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Zwischen Westen und China: Albanien könnte Schlachtfeld der „Neuen Seidenstraße“ werden - und profitieren

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Von: Foreign Policy

(Seiden-)Straße geschlossen: Rauch eines Waldbrandes steigt hinter einer Straßensperre bei Berat in Albanien auf. (Symbolbild)
(Seiden-)Straße geschlossen: Rauch eines Waldbrandes steigt hinter einer Straßensperre bei Berat in Albanien auf. (Symbolbild) © bruno kickner/Imago

Albanien wurde von der EU lange vernachlässigt. Trotzdem ist das Land auch China gegenüber skeptisch - das bringt es nun in eine spannende Situation.

Tirana – Wenn es um Albanien geht, scheinen die Vereinigten Staaten angesichts der wachsenden Präsenz Chinas* in der Region von Gleichgültigkeit zu Eifer überzugehen. Das verstärkte US-Engagement in dem kleinen Balkanland zeigt: Es könnte sich ein weiterer potenzieller Kollisionspunkt zwischen Chinas geoökonomischen Ambitionen in der Region und den wachsenden, wenn auch verspäteten Gegen-Bemühungen des Westen herauskristallisieren.

Während die meisten Balkanländer gierige Empfänger chinesischer Gelder sind, ist Albanien ein Ausreißer. Das Land hat sich für eine selektive Zusammenarbeit mit Peking entschieden. Zwar gibt es auf dem Balkan etwa 120 Projekte mit chinesischer Beteiligung im Wert von fast 32 Milliarden US-Dollar – die meisten davon in den Bereichen Infrastruktur und Energie –, doch Albanien hat es sorgfältig vermieden, im Austausch für diese Entwicklungsmaßnahmen hohe Schulden bei den Chinesen anzuhäufen. Es hat sich stattdessen für Übernahmen entschieden, die die Zukunft des Landes nicht gefährden.

Chinas Geld nur bedingt gewünscht - USA registrieren es mit Wohlwollen

Washington hat darauf mit Wohlwollen reagiert und seine Investitionen und militärischen Beziehungen verstärkt. Anfang Januar kündigte das U.S. Special Operations Command Europe an, einen auf Rotationsbasis arbeitenden Stützpunkt in Albanien einzurichten. Dies geschah nur wenige Monate, nachdem das Land Gastgeber der Militärübung Defender Europe 21 war; der größten Operation in Südosteuropa seit dem Zweiten Weltkrieg. Die US-Investitionen sind zwar immer noch dürftig, nehmen aber schnell zu. Nach Angaben der albanischen Zentralbank stiegen die amerikanischen Direktinvestitionen im dritten Quartal 2020 im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2019 um 48 Prozent und erreichten rund 140 Millionen US-Dollar.

Washingtons erneutes Interesse an Albanien begann im Jahr 2020, als das Land der Clean Network Initiative beitrat, einem Programm der Trump-Regierung, das die Dominanz chinesischer Unternehmen in der 4G- und 5G-Mobilfunktechnologie herausfordern sollte. Albanien war das erste Land in der Region, das dieser Initiative beitrat. Es nutzte seine Beteiligung, um sich bei Washington beliebt zu machen, das sich über die Unterstützung in der Region freute.

Ende 2020 unterzeichneten Regierungsvertreter aus den USA und Albanien bei einem Besuch bei Keith Krach, dem damaligen US-Staatssekretär für Wirtschaftswachstum, in der albanischen Hauptstadt Tirana eine Vereinbarung über die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Dieser Schritt ebnete den Weg für US-Investitionen in das Wasserkraftprojekt Skavica und das Wärmekraftwerk Vlora. Ein symbolischer Schritt gegen die chinesischen Interessen in dem Land, dessen größtes Projekt die Konzession von Geo-Jade Petroleum für die Ölförderung im Patos-Marinza-Feld ist, dem größten Onshore-Ölfeld Europas.

„Albanien hat für China einen symbolischen Wert“

Trotz Albaniens Hinwendung zum Westen lässt sich China nicht abschrecken. Ende Oktober 2021 besuchte der chinesische Außenminister Wang Yi Albanien auf dem Weg zum G20-Gipfel in Rom. In den vorausgegangenen Jahren hatte Peking den zunehmenden Handel begrüßt; das Land ist nach Italien und der Türkei die drittgrößte Importquelle Albaniens. Albaniens Adriaküste ist auch für die Ausweitung der chinesischen Neue-Seidenstraße-Initiative* von Interesse, die einen besonderen Schwerpunkt auf Südosteuropa als Tor zum Mittelmeer gelegt hat.

Chinas Außenminister Wang Yi im Oktober mit Ministerpräsident Edi Rame in Tirana
Chinas Außenminister Wang Yi im Oktober mit Ministerpräsident Edi Rame in Tirana © Zhang Liyun/www.imago-images.de

China hatte eine lose Koalition mittel- und osteuropäischer Länder – bekannt als die 16+1 – zusammengeschustert, die mit Pekings „Belt and Road“ kooperierte. Doch da Länder wie die Tschechische Republik und die Slowakei der unliebsamen Investitionen Pekings allmählich überdrüssig werden, Peking durch ihre Unterstützung Taiwans verärgern und Litauen im Mai 2021 aus der Gruppe ausschied, ist es für Peking von entscheidender Bedeutung, strategische Partner wie Albanien auf seiner Seite zu haben.

„Albanien hat für China einen symbolischen Wert, und das Land ist aufgrund seiner historischen Beziehungen zu China und seiner Ausrichtung auf die Ein-China-Politik eines der interessantesten Länder in der Region“, sagt Stefan Vladisavljev, Programmkoordinator bei der Stiftung BFPE für eine verantwortungsvolle Gesellschaft, einer serbischen Denkfabrik. „Andererseits ist das Land Mitglied der Nato und strebt eine EU-Mitgliedschaft an*, was die strategische Ausrichtung der albanischen Außenpolitik insgesamt auf den Westen verlagert.“

China investiert auf dem Balkan - EU und USA sind spät dran

Die Vereinigten Staaten und Europa unternehmen reichlich verspätete Bemühungen, ihr Gewicht in die Waagschale zu werfen. Sowohl Washington als auch Brüssel haben Pläne für die wirtschaftliche Entwicklung vorgelegt, um das Vordringen Chinas über die Neue-Seidenstraßen-Initiative zumindest teilweise einzudämmen, und beide haben zumindest Lippenbekenntnisse für mehr Investitionen in den westlichen Balkan abgegeben. Aber es gibt nicht nur Zuckerbrot, sondern auch Peitsche.

Wie viele Balkanländer bereitet sich auch Albanien auf die Mitgliedschaft in der Europäischen Union vor, obwohl die Erweiterung von Brüssel immer wieder hinausgezögert wird. Sollte dieser Ansatz weitergeführt werden, wird ein größeres Vakuum für den chinesischen Einfluss entstehen.

„Peking wird von einigen Regierungen in den westlichen Balkanländern als zuverlässige Finanzierungsquelle für die wirtschaftliche Entwicklung angesehen“, erklärt Valbona Zeneli, Vorsitzende für strategische Initiativen am George C. Marshall Center. Um die Balkanländer in die richtige Richtung zu lenken, sollte die EU die Erweiterung und die chinesische Großzügigkeit miteinander verbinden, sagt sie.

„Um eine positive Entwicklung zu fördern, muss die EU im Rahmen ihrer Erweiterungspolitik spezifische Bedingungen für Investitionsvereinbarungen mit China schaffen, einschließlich größerer Transparenz und Screening-Mechanismen für eingehende Investitionen“, sagte sie.

China-Skepsis als Türöffner: Albanien könnte zum „regionalen Machtmakler“ werden

Die Bereitschaft Albaniens, chinesische Investitionen zu begrenzen und mit Brüssel, Peking und Washington zu jonglieren, bietet dem Land die seltene Gelegenheit, als regionaler Machtmakler aufzutreten. Serbien ist Chinas wichtigster Partner auf dem westlichen Balkan, mit Investitionen, meist in Form von Krediten, in Höhe von rund 8 Milliarden US-Dollar. Das benachbarte Nordmazedonien hat ebenfalls chinesische Kredite erhalten, während sich Montenegro bekanntermaßen durch die Aufnahme eines Kredits der chinesischen Export-Import-Bank in Höhe von fast einer Milliarde US-Dollar für den Bau einer Autobahn hoch verschuldete. Im Süden, in Griechenland, kontrolliert die chinesische Reederei Cosco den Hafen von Piräus, den viertgrößten Containerhafen Europas – ein Schritt, der in Brüssel für heftiges Kopfschütteln gesorgt hat.

Indem es alle wichtigen Akteure umwirbt, könnte Albanien ein Wegbereiter für kleinere Länder sein, die im Fadenkreuz der Auseinandersetzung des Westens mit Peking stehen.

von Amanda Coakley

Amanda Coakley ist internationale Korrespondentin und Milena Jesenska-Journalistenstipendiatin am IWM in Wien. Sie berichtet über Mittel- und Osteuropa und die Balkanländer. Twitter: @amandamcoakley

Dieser Artikel war zuerst am 24. Januar 2022 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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