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Hongkong verzichtet auf Chinas Null-Covid-Strategie – Lockerungen statt endloser Massentests

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Von: China.Table

Menschen vor Leuchtreklamen an einer Straße von Sham Shui Po in Hongkong
Hongkongs Straßen beleben sich wieder: Die Lokalregierung lockert – und nimmt Abschied von der Null-Covid-Politik © Marc Fernandes/NurPhoto/Imago

Während China strikt an seiner Null-Covid-Strategie konsequent festhält, beginnt die Sonderverwaltungszone Hongkong mit ersten Lockerungen der Corona-Maßnahmen.

Hongkong/Berlin – Raus aus dem Dilemma: In seiner Siegesrede am Sonntag hat Hongkongs künftiger Regierungschef John Lee deutlich gemacht, wo die Prioritäten nach seinem Amtsantritt am 1. Juli liegen sollen. Lee und seine neue Mannschaft wollen versuchen, Hongkong schnellstmöglich aus der für die Wirtschaft schädlichen Corona-Isolation zu befreien. Ein Unterfangen, an dem auch die noch amtierende Regierung unter Carrie Lam arbeitet, aber bislang noch keinen Erfolg vermelden konnte.

Seit mehr als zwei Jahren gelten die strengen Maßnahmen, die jede Reise für Hongkonger zu einer Tortur machen. Trips ins Ausland ziehen nach der Rückkehr eine lange Hotel-Isolation in Hongkong nach sich. Nicht einmal Reisen ins benachbarte Shenzhen auf dem chinesischen Festland sind ohne Quarantäne möglich. Und dorthin fuhren vor der Pandemie viele Hongkonger mal schnell mit der U-Bahn zum Einkaufen.

Zahlreiche Hongkonger waren phasenweise sogar aus ihrer Heimat regelrecht ausgesperrt. Immer wieder wurden kurzfristig Flug- und Einreiseverbote verhängt, die es unmöglich machten, aus von Corona besonders hart getroffenen Ländern zurückzukommen. Für Touristen und Geschäftsreisende ohne Hongkonger Staatsbürgerschaft war die Stadt bis vor wenigen Tagen sogar komplett dicht.

Hongkong: Behörden genießen mehr Rechte als Shanghai

Die Situation verlangt nicht nur den Menschen vieles ab, auch die wirtschaftliche Produktivität leidet massiv. Unternehmen und ausländische Handelskammern üben daher Druck auf die Regierung aus, indem sie immer wieder fordern, die Regeln endlich zu lockern. Und tatsächlich: Anders als auf dem chinesischen Festland, wo die Regierung konsequent an ihrer umstrittenen Null-Covid-Politik festhält, versucht Hongkong, mit größerer Flexibilität eine Rückkehr in die Normalität erreichen. Sie ließ Omikron mehr oder minder durch die Stadt rauschen, ohne panikartig aufgrund der Infektionszahlen die Bevölkerung komplett und monatelang einzusperren. Die Entwicklung scheint die Wahl der Mittel zu rechtfertigen: Die Fallzahlen in Hongkong gingen von mehr als 70.000 Infektionen pro Tag auf zuletzt weniger als 300 zurück.

Als Sonderverwaltungszone genießt Hongkong deutlich mehr Selbstbestimmungsrechte als etwa Shanghai. Auch dort versuchte die Lokalregierung, einen harten Lockdown zu verhindern. Doch Peking sprach ein Machtwort, was zur Folge hatte, dass die Shanghaier Behörden nun Millionen Menschen seit mehr als einem Monat in ihren Wohnungen und Wohnblöcken isoliert. Während Staatsmedien vergangene Woche bereits „Licht am Ende des Tunnels“ wähnten, zerstörte eine neue Direktive der Verwaltung am Wochenende die aufkeimende Hoffnung. Die Maßnahmen wurden sogar noch einmal verschärft.

Als im Februar in Hongkong die Corona-Fälle in die Höhe schnellten, sah es zunächst ähnlich düster aus. In Windeseile wurden Container-Lager errichtet, in denen Kontaktpersonen und Infizierte untergebracht werden sollten. Auch gab es Pläne für mehrere Runden von Zwangs-Massentests. Sich im Falle einer Infektion vor einer Einweisung ins Corona-Lager zu schützen, wäre nicht möglich gewesen. Doch dazu kam es nicht mehr. Die Regierung machte keine Anstalten, zu einer Null-Corona-Politik zurückzukehren. Stattdessen erfolgte eine 180-Grad-Wende: Inzwischen sind Restaurants, Kinos, Fitnessstudios und Schwimmbäder wieder weitestgehend normal geöffnet.

Chinas Null-Covid-Politik: Weitere Massentests in Peking angekündigt

Ganz anders entwickelt sich die Lage in Peking. „Die Corona-Situation ist kompliziert und ernst“, sagte ein Sprecher der dortigen Stadtverwaltung am Montag. Zu Wochenbeginn wurden wieder 50 neue Fälle diagnostiziert, ein Großteil davon im nördlichen Bezirk Shunyi. Es sei nicht gelungen, Kontaktketten zu brechen, hieß es. Die Kontrollen müssten erhöht werden. Für Dienstag war der Beginn einer neuen Runde Massentests in insgesamt 17 Bezirken angekündigt.

Kinos oder Fitnessclubs bleiben geschlossen, auch zentrale Parkanlagen sind bis auf Weiteres gesperrt. Betreuung und Unterricht in Kindergärten, Grund- und Mittelschulen finden seit Mitte vergangener Woche nur noch online statt. In den auch von vielen Ausländern bewohnten Distrikten Chaoyang und Shunyi ist der öffentliche Nahverkehr ausgesetzt. Ab Donnerstag müssen Bürger ein aktuelles, negatives PCR-Testresultat vorlegen, um öffentliche Einrichtungen betreten zu dürfen.

Hongkong: Null-Covid-Politik ist Geschichte

Erleichterungen dagegen in Hongkong: Zum ersten Mal seit zwei Jahren dürfen wieder Besucher aus dem Ausland in die Stadt reisen. Die Dauer der Hotel-Quarantäne wurde von 14 Tagen auf nur noch sieben Tage verkürzt. Erste Forderungen werden bereits laut, dass diese Quarantäne auch in der eigenen Wohnung verbracht werden kann. Auch die Flugverbote, die für Airlines verhängt werden, wenn in einem Flieger zu viele positiv Getestete saßen, sollen wesentlich dosierter eingesetzt werden.

Der gewählte Regierungsschef John Lee spricht zwar noch nicht offen davon, dass Hongkong künftig mit dem Virus leben solle. Klar scheint jedoch, dass die bisherige Corona-Politik Geschichte ist. Hieß es bisher stets, dass die Öffnung zum chinesischen Festland zuerst – vor der Öffnung zum Rest der Welt – erfolgen müsse, spricht Lee nun nur noch allgemein von einer „Öffnung der Grenzen“. Gemeint ist also, Hongkong gegebenenfalls sogar zunächst aus seiner internationalen Abschottung zu befreien und das Festland warten zu lassen.

Nach seinem Wahlerfolg sagte John Lee jedenfalls: „Ich bin mir der Notwendigkeit sehr bewusst, Hongkong für die Welt zugänglich zu machen. Und es ist auch wichtig, dass Hongkong normale Reisen mit dem Festland wieder aufnehmen kann.“ Und zwar in dieser Reihenfolge. 

Von Jörn Petring/ Gregor Koppenburg

Jörn Petring und Gregor Koppenburg leben seit einigen Jahren als freie Autoren in Peking. Seit Anfang 2021 berichten sie von dort auch für China.Table.

Dieser Artikel erschien am 10. Mai 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht es nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

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