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China blockiert sich in Corona-Krise selbst

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Von: China.Table

Ein älterer Herr in Peking bekommt in seiner Wohnung seine Corona-Impfung
Ein älterer Herr in Peking bekommt zuhause seine Corona-Impfung: Chinas Impfquote unter Älteren aber ist zu niedrig. © Chen Zhonghao/Imago/Xinhua

Chinas Regierung hat keine Probleme mit drakonischen Ausgangssperren, schreckt aber vor einer Impfpflicht für alte Menschen zurück. Auch fehlt das Personal für eine große Impfkampagne

Peking – China steckt gewaltige Kapazitäten in die Aufrechterhaltung seiner Null-Corona-Politik. Lockdowns und Massentests belasten die Wirtschaft schwer. Zig Millionen Menschen sind in ihren Wohnungen oder in Quarantänezentren weggesperrt — nicht selten gegen ihren Willen. 

Vor dem Hintergrund der drakonischen Maßnahmen und der Schärfe, mit der Chinas Behörden ihre Null-Corona-Politik umsetzen, überrascht es daher, dass die chinesische Impfkampagne auch fast zwei Jahren nach ihrem Start zumindest offiziell noch immer auf Freiwilligkeit beruht. Eine allgemeine Impfpflicht gibt es nicht. 

Und das, obwohl besonders bei älteren Menschen der Anteil der Ungeimpften noch ziemlich groß ist. Nach Angaben der Nationalen Gesundheitskommission sind bei den über 60-Jährigen mehr als 100 Millionen noch nicht geboostert. Fast 42 Millionen Menschen sind noch gar nicht geimpft. Mit zunehmendem Alter nimmt die Impfbereitschaft immer weiter ab: Der Prozentsatz der Senioren, die ihre erste Dosis erhalten haben, beträgt

Chinas Impflücke: Die Probleme begannen früh

Die Gründe, die dazu führten, dass China eine so dramatisch schlechte Impfbilanz ausgerechnet in jenen Altersgruppen aufweist, die ein besonders hohes Risiko haben, sind vielschichtig. Als die Pandemie begann, setzte die Regierung sofort auf strenge Ausgangssperren. Als dann die Impfkampagne startete, war das Land weitgehend frei von Corona. Deshalb entschieden sich die Behörden, zuerst die  Berufstätigen – und erst dann die Alten zu impfen. Viele Senioren sahen keinen Nutzen in dem Impfstoff, da es ohnehin kaum Infektionen gab. Zugleich gelang es der Regierung nie, Ängste über mögliche Nebenwirkungen und Risiken der Impfstoffe auszuräumen. 

Praktiker vor Ort begegnen vielen Sorgen und Vorbehalten. „Alte Menschen haben oft Herz-Kreislauf-Probleme oder Diabetes und sorgen sich deshalb, dass ihnen die Impfung schaden könnte“, beschrieb kürzlich ein Sozialarbeiter im Pekinger Bezirk Chaoyang dem chinesischen Wirtschaftsmagazin Caixin die Lage an der Impf-Front. „Weil wir uns an das Prinzip der freiwilligen Impfung halten müssen, sind wir auch nicht in der Lage, jemanden zu zwingen. Wir können sie nur wieder und wieder anrufen“, so der Helfer. 

Chinas Ältere: Druck zur Impfung vor allem auf Berufstätige und sozial Aktive

Der Wissensschafts-Autor Leng Zhe sieht ein weiteres Problem: Senioren verfügten über weniger „engmaschige soziale Netzwerke“ als jüngere Bevölkerungsgruppen und seien somit auch keinem so großen Impfdruck ausgesetzt. Zwar gibt es in China keine gesetzlich vorgeschriebene Pflicht zur Impfung. Jedoch haben die meisten Arbeitgeber, Schulen und Vereine durchaus entsprechende Regeln erlassen, die Impfungen in der Praxis obligatorisch machen. Nur eben nicht für die Alten. 
Senioren empfinden bisher keinen Impfdruck. Sie kommen schlicht nicht mit Corona oder Impfkampagnen in Berührung.

Laut Caixin lasse sich daher ein interessanter Effekt beobachten: In Städten, in denen es einen Corona-Ausbruch gibt, nehme die Impfbereitschaft der Alten plötzlich rapide zu. Doch oft steht dann ausgerechnet Chinas Null-Corona-Politik einer schnellen Impfung im Wege. „Die Beamten, die mit der Verbesserung der Impfraten beauftragt sind, sind in der Regel dieselben, die im Falle eines Ausbruches dafür sorgen müssen, dass die Lage schnell wieder unter Kontrolle gebracht wird“, schreibt Caixin. Sprich: Das Personal an Impfzentren wird zum Beispiel für die in vielen Städten laufenden Massentests abgezogen. Derzeit kämpfen mehr als 20 Provinzen mit aktuen Ausbrüchen. Die Arbeit vieler Mediziner hat sich dadurch eben von Impfungen auf Tests verlagert. Einige Regionen haben laut Caixin ihre Impfkampagnen sogar ganz auf Eis gelegt.

China: Viele Kranke und Tote bei Ende der Null-Covid-Politik befürchtet

Wissenschaftler der Fudan-Universtiät kommen in einer neuen Studie zu einem klaren Ergebnis. Laut ihrer Analyse, die diese Woche das Wissenschaftsmagazin Nature Medicine veröffentlichte, könnte es innerhalb von sechs Monaten 112 Millionen symptomatische Ansteckungen und bis zu 1,5 Millionen Tote geben, sollte China seine Null-Corona-Politik von heute auf morgen komplett aufgeben . Die Intensivstationen würden überrollt: Der Bedarf wäre 15,6 Mal höher als die Kapazität. Im schlimmsten Fall hätte die sehr ansteckende Omikron-Variante das Potenzial, zu 5,1 Millionen Einlieferungen in Krankenhäuser zu führen. 1,5 Millionen Menschen könnten sterben.

Die Forscher zeigen aber auch auf, wie die Zahl der Toten und Erkrankten bei einer angepassten Strategie reduziert werden könnte. Eine „Schlüsselrolle“ spielten dafür Impfungen – darunter Booster und Kampagnen für ältere Menschen über 60, sowie antivirale Therapien und Kontaktbeschränkungen. Es müsse eine Kombination geben, weil keiner der Vorschläge allein in der Lage wäre, die Todeszahl auf das Niveau üblicher Grippewellen (88 000 Tote) zu drücken, schreiben die Autoren. „Ob oder wie lange eine Null-Covid-Politik aufrechterhalten werden kann, ist fraglich.“

Von Jörn Petring und Gregor Koppenburg.

Jörn Petring und Gregor Koppenburg leben seit einigen Jahren als freie Autoren in Peking. Seit Anfang 2021 berichten sie von dort auch für China.Table.

Dieser Artikel erschien am 16. Mai 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

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