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Selenskyj wütend über Vorschlag von Kissinger: Tritt die Ukraine jetzt Gebiete an Russland ab?

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Von: Andreas Apetz

Ukraine-Krieg: Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, während einer Videokonferenz
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, während einer Videokonferenz. (Archivfoto) © Vianney Le Caer/dpa

Um den Krieg in der Ukraine schnellstmöglich zu beenden, hat der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger Gebietsabtretungen ins Spiel gebracht.

Kiew – Der ehemalige Außenminister der USA, Henry Kissinger, hat beim Weltwirtschaftsforum in Davos über den Ukraine-Krieg gesprochen. Dabei schlug er der Ukraine eine Rückkehr zum „Status quo“ vor der russischen Invasion am 24. Februar vor – mit der 2014 von Russland annektierten Krim und den von pro-russischen Separatisten kontrollierten Gebieten in Donezk und Luhansk.

Der 98-jährige Friedensnobelpreisträger mahnte am Montag (23. Mai), dass der Westen nicht zur Niederlage Russlands beitragen solle. Man dürfe die Machtposition Russlands in Europa nicht unterschätzen. Laut Kissinger solle die Ukraine schnellstmöglich mit Russland in die Verhandlungen gehen, „bevor es zu Aufruhr und Spannungen kommt, die nicht leicht zu überwinden sind“.

Kissinger fordert Gebietsabtritt der Ukraine: Selenskyj reagiert bitter

„Die Verhandlungen müssen in den nächsten zwei Monaten beginnen. [...] Wenn wir den Krieg über diesen Punkt hinaus fortsetzen, geht es nicht um die Freiheit der Ukraine, sondern um einen neuen Krieg gegen Russland selbst“, so der ehemalige US-Außenminister Kissinger.

Hämisch reagiert Mykhailo Podolyak, ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, via Twitter: „So einfach, wie Herr Kissinger vorschlägt, Russland einen Teil der Ukraine zu geben, um den Krieg zu beenden, würde er auch erlauben, Litauen und Polen abzugeben“. Dazu postete ein Foto, auf dem Henry Kissinger dem russischen Staatschef Wladimir Putin die Hand schüttelt: „Es ist gut, dass die Ukrainer in den Gräben keine Zeit haben, den ,Davoser Panikmachern‘ zuzuhören. Sie sind ein wenig damit beschäftigt, Freiheit und Demokratie zu verteidigen“, schreibt Podalyak dazu.

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte auf Kissingers Vorschlag, die Gebiete im Osten der Ukraine sowie die Krim an Russland abzugeben. „Es scheint, als habe Kissinger nicht das Jahr 2022 auf seinem Kalender stehen, sondern das Jahr 1938“, sagte er am Mittwoch (25. Mai). Die Aussage spielt auf das damalige Münchner Abkommen an, das einen Teil der Tschechoslowakei an Nazi-Deutschland abtrat, um den Frieden in Europa zu sichern.

Ukraine steht geschlossen hinter Selenskyj

Für Selenskyj ist die Abgabe von ukrainischen Gebieten an Russland keine Option. Nach einer Umfrage des Kiewer Institutes für Soziologie sind 82 Prozent der Ukrainerinnen und Ukrainer nicht bereit, einen Teil ihres Landes aufzugeben, selbst wenn dies bedeutet, dass sich der Krieg in die Länge ziehen wird. Nur 10 Prozent glauben, dass es sich lohnt, Land aufzugeben, um die Invasion zu beenden, während 8 Prozent unentschlossen sind. Die Studie wurde laut der Washington Post zwischen dem 13. und 25. Mai durchgeführt.

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, sagte den Staats- und Regierungschefs in Davos, der Krieg sei nicht nur „eine Frage des Überlebens der Ukraine“ oder „eine Frage der europäischen Sicherheit“, sondern auch „eine Aufgabe für die gesamte Weltgemeinschaft“. Sie beklagte die „zerstörerische Wut“ des russischen Präsidenten Wladimir Putin, hielt es Russland jedoch offen, seinen Platz in Europa eines Tages zurückzubekommen. Aber nur, wenn es „zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Respekt für die auf internationalen Regeln basierende Ordnung zurückfindet – denn Russland ist unser Nachbar“. (aa mit dpa)

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