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50 Jahre Panda-Diplomatie: Chinas putzige Propaganda

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Von: Sven Hauberg

Im Juli 2017 eröffneten Xi Jinping und Angela Merkel die neue Berliner Panda-Anlage.
Im Juli 2017 eröffneten Xi Jinping und Angela Merkel die neue Berliner Panda-Anlage. © Ma Zhancheng/Xinhua/Imago

Vor 50 Jahren verschenkte China erstmals zwei Pandas an eine westliche Nation: der Beginn einer Erfolgsgeschichte - und eines Millionen-Dollar-Geschäfts.

München/Washington – Richard Nixon wusste genau, welchen Coup er da gelandet hatte. „It‘s gonna be a hell of a story“, sagte der 37. US-Präsident im März 1972 zu seiner Frau Pat - „Das wird eine verdammt gute Geschichte“. Ein paar Wochen zuvor hatte Nixon als erster amerikanischer Präsident das kommunistische China* besucht und war dort mit Mao Zedong* und dem damaligen Ministerpräsidenten Zhou Enlai zusammengetroffen. Aus Peking hatte Nixon die Absichtserklärung beider Länder mitgebracht, „eine Brücke zu bauen über die 16.000 Meilen Entfernung und 22 Jahre der Feindschaft, die uns in der Vergangenheit entzweit haben“, wie es der Präsident später ausdrückte. Und noch etwas hatte Nixon im Gepäck, als er zurück nach Washington flog: das Versprechen der Volksrepublik, den USA zwei Pandas zu schenken.

Pat Nixon hatte beim Staatsbesuch in China von den schwarz-weißen Vierbeinern geschwärmt, woraufhin Premierminister Zhou ihr versprach, den USA ein paar Pandas zu liefern. Ling-Ling und Hsing-Hsing kamen am 16. April 1972 in Washington, D.C. an, sie waren anderthalb Jahre alt. Bis zu ihrem Tod lebten sie dort im Zoo. Die First Lady persönlich begrüßte die Pandas und sprach von einem „wertvollen Geschenk“. Allein am ersten Tag sollen dann 20.000 Besucher in den Zoo gekommen sein, um die seltenen Tiere zu sehen, im ersten Jahren waren es mehr als eine Million Menschen. China, über lange Jahre einer der Hauptfeinde der USA, hatte auf einmal ein sympathisches Gesicht bekommen. Eine „verdammt gute Geschichte“ eben – für Präsident Nixon, aber auch für die Regierung in Peking.

Ling-Ling und Hsing-Hsing im Zoo von Washington, D.C.: Die Pandas waren eine Geschenk Chinas.
Ling-Ling und Hsing-Hsing im Zoo von Washington, D.C.: Die Pandas waren eine Geschenk Chinas. © Xinhua/Imago

Schon seit Jahrtausenden müssen Tiere als diplomatische Geschenke herhalten. Im alten Ägypten versuchten ärmere Staaten, mit den wertvollen Gaben machtvollere Gegner zu beeinflussen. Im Mittelalter sorgten Giraffen oder Elefanten, die aus Afrika nach Europa gebracht wurden, immer wieder für Aufsehen.

China entdeckte früh, welche Anziehungskraft seine Pandas auf andere Staatsführer haben. Im Jahr 685 schickte Tang-Kaiserin Wu Zetian zwei Pandas nach Japan, um den dortigen Kaiser zu beeindrucken. Das moderne China setzte die Tradition fort. 1957 wurden die ersten Bären in die Sowjetunion geschickt. Weitere Tiere folgten, vor allem an sozialistische Bruderstaaten. So richtig in Schwung kam die Panda-Diplomatie der Volksrepublik aber erst, als Ling-Ling und Hsing-Hsing in den USA einschwebten.

China: Teure Pandas für den Berliner Zoo

Weltweit leben heute etwa 50 Pandas in Zoos außerhalb Chinas. In Europa sind die Tiere in zehn Tiergärten zu sehen, von Spanien bis Finnland. Verschenkt werden die putzigen China-Botschafter allerdings schon lange nicht mehr. Seit Mitte der 90er-Jahre lässt sich Peking die wertvollen Tiere teuer bezahlen. Rund eine Million US-Dollar pro Jahr kostet ein Paar angeblich, genaue Zahlen gibt es nicht. Meist verleiht Peking die Tiere für zehn Jahre. Doch oft werden diese Verträge verlängert, wie der Sinologe Falk Harting vor ein paar Jahren in einer umfangreichen Studie schrieb. Nachwuchs, der im Ausland zur Welt kommt, ist automatisch Eigentum der Volksrepublik und wird pro Tier mit 500.000 Dollar Leihgebühr in Rechnung gestellt. Und meist müssen die Jungtiere im Alter von zwei Jahren nach China gebracht werden.

Auch in Deutschland leben seit ein paar Jahren mehrere Pandas. Im Juli 2017 eröffneten die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping* die Panda-Anlage im Berliner Zoo, wo seitdem Meng Meng und Jiao Qing leben. Im Sommer 2019 kamen Pit und Paule zur Welt, der erste Nachwuchs der beiden Elterntiere*. Wie viel der Zoo jährlich für die Pandas zahlt, ist ein Geheimnis: „Die genaue Höhe des finanziellen Beitrags ist ein Vertragsdetail, welches wir nicht veröffentlichen“, teilt der Zoo auf Anfrage von Merkur.de* mit. Das Geld sei aber gut angelegt: „Rund 80 Prozent des vom Zoo Berlin geleisteten Beitrags werden direkt für den Habitat-Schutz in den Bambuswäldern Chinas ausgegeben, ein weiterer Teil für die Reproduktionsforschung“, sagt eine Sprecherin. Auf die Frage, ob der Zoo nachprüfen könne, was mit dem Geld geschehe, heißt es lediglich, China habe sich dazu vertraglich verpflichtet, alle Abmachungen einzuhalten.

Die Haltung der Tiere ist kein billiges Vergnügen. Zu den Kosten für das Gehege kommen die Ausgaben fürs Futter. Mehr als 100 Kilogramm Bambus verputzen die Berliner Pandas – jeden Tag. Viel Geld für ein paar Vierbeiner. Aber die Tiere schaffen Aufmerksamkeit; die Berliner Lokalmedien berichten immer wieder über die knuffigen Bären, zuletzt vor allem über Pit und Paule. Wie lange der Panda-Nachwuchs noch in der Hauptstadt bleibt, ist allerdings unklar. Es sei möglich, „dass uns die beiden noch in diesem Jahr verlassen“, teilt der Zoo mit.

China: Leih-Pandas als Soft-Power

Für China sind die Leih-Pandas vor allem willkommene Propaganda, die noch dazu nichts kostet. Politikwissenschaftler sprechen von „Soft Power“, wenn sich ein Land mithilfe seiner Kultur im Ausland Einfluss sichert. Deutschland macht das etwa mit den Goethe-Instituten, während China im Ausland Dutzende Konfuzius-Institute betreibt, an denen Interessierte Chinesisch lernen oder Kalligrafie-Kurse besuchen können. Wirklich attraktiv ist das Angebot allerdings nicht. Während Chinas Nachbarn Südkorea und Japan mit K-Pop und Mangas seit Jahren den Westen begeistern, ist chinesische Popkultur außerhalb Asiens quasi unbekannt. Bleiben die Pandas.

Pekings Premier Zhou Enlai versprach Richard Nixon bei dessen China-Besuch zwei Pandas als Geschenk.
Pekings Premier Zhou Enlai versprach Richard Nixon bei dessen China-Besuch zwei Pandas als Geschenk. © Imago/Zuma/Keystone

„Die Panda-Diplomatie ist ein wichtiger Bestandteil der chinesischen Kulturdiplomatie“, erklärt die Sinologin Maria Repnikova von der Georgia State University. China poliere sein Image mit den Tieren „recht erfolgreich“ auf und schaffe es, auch jenseits der Politik Schlagzeilen zu machen, sagt Repnikova zu Merkur.de. Anders als etwa in Südkorea oder Japan lasse es China aber nicht zu, dass kulturelle Initiativen, mit denen im Ausland geworben werde, aus der Bevölkerung kämen. „Chinas ‚Soft Power‘ wird genauer überwacht und akribisch produziert“, sagt sie. Mit den Pandas hat Peking die perfekten Aushängeschilder gefunden. Die fortpflanzungsfaulen Tiere sind niedlich, sie sind unpolitisch, sie sind selten – nur rund 2000 Tiere leben Schätzungen zufolge in freier Wildbahn. Und sie sind ein Symbol für China, das jedes Kind kennt. Bei den Olympischen Spielen 2008 und 2022 nutzte Peking die Sympathieträger nicht ohne Grund als Maskottchen.

Das Ziel von „Soft Power“ ist es, eine Bevölkerung für sich so zu vereinnahmen, dass sie letztendlich auch die Politik beeinflusst. Im Falle von Chinas „Panda-Diplomatie“ sei es schwer zu sagen, ob das wirklich funktioniere, sagt Repnikova und verweist auf die sinkende Beliebtheit Chinas im Westen. Laut dem Pew Research Center blicken 76 Prozent der US-Amerikaner negativ auf China, in Europa ist es kaum anders. Zuletzt waren es vor allem die Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang* und die Corona-Pandemie, die China in ein negatives Licht gerückt haben. Aber auch das Zögern der Regierung in Peking, sich im Ukraine-Krieg von Russland zu distanzieren*, trägt im Westen nicht gerade zum Ansehen Chinas bei.

China: Tausche Pandas gegen Moschusochsen

Ein Zoobesuch und ein paar niedliche Pandas können das kaum ändern. „Ausländische Regierungen ändern ihre Politik gegenüber China nicht, um einen Panda zu bekommen, oder nachdem sie einen bekommen haben“, schreibt der Sinologe Harting. Man sollte die Macht der Bären allerdings auch nicht unterschätzen. Denn Pandas gibt es nur, wenn sich ein Land China gegenüber freundlich verhält. So ergab eine Auswertung der Hongkonger South China Morning Post, dass die wichtigsten Handelspartner Chinas auch die meisten Pandas besitzen. Wie politisch die Vierbeiner sein können, zeigte sich im Jahr 2005. Damals wollte China die zwei Pandas Tuan Tuan und Yuan Yuan nach Taiwan* schicken. Kurz zuvor hatte Peking ein Gesetz erlassen, das es ermöglichen würde, im Falle einer taiwanischen Unabhängigkeitserklärung die Insel notfalls mit Gewalt an China anzugliedern*. Die Pandas, die Peking an Taipeh übergeben wollte, waren als Zeichen des guten Willens gedacht.

Doch in Taiwan sah man das anders: Kombiniert man die beiden Namen der Tiere, entsteht das Wort Tuanyuan - Wiedervereinigung. „Pandas sind niedlich, aber sie sollen Taiwans psychologische Abwehrkräfte zerstören“, wetterte ein Abgeordneter einer taiwanischen Unabhängigkeitspartei. Und auch Taiwans damaliger Präsident Chen Shui-bian witterte unlautere Absichten und sagte den Deal ab. Erst unter Chens Nachfolger, dem China-freundlicheren Ma Ying-jeou, durften Tuan Tuan und Yuan Yuan einreisen.

Als Gegengeschenk für Ling-Ling und Hsing-Hsing, die im April vor 50 Jahren nach China kamen, schickten die USA damals übrigens zwei Moschusochsen nach Peking*. „Mit den knuddeligen Pandas im Tausch gegen die hässlichen Moschusochsen haben wir den besseren Deal gemacht“, sagte der damalige Nationale Sicherheitsberater der USA unlängst in einem Interview. Milton und Matila hießen die mächtigen Paarhufer, deren Schicksal allerdings weniger erfreulich war als das der China-Pandas: Matila verschied 1980, und Milton verstarb schon ein paar Jahre nach seiner Ankunft. Angeblich hatte er „ein scharfes Objekt“ verschluckt. Stapleton Roy, 1972 mit Nixon auf China-Reise und in den Neunzigern US-Botschafter in Peking, glaubt, dass es dem geschenkten Ochsen nach seinem Tod genauso erging wie vielen anderen toten Zoo-Tieren in China. Wenig diplomatisch sagte er: „Der Moschusochse wurde wahrscheinlich aufgegessen.“ (sh) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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