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Baltic Pipe ist fast fertig: Norwegisches Gas als Ausgleich für Nord Stream 2

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Von: Aleksandra Fedorska

Pipeline-Röhren für den Transport von Erdgas lagern im Seehafen Sassnitz-Mukran. Sowohl Rohre für den Bau der polnischen Erdgasleitung Baltic Pipe als auch für die Verlegung der deutsch-russischen Leitung Nord Stream 2 werden in Mukran umgeschlagen. Baltic-Pipe soll Erdgas aus Norwegen über Dänemark nach Polen bringen, während Nord Stream 2 Erdgas aus Russland nach Deutschland bringen soll.
Pipeline-Röhren für den Transport von Erdgas lagern im Seehafen Sassnitz-Mukran. Sowohl Rohre für den Bau der polnischen Erdgasleitung Baltic Pipe als auch für die Verlegung der deutsch-russischen Leitung Nord Stream 2 werden in Mukran umgeschlagen. Baltic-Pipe soll Erdgas aus Norwegen über Dänemark nach Polen bringen, während Nord Stream 2 Erdgas aus Russland nach Deutschland bringen soll. © FRANK HORMANN / Imago

Mittelosteuropa und das Baltikum gehören zu den Leidtragenden des Projekts Nord Stream 2. Die Antwort darauf ist der Bau der Baltic Pipe.

Warschau – Die Gasleitung Baltic Pipe beginnt im Westen an der Europine II, die von Norwegen nach Deutschland führt. Weiter geht es in der Nordsee bis zur dänischen Küste, dann quer über Jütland, die Insel Fiona und schließlich Seeland. Unter der Ostsee wird das Erdgas aus Norwegen an die polnische Küste stoßen – und zwar in Niechorze-Pogorzelica.

Der Bau der Pipeline mit einem Volumen von zehn Milliarden Kubikmeter jährlich geht planmäßig voran. Die Gasleitung wird voraussichtlich am 1. Oktober 2022 in Betrieb gehen. Ungefähr zeitgleich wird der Liefervertrag mit Gazprom auslaufen, der nach dem 31. Dezember 2022 von Polen nicht weiter verlängert wird. Baltic Pipe soll aber zukünftig nicht nur zur Versorgungssicherheit in Polen, sondern in der gesamten Region sorgen.

Gesamteuropäische Baltic Pipe für die Region: Norwegisches Gas als Ausgleich für Nord Stream 2

Die Baltic Pipe ist zuallererst ein europäisches Infrastrukturprojekt, das zur Umsetzung des Wettbewerbs und des freien Handels in der Energiewirtschaft in der EU beitragen soll. Die EU unterstützt die Entstehung dieser Gasleitung im Rahmen des Programms Connecting Europe Facility (CEF) Stand jetzt mit einem Betrag von 266,8 Millionen Euro. Bis zur endgültigen Fertigstellung dürfte diese Summe noch leicht ansteigen. Die beiden Betreiber der Pipeline, Energinet (DK) und Gaz-System (PL), werden gemeinsam bis zur Inbetriebnahme rund 1,6 - 2,2 Milliarden Euro für Baltic Pipe ausgeben.

Die polnische Gasfördergesellschaft Polskie Górnictwo Naftowe i Gazownictwo S.A. (PGNiG) hat sich rechtzeitig Gasfelder in der norwegischen See gesichert, um den Bedarf der neuen Pipeline zukünftig decken zu können. Ende September gehörten PGNIG insgesamt 58 Konzessionen in Norwegen. Das Unternehmen kündigte an, bis zu vier Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich ab 2027 in Norwegen* fördern zu können. Damit würde Polen bereits einen erheblicher Anteil an dem Volumen der Pipeline bereitstellen.

Baltic Pipe ist nur der Anfang: Gas wird aus dem Norden statt aus dem Osten wie bei Nord Stream 2 geliefert

Um die Gaslieferungen in Polen und je nach Bedarf auch jenseits der Grenzen verteilen zu können, braucht es noch mehr Gasleitungen im gesamten Land. Bis jetzt wurden die Leitungen an den Anforderungen und geografische Bedingungen der russischen Pipeline ausgerichtet. Das ändert sich natürlich mit der neuen Baltic Pipe, bei der Gas aus dem Norden statt aus dem Osten geliefert wird.

(Die Klimapolitik der reichen Länder ist grüner Kolonialismus in seiner schlimmsten Form: Auf der 26. UN-Klimakonferenz arbeiteten die Regierungen der Industrieländer daran, den globalen Süden arm zu halten.)

Im Mai dieses Jahres kündigte Gaz-System an, sein Fernleitungsnetz entsprechend des Netzausbauplans 2022 bis 2031 um 2.000 Kilometer neue Leitungen zu erweitern. Statt der bestehenden 11.000 Kilometer des polnischen Erdgasnetzes soll es auf 13.000 Kilometer anwachsen. Gaz-System wird einen Gaskorridor vom Norden Polens bis an die südlichen Grenzen bauen. Internationale Verbindungen nach Litauen, Slowakei, Ukraine und nach Tschechien werden die Durchleitung durch Polen in die Nachbarstaaten zusätzlich erleichtern. GIPL (Gas Interconnection Poland–Lithuania) steht kurz vor seiner Fertigstellung. Die Inbetriebnahme des ebenfalls von der EU unterstützten Projekts soll etwa zeitgleich mit der Baltic Pipe erfolgen.

Gasversorgungssystem Polen: Verbindung mit der Slowakei und Tschechien – Ukraine zurückhaltend

Ebenfalls ganz nach Plan läuft die Verbindung mit der Slowakei. „Die Anbindung der Gasversorgungssysteme Polens* und der Slowakei wird zur regionalen Sicherheit der Gasversorgung beitragen und ist ein wichtiges Element der Zusammenarbeit zwischen diesen Staaten im Rahmen der Initiative Intermarum. Der Stand der Bauarbeiten an dem Interkonnektor liegt nun bei über 90 Prozent. Abschluss der Investition und Inbetriebnahme der Gaspipeline sind im Einklang mit den bereits angegebenen Terminen, das heißt im ersten Quartal 2022”, sagte Tomasz Stępień, Vorsitzender des Aufsichtsrates von Gaz-System.

Im Falle Tschechiens wird voraussichtlich bis 2027 ein recht bescheidener Interkonnektor entstehen. Die relativ niedrigen Baukosten von insgesamt 210 Millionen Euro betreffen die Strecke über Cieszyn. Es handelt sich dabei eher um einen Ausbau einer bestehenden Verbindung. Der ursprüngliche Plan des Baus eines komplett neuen Interkonnektors STORK II wurde verworfen.

Während die Verbindungsleitungen zwischen den EU-Mitgliedstaaten eher unkompliziert und planmäßig verlaufen, gibt es gerade im Falle der Ukraine besondere Hemmnisse bezüglich einer gemeinsamen Gasverbindung. Erst unter dem Eindruck der aktuellen Lieferprobleme aus Russland in die Ukraine in den vergangenen Monaten kam ein neuer gemeinsamer Interkonnektor wieder zur Sprache. Auf polnischer Seite sind zur Fertigstellung gerade einmal 1,5 Kilometer einer neuen Gasleitung nötig, aber die Ukraine bräuchte auf ihrer Seite noch 100 Kilometer. Aktuell wird der Gashandel der beiden Länder über eine ineffiziente, ältere und volumenschwache Verbindung abgewickelt. Die Marktteilnehmer verlangen deshalb nach einem neuen und größeren Interkonnektor. (Aleksandra Fedorska) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Ob in der EU oder der Bundesregierung: Die Gas-Pipeline Nord Stream 2 sorgt für Spannungen. Dabei geht es ums Klima - und um Macht. EU-Politiker üben bei IPPEN.MEDIA Kritik.

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