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Vom Geisterzug und Widerstandskämpfern

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Gerhard Bökel arbeitet in seiner neuen Heimat in Südfrankreich an seinem neuen Buch. Dabei spielt auch Wettenbergs Partnerstadt Sorgues eine Rolle.

Wettenberg (fley). Saint-Laurent-des-Arbres ist ein kleines Dorf in Frankreich, in der Nähe der bekannten Stadt Avignon. Dort, in diesem kleinen Dorf, wohnt ein Charakter der hessischen Geschichte, für den die Bezeichnung »umtriebig« noch untertrieben wäre. Der frühere Landrat des Lahn-Dill-Kreises und ehemaliger Hammerwerfer für den MTV Gießen, Gerhard Bökel, hat sich in die südfranzösische Idylle zurückgezogen.

Untätig ist der 75-jährige dennoch keineswegs. Seit einigen Jahren reist der ehemalige Stadtverordneter der Stadt Lahn und spätere hessische Innenminister durch französische Archive im ganzen Land, erforscht Geschichten von Widerstandskämpfern der Résistance und erlangt neue Informationen über die deutsche Besatzungszeit in Frankreich von 1940 bis 1944. Dabei begann seine Beziehung zu Frankreich ganz anders. »Ich habe mich 2010 für einen Sprachkurs in Avignon eingeschrieben und habe erst einmal Französisch gelernt. Meine Sprachkenntnisse waren damals nämlich doch recht kümmerlich«, schildert der Sozialdemokrat im Gespräch mit dieser Zeitung in seiner neuen Heimat in Südfrankreich.

Seine Kenntnisse der französischen Sprache wuchsen genauso konstant wie sein Interesse daran, die Geschichte einzelner Widerstandskämpfer greifbar zu machen. Das sollte sich jedoch teilweise als schwierige Herausforderung erweisen, zumal einige Mitglieder der früheren Résistance nicht unbedingt gut auf »die Deutschen« zu sprechen waren. »Ein Widerstandskämpfer erzählte mir, dass er über Jahrzehnte nur schwer ertragen konnte, die deutsche Sprache zu hören. Dann begegnete er Schülern aus Wettenberg. Die Begegnung mit den jungen Deutschen versöhnte ihn, machte ihm Hoffnung«, erzählt Bökel.

Derzeit filialisiert der 75-jährige ein weiteres Buch, diesmal über die Region Aquitaine während der deutschen Besatzungszeit. »Hier geht es um den Alltag im besetzten Gebiet, die Judenverfolgung, Geiselerschießungen und auch um den Geisterzug mit Hunderten Widerstandskämpfern«. Wer sich nun fragt, welchen Geisterzug der Sozialdemokrat meint, der ist mit dieser Frage vermutlich nicht allein. Bökels erstes Buch »Der Geisterzug, die Nazis und die Résistance. Zeitzeugenberichte und historische Dokumente während Besatzungszeit und Kollaboration in Südfrankreich« aus dem Jahr 2017 handelt über rund 700 politische Gefangene, die in das Konzentrationslager Dachau deportiert wurden. »536 kommen an, etliche sterben und einigen gelingt die Flucht«, so Bökel.

Im Internierungslager Le Vernet d’Ariège wurden Kranke, Krüppel und Alte, die letzten Gefangenen des Lagers, in einen der letzten Transporte in Richtung Bayern gesteckt. Sie werden als Geiseln genommen, denn die Amerikaner sind bereits im Anmarsch. Eine wochenlange Odyssee durch Kampfgebiete mit einem Zwangsaufenthalt in der Synagoge in Bordeaux folgt. »Man muss sich die Perfidie einmal vorstellen. Die Gefangenen werden ausgerechnet in der Synagoge in Bordeaux eingesperrt, bevor es mit dem Transport nach Dachau weiterging«.

Der passionierte Hobbyhistoriker sprach mit Überlebenden wie Ange Alvarez, einem 1926 geborenen spanischen Bergmann und Kommunisten, der in der Résistance sein Leben riskierte und lange Zeit nach dem Krieg Sozialdemokrat wurde. Mit solchen Geschichten wie der von Alvarez überschneidet sich Bökels erstes Werk mit seiner jetzigen Arbeit. Eine weitere Überschneidung: Das Werk von 2017 schildert den politischen Alltag der Kleinstadt Sorgues nahe Avignon von 1940 bis 1945. Sorgues war eine wichtige Station des Geisterzugs. Von der Einsetzung eines faschistischen Bürgermeisters und der Kollaboration bis zum Widerstand und schließlich der Säuberung nach der Befreiung, Bökel nutzt seine gesammelten Informationen und Zeitzeugengespräche, um ein möglichst vollständiges Bild von der damaligen Lage zu gewinnen.

Wem Sorgues bekannt vorkommt - die Stadt ist Partnerstadt der Gemeinde Wettenberg. So schließt sich auch der Kreis zum früheren Wirkungsraum in Mittelhessen. Im bald erscheinenden Buch wird nun Bordeaux im Vordergrund der Betrachtung stehen. Wenn alles nach Plan läuft, dann steht einer Publizierung bis Ende April nichts mehr im Weg. Auch eine Lesung in Wettenberg ist geplant.

Gefragt nach weiteren Ideen muss Bökel lachen. »Ich habe so viele angefangene Projekte, mir wird bestimmt nicht langweilig, da bin ich mir ganz sicher«, sagt der frühere Innenminister. Der Ruhestand sei nichts für ihn, er brauche die Abwechslung und freue sich über jeden ungewöhnlichen Fund, den er in einem Archiv machen kann. »Die nächsten Tage fahre ich nach Aix-en-Provence und schaue weitere Akten durch und bespreche mich mit Historikern aus der Region«. Seine neue Wahlheimat Frankreich, sie hat ihn seinem weiteren Projekt nähergebracht.

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