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China braucht viel Öl und Gas – profitiert Peking von Russlands Isolation?

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Von: Christiane Kühl

Zwei Männer unterhalten sich vor einem russischsprachigen Werbebanner der chinesischen Firma Sinopec.
Sinopec-Stand auf der russischen Rohstoffmesse Neftegas im April: China kann nicht alle Exportausfälle durch Embargos kompensieren. © Anton Novoderezhkin/TASS/Imago

Russland braucht dringend alternative Abnehmer seiner Rohstoffe. China wäre ein natürlicher Kunde. Doch fehlende Infrastruktur und die Omikron-Welle in der Volksrepublik bremsen bisher.

Peking/München – Schnappt China sich russisches Erdöl und Gas zu günstigen Preisen? Und konterkariert Peking damit die westlichen Sanktionen gegenüber Moskau? Diese Frage treibt Beobachter seit Beginn des Ukraine-Krieges um.

China ist abhängig von Rohstoffimporten, und der Anteil Russlands daran steigt seit Jahren. Auch hält Peking zumindest offiziell zu Moskau: China verurteilt die russische Invasion der Ukraine nicht, sondern gibt die Schuld für die Eskalation stets den USA und der Nato. Es wäre also nur natürlich, wenn China versuchen würde, seine eigenen Energie-Interessen im Krieg zu wahren. Nur die USA haben bisher ein Embargo auf russisches Öl und Gas verhängt; die EU drosselt seit Beginn des Krieges die Einfuhren. Doch da es bislang keinen formalen Boykott gibt, würde China mit höheren Importen nicht gegen Sanktionen verstoßen.

Die Frage, wie China sich am Rohstoffmarkt verhält, ist entscheidend für den Erfolg von Rohstoffboykotten gegen Russland durch den Westen. Falls China und andere Staaten das nun vom Westen verschmähte russische Öl kauft, dürfte sich die Wirkung dieser Boykotte empfindlich abmildern. Noch aber gibt es keine Hinweise, dass sich China wirklich in großem Stil auf russisches Öl stürzt  – anders als etwa Indien. Indische Käufer sicherten sich Ende März russische Öl-Lieferungen zu „Rekord“-Rabatten von 30 und 25 US-Dollar unter dem Marktpreis pro Barrel. Und das, obwohl der Ukraine-Krieg einen Anstieg der Rohölpreise auf den höchsten Stand seit 2008 auslöste. Chinas Raffinerien agierten dagegen bisher vorsichtig; mehrere Banken verweigerten aus Sorge vor Sekundärsanktionen der USA am Anfang der Invasion Kredite für Rohstoffeinfuhren aus Russland.

Auch rein praktisch können überschüssiges Öl und Gas nicht einfach nach China umgeleitet werden. Dafür fehlen die nötigen Pipelines. China und Russland haben vor dem Krieg zwar mehrere Pipeline-Projekte vereinbart. Doch bis durch diese Leitungen auch Gas und Öl fließen, werden Jahre vergehen. „Die bedeutendste Investition, die Gaspipeline Power of Siberia 2, befindet sich noch in Verhandlungen, und seit dem Ukrainekrieg hat es an dieser Front keine Entwicklungen gegeben“, meint etwa Rob O‘Brian von der international tätigen Wirtschaftskanzlei Baker McKenzie in einem Beitrag für das China-Institut der Londoner SOAS-Universität. „Die Kapazität der chinesisch-russischen Pipeline-Infrastruktur ist der euro-russischen Pipeline-Infrastruktur weit unterlegen.“

China: Verhindert Omikron-Welle Importboom für russisches Öl?

Doch es gibt ja auch den Seeweg. Von den 115 Tankern, die in den zwei Monaten seit dem Kriegsbeginn am 24. Februar und aus russischen Häfen nach Asien ausgelaufen sind, fuhren nach einem Bericht der japanischen Zeitung Nikkei Asia 52 nach China, 28 nach Südkorea, 25 nach Indien, neun nach Japan und einer nach Malaysia. Das bedeutet für Indien eine Verachtfachung und für China eine Steigerung von 33 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Immerhin fuhren zwischen 1. März und 15. April aber auch 41 Tanker in die Niederlande, 36 nach Italien und neun nach Deutschland.

Unklar ist derweil, wieviele der 52 nach China gefahrenen Tanker ihr Öl überhaupt dort anliefern konnten: Inmitten des Schiffsstaus vor der Küste Chinas liegen laut Bloomberg Tanker mit 17 bis 20 Millionen Barrel Öl an Bord auf Reede – vornehmlich aus Venezuela und dem Iran, aber auch aus Russland.

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Der Grund ist Corona: Die Volksrepublik kämpft zurzeit mit seiner ersten großen Omikron-Welle. Dutzende Städte befinden sich komplett oder teilweise im Lockdown, allen voran die seit sechs Wochen abgeriegelte Hafenmetropole Shanghai. Die vielen Lockdowns, die China aufgrund seiner Null-Covid-Politik verhängt, drosseln die Konsumnachfrage und stören Logistik und Lieferketten im ganzen Land. Im April schrumpfte die Produktion in China um 2,9 Prozent im Vergleich zum April 2021, die Einzelhandelsumsätze brachen um 11,1 Prozent ein. Die Arbeitslosigkeit stieg mit 6,1 Prozent wieder auf das Niveau während des ersten schweren Covid-Ausbruchs in Wuhan Anfang 2020.

China: Aktuell nur begrenzte Ölnachfrage

Insofern ist unklar, wieviel Öl China in diesem Jahr nun zusätzlich aus Russland kaufen kann oder will. Chinas Raffinerien haben angekündigt, in diesem Jahr vier Prozent weniger Rohöl zu verarbeiten als 2021. Große chinesische Käufer russischer Öllieferungen wie die Staatsriesen Sinopec, CNOOC, PetroChina und Sinochem haben zunächst nach Kriegsausbruch keine neuen Verträge mit russischen Lieferanten abgeschlossen. Doch Ende März 2022 sagte ein Topmanager des Ölkonzerns Sinopec zu Nikkei Asia, dass der Konzern weiterhin Rohöl und Gas von russischen Lieferanten kaufen werde. Andere dürften folgen.

Vollständig ersetzen können Chinas Einfuhren die ausfallenden Lieferungen nach Europa allerdings nicht. Das Volumen von Verträgen von Anfang Februar beinhalte „keine Gas- und Ölmengen, die groß genug sind, um den europäisch-russischen Energiehandel zu ersetzen“, schreibt O‘Brian. Seit Ausbruch des Krieges herrsche Ruhe an den Märkten.

China und Russland: Strategisches Interesse an Rohstoffkooperation

Trotz aller Schwierigkeiten ist es aus Sicht Pekings und Moskaus strategisch sinnvoll, die Lieferungen so schnell wie möglich auszubauen. Moskau muss Ersatzkäufer für Öl- und Gasexporte finden, die zuvor nach Europa gingen. Aus Pekings Sicht haben russische Energieimporte wiederum den strategischen Vorteil einer Lieferung auf dem Landweg via Pipeline oder auf direktem Seeweg von Russlands sibirischen Häfen. Den größten Teil seiner Ölimporte bezieht China derzeit durch Tanker, die die Straße von Malakka durchfahren – eine Meerenge entlang der Küsten eher USA-freundlicher Staaten wie Thailand oder Malaysia.

Angebot und Nachfrage passen ebenfalls zusammen: Russland ist der drittgrößte Ölproduzent und zweitgrößte Gasproduzent der Welt, während China der weltgrößte Importeur von Öl und Gas ist. China nahm vor dem Krieg rund ein Viertel des russischen Öls ab, die EU fast die Hälfte. Umgekehrt bestand fast die Hälfte der russischen Exporte nach China aus Rohöl (48,3 Prozent), gefolgt von einer Reihe anderer Energieprodukte. China importierte bisher 15,5 Prozent seines Rohöls aus Russland – dieser Anteil ist also durchaus ausbaufähig.

Russland liefert zudem Erdgas aus ostsibirischen Gasvorkommen über die Power of Siberia 1-Pipeline nach China, sowie einen kleineren Anteil an Flüssiggas (LNG). Die Power of Siberia 2-Pipeline würde die Liefer-Kapazitäten mehr als verdoppeln, so O‘Brian. Bei ihrem Gipfel in Peking kurz vor beginn der Invasion unterschrieben Russlands Präsident Wladimir Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping den Vertrag zur Pipeline. Ab 2025 soll Gas aus Westsibirien durch die Mongolei nach China strömen. Zugleich will China mehr LNG aus Russland beziehen. In den Monaten vor dem Ukraine-Krieg sicherten sich chinesische Firmen mehrere langfristige LNG-Lieferverträge aus Russland. Laut Analysen möchte China damit seine Abhängigkeit von LNG-Lieferungen durch geopolitische Rivalen wie den USA und Australien verringern.

Russland: Asiatische Märkte kein Allheilmittel

Aber die asiatischen Märkte haben für Russland ihre Grenzen. „In dieser frühen Phase der Sanktionen und Embargos wird Russland zwar profitieren, da höhere Preise auch deutlich höhere Steuereinnahmen als in den letzten Jahren bedeuten“, schrieb Daria Melnik, Analystin beim Energieforschungsunternehmen Rystad Energy, vergangene Woche in einer Studie. Um Exporte nach Asien anzukurbeln, brauche es aber Zeit und massive Infrastrukturinvestitionen. Dies werde „mittelfristig dazu führen, dass Russlands Produktion und Einnahmen steil absinken.“ Russlands tägliche Öl-Produktion wird nach Berechnungen Melniks 2030 um knapp zwei Millionen Barrel pro Tag niedriger liegen als vor dem Krieg. Die Gasproduktion werde bis dahin um rund 100 Milliarden Kubikmeter zurückgehen. Chinas Importen zum Trotz.

Sechs Wochen Krieg sind zu kurz, um schon jetzt einen Trend festzustellen. Im März gingen Chinas Öleinfuhren aus Russland um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zurück. Doch ihr Wert stieg aufgrund der hohen Weltmarktpreise um 30 Prozent. Bisher profitiert also Russland noch von den höheren Preisen. Doch wenn Melnik recht hat, dürfte am Ende vor allem China von der Lage profitieren. (ck)

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