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Massive China-Lockdowns: Shanghais Rückfall - und warum es die Hauptstadt Peking besser macht

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Von: China.Table

Ein Kurier mit Paketen steht vor einem Zaun in einer abgeriegelten Straße im Xuhui-Distrikt von Shanghai, beobachtet von einem Gesundheitsmitarbeiter im weißen Schutzanzug.
Shanghai: Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown. Eine Woche nach der Öffnung sind schon wieder Millionen zu Hause isoliert. © HECTOR RETAMAL/AFP

Chinas verkehrte Welt: Während das normalerweise strengere Peking schon wieder lockert, scheint der Lockdown im eigentlich liberaleren Shanghai nie wirklich aufzuhören. Ein Vor-Ort-Bericht.

Peking – Shanghai leidet unter einem Rückfall: Gut zehn Prozent der Bevölkerung von 25 Millionen Menschen sind wieder im Lockdown, der gesamte Distrikt Minhang. Gleichzeitig wurden 15 Millionen Menschen am Wochenende abermals getestet. Im Laufe der kommenden Woche folgen noch weitere Test-Runden. Nachdem die lange ersehnte Öffnung erst eine Woche her ist, kommt das Wiederaufflammen von Covid-19 nun als kleiner Schock.

Shanghais Schrecken ohne Ende wirft die Frage auf, warum die Lockdowns in Peking und Shanghai so unterschiedlich verliefen. Dies sei die Rache Pekings für das zu liberale Shanghai, vermuteten einige. Ein Weg, um auch noch die letzten Ausländer zu vertreiben, meinten andere. Wieder andere glaubten, Staats- und Parteichef Xi Jinping wolle eine neue Kulturrevolution. Manche verstiegen sich sogar in der Annahme, es werde eine Kriegslage getestet vor einem Angriff auf Taiwan.

Die wahrscheinlichste Erklärung ist einfacher. In Shanghai kamen immer noch die meisten Flüge aus der durchseuchten Omikron-Welt da draußen an. Zugleich sollten die Shanghaier Behörden auf Geheiß von Peking stillhalten. In der Hauptstadt selbst fanden dicht nacheinander die Olympischen Spiele und der Nationale Volkskongress statt. Schlechte Nachrichten von steigenden Infektionszahlen konnte die Führung da nicht brauchen. Zugleich achtete die Stadt Peking selbst penibel auf die Einhaltung der verschiedenen Systeme und Blasen, die eine Einschleppung verhinderten.

Der Stillhalte-Kurs verschleierte in Shanghai die Realität: Schon in der zweiten Januar-Woche gab es erste Omikron-Träger aus dem Ausland, die nach Shanghai reisten. Manche wurden erst nach mehr als 21 Tagen und dem Ende ihrer Quarantäne positiv. Doch die politische Devise lautete: den Ball flach halten. Mehr als kleine Lockdowns gab es nicht. Immerhin: Am 18. Januar wurde die Einreise-Quarantäne von 14 auf 21 Tage verlängert.

China: Zu stolz auf die Null-Covid-Politik

Ansonsten sollte ganz China vor den wichtigsten Feiertagen rund um das chinesische Neujahrsfest im Februar und vor allem vor den Olympischen Spielen ruhig und stabil erscheinen, die tatsächlich fast reibungslos verliefen. Doch so vergingen Wochen politisch verordneter Untätigkeit. Erst nach dem 11. März, dem Ende des Nationalen Volkskongresses, wurden in Shanghai wegen der steigenden Inzidenzen Maßnahmen ergriffen.

Der große Lockdown kam ab dem 17. März – zu spät für Omikron. Nun überreagierten die lokalen Kader in Shanghai ins andere Extrem, mit Methoden, die an die Zeiten der Kulturrevolution erinnern. Eine Spirale der Härte: Zehntausende Menschen, die zwar positiv getestet, aber keine Symptome zeigten, wurden in Messehallen gesperrt, Mütter von ihren Kindern getrennt, Tiere erschlagen. Teile der Bevölkerung hatten zeitweise nicht genug zu essen. Trotz der drakonischen Maßnahmen dauerte es zweieinhalb Monate, bis Shanghai Anfang Juni wieder geöffnet war.

Ein wichtiger Grund für die späte Reaktion in Shanghai: China war insgesamt zu stolz auf seine Zero-Covid-Politik. Die Führung fühlte sich zu sicher. Denn in den zwei Jahren zuvor hatte diese Strategie rund 90 Prozent der 1,4 Milliarden Chinesen ein normales Leben ermöglicht, während die Welt auf dem Kopf stand. Die Zero-Covid-Politik war dabei ursprünglich aus der Not geboren. Chinas Gesundheitssystem ist noch unterentwickelt. Während es in China rund drei Intensivbetten auf 100.000 Einwohner gibt, sind es zum Beispiel in Deutschland über 30. Die Zero-Covid-Politik war dann aber so erfolgreich, dass man es auch mit dem Impfen nicht so genau nahm. Vor allem die Alten, die Impfungen skeptisch gegenüberstehen, wurden in Ruhe gelassen.

Omikron zu ansteckend für Shanghais lockere Strategie

Die Führung hatte jedoch die Rechnung ohne Omikron gemacht. Für die hoch ansteckende Variante passt die Zero-Covid-Strategie nicht. Die Omikron-Entwicklung in Hongkong zeigte erstmals eine neue Gefährdungslage. Da es fast unmöglich wurde, Ansteckungen zu verhindern, ging es nun darum, schwere Verläufe vor allem bei Alten zu unterbinden. Hier stand die Regierung jedoch politisch blank da, mit bis heute rund 100 Millionen unzureichend oder gar nicht geimpften Alten. Und das nur wenige Monate vor dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei, auf dem Xi Jinping das dritte Mal zum Staats- und Parteichef ernannt werden soll.

Ein Polizist bewacht eine Straßensperre für Autofahrer in einer abgeriegelten Straße von Shanghai
Shanghais chaotischer Lockdown: abgesperrte Straße in der einstigen französischen Konzession am 8. Juni 2022 © HECTOR RETAMAL/AFP

In Shanghai hat das Vertrauen in die Politik durch den chaotischen Lockdown tiefe Risse bekommen. Für die Gegner von Präsident Xi ist diese Entwicklung ein Hoffnungsschimmer. Sie werden nicht müde, auf die Risse hinzuweisen und wenn möglich sie zu vergrößern. Der Streit in der Partei ist sichtbar wie selten. Damit ist Xi in eine Zwickmühle geraten. Er kann nun nicht einräumen, dass seine Zero-Covid-Politik überholt ist. Das würde so aussehen, als ob er gezwungen wird, seinen politischen Gegnern nachzugeben.

Chinas Null-Covid: Die Stadt Peking setzt auf die Shenzhen-Methode

Xi musste wenigstens beweisen, dass Shanghai nicht die Regel seiner Politik, sondern eine Ausnahme ist. In Peking ließ er das Virus deshalb nach der Shenzhen-Methode bekämpfen, wie in den meisten Städten Chinas. Sie funktioniert, wenn man anders als in Shanghai früh reagiert: tägliches intensives Testen im Semi-Lockdown, um die Infektionswege zu finden, und Isolieren einzelner Wohnblocks oder Straßenzüge – im Fall positiv getesteter Personen.

Für die meisten Menschen in Peking hieß das in den letzten Wochen: Man konnte sich frei in der Stadt bewegen, sich aber nicht versammeln. Sportstätten und große Parks waren zu. Gearbeitet wurde im Homeoffice. Mal ins Büro – kein Problem. Die Schulen wurden auf Online umgestellt. Die Shopping-Malls waren zu. In den Restaurants konnte man alles bestellen, aber nicht dort essen. Überall musste man sich mit seiner Covid-App einklinken. Und jeden Tag zum Testen, wobei die Schlangen selten so lang waren wie in Shanghai mit schon mal vier Stunden Wartezeiten. Zwischen zwei und 20 Minuten war die Pekinger Regel.

Die Pekinger machten das Beste draus. Man traf sich zum Picknick am Stadtrand, fuhr Fahrrad in den leeren Straßen bei klarer Luft und Kaiserwetter, ging viel spazieren und joggen. Auf Pekings Flüssen tauchten viele Stand-up-Boards auf – fast eine Entschlackungskur für die rastlosen Stadtbewohner. Die Stimmung war mulmig-gelassen, jeden Tag draußen genießend als sei es der Letzte. Ist morgen Shanghai? Nur einmal kam es für einige Stunden zu Panikkäufen, wegen falscher Gerüchte in den sozialen Medien. Ansonsten waren die Läden normal gefüllt und stets offen.

China: Zurück zur wirtschaftlichen Normalität

Neue Geschäftsideen sind entstanden, wie Bierwagen, die gezapftes Bier on-the-go verkauften, oder Essen, das man im Laufen verzehren kann. Denn versammeln sollte man sich ja nicht. Nicht einmal Fußball spielen. Manche Fußballplätze wurden mit Stacheldraht umzäunt. Doch kaum war dunkel, haben die Jugendlichen Löcher in den Zaun geschnitten und gespielt, bis sie vom lokalen Ordnungsamt vertrieben wurden. Die Jungen feierten derweil spontane Partys in Kleingruppen unter hallenden Autobahnbrücken, mit großen Boxen auf Omas altem Einkaufstrolley, den sie hinter ihrem E-Roller herzogen, bis die Polizei sie vertrieb. Auf zur nächsten Brücke, weiter vom Zentrum weg. 3. Ringstraße. 4. Ring. 5. Ring.

Eine wechselnde Minderheit hatte allerdings auch in Peking Pech: Ein Fall in der Nachbarschaft bedeutete eine Woche Hausarrest. Dort gab es dann schon Ärger, auch hier kam es zu Übertreibungen und Schikanen. Insgesamt war der Peking-Lockdown aber ausgewogen. Und die Pekinger sagten: Shanghai, schau auf uns! So geht Lockdown. Nun lautet die Devise: zurück zur wirtschaftlichen Normalität. Noch kann China für das Gesamtjahr die Kurve kriegen. Die Exportzahlen von Mai machen Hoffnung: 16,9 Prozent Wachstum. Nach nur 3,9 Prozent im April.

Die an Shanghai angrenzende Provinz Jiangsu hat derweil am Wochenende die Einreise-Quarantäne verkürzt: drei Tage Hotelquarantäne nach der Landung in Shanghai, vier Tage Hotelquarantäne in Jiangsu, sieben Tage Quarantäne zu Hause. Nur zwei Wochen – damit kann man leben.

Aber es war zugleich auch ein Wochenende der Rückschläge. In beiden Städten stiegen die Fallzahlen zuletzt wieder leicht an. Immerhin lassen sich in Peking praktisch alle Fälle auf eine einzige Bar am Arbeiterstadion zurückverfolgen und sind bereits in Isolation. Dennoch wurden Bars und Clubs in mindestens zwei Distrikten, darunter dem Ausländerviertel Chaoyang, wieder geschlossen. Restaurants bleiben offen. Doch anders als geplant, haben die Schulen am Montag ihre Türen nicht wieder geöffnet.

Von Frank Sieren

Der China-Spezialist und Bestseller-Autor Frank Sieren lebt seit 1994 in Peking. Er arbeitete bereits als Korrespondent für die Wirtschaftswoche und das Handelsblatt. Seit 2021 schreibt er für das China.Table Professional Briefing.

Dieser Artikel erschien am 13. Juni 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht es nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

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