim Kunstradfahren so langsam und ging Mitte der 80er Jahre ganz unter, da es an qualifizierten Trainern fehlte. Daran hat sich bis in die jüngste Zeit nichts geändert. Ganz anders die Entwicklung beim Radball. Die Mitgliederzahlen schnellten in die Höhe. Mannschaften wie Geßler/Guntrum, Hahn/Peter, Pfeiffer/von Derschau und Hahn/Bechthold prägten über viele Jahre das Vereinsgeschehen. Die beiden damaligen Oberligamannschaften Raimund Bechthold und Bernd Leib sind bis heute noch im Vorstand aktiv. Letzterer wurde 1976 zum neuen Vorsitzenden gewählt. Unter seiner Regie vollzog sich der Wechsel vom RKB »Solidarität« zum Bund Deutscher Radfahrer. Eine Leistungssteigerung beim Radball waren die positiven Begleiterscheinungen. 1978 begann für junge talentierte Mannschaften eine beispielhafte Karriere. Schon im B-Schüleralter von zehn Jahren holte man den Bundespokal nach Launsbach. 1984 wurde die Mannschaft Andreas Rönnig/Stefan Kaiser Deutsche Meister in der Juniorenklasse und Vize-Europameister. Das erste und einzige Mal in der Vereinsgeschichte gelang ein solch hochrangiger internationaler Titel. Dieter Rönnig gilt der Dank noch heute. Durch seinen unerbittlichen Einsatz in der Trainings- und Jugendarbeit wurde der RSV »Über Berg und Tal« bundesweit zu einem klangvollen Namen. Auf hohem Niveau ging es so über viele Jahre weiter. Es fand sich zwischendurch auch eine kleine Gruppe weiblicher Jugendlicher, die den Radpolo-sport erlernten. Langsam wurde es ruhiger im sportlichen Leben des Geburtstagskindes. Zum Jahrtausendwechsel zählte man noch fünf aktive Eliteradballmannschaften. Auch in den Folgejahren ging immer noch eine kleine Anzahl von Teams an den Start. 2008 hängen Carsten Hofmann und Thomas Leicht ihre Radballschuhe an den Nagel, nachdem sie zuvor aber noch die Aufstiegsrunde in die Oberliga schafften. Seitdem gibt es keine Elitemannschaften mehr. Versuche, neue Teams zu begeistern und aufzubauen, hielten sich in Grenzen. Vereinzelt gelang es, aber kein Vergleich mehr zu den Hoch- und Glanzzeiten. Auch das Lockmittel »Einradfahren« entpuppte sich als Strohfeuer. Nach insgesamt 35 Jahren endete 2016 die Ära Bernd Leib als Vorsitzender. Trotz aller widriger, äußerlicher und damit nicht beeinflussbarer Dinge und Entwicklungen hielt er den RSV Launsbach am Leben und hinterließ seinem Nachfolger, Thomas Klein, ein wohl bestelltes Feld.

Sorgenvoll geht der Blick nach vorne, was die Nachwuchsarbeit betrifft. Lediglich ein paar aktive Radballer halten den Sportbetrieb aufrecht. Dennoch muss sich der 100-Jährige nicht verstecken. Der RSV 1921 »Über Berg und Tal« war immer und ist es noch - fester Bestandteil in der Dorf- und Vereinsgemeinschaft von Launsbach und bereicherte auch das gesellige Leben.

15 Jahre lang wurden der Silvesterball und zahlreiche Faschingsfeiern veranstaltet. Immer war man mit dabei, wenn andere Vereine ihre Feste hatten, half der Burschen- und Mädchenschaft bei der Ausrichtung der Kirmes und wirkte 1992 bei der 750-Jahr-Feier des Dorfes mit. Unvergesslich ist das eigene 75-jährige Bestehen 1996.

Im Jubiläumsjahr ist Thomas Klein 1. Vorsitzender, Andreas Leib 2. Vorsitzender, Rainer Ehle Kassierer, Simone Krause Schriftführerin, Bernd Leib sportlicher Leiter und Reimund Bechthold Gerätewart. Am Samstag, 26. März, feiert der RSV nach seiner Jahreshauptversammlung im Hotel »Schöne Aussicht« sein Vereinsjubiläum im kleinen Rahmen, mit Festansprache und Jubilarenehrung.

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Freuen sich auf die Jubiläumsveranstaltung und präsentieren stolz die Festschrift: Rainer Ehle, Simone Krause, Bernd Leib, Reimund Bechthold (v. l., stehend) sowie Andreas Leib und Thomas Klein (v. l.). © Mattern

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