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„Wie dumm kann man sein?“: Palmer zerreißt Merkel-Politik – Lanz „quält“ Ex-VW-Chef mit vielsagendem Clip

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Markus Lanz und seine Gäste am 09.11.2022.
221110 Markus Lanz Screenshot.jpg © ZDF Mediathek (Screenshot)

In der Klima-Runde bei Markus Lanz im ZDF gibt Ex-VW-Chef Herbert Diess den Dauer-Optimisten: „Den Klimawandel zu stoppen, ist eine überschaubare Aufgabe.“

Hamburg – Herbert Diess erweist sich eine Ausgabe „Markus Lanz“ lang als Dauer-Optimist. Deutschland habe der Kernenergie zwar zu früh den Stecker gezogen, aber für die Umwelt sieht er keine unlösbaren Probleme. „Den Klimawandel zu stoppen ist eine überschaubare Aufgabe“, sagt Diess.

Für sich selbst und seine Arbeit bei VW ist er voll des Lobes. Der Konzern habe als erster die Probleme ernstgenommen und „als einer der Pioniere“ auf Elektromobilität gesetzt. „Ich bin stolz darauf“, denn auf diese Weise habe man die gesamte Automobilbranche zum Umdenken bewegt. Das Problem in Deutschland sei jedoch ein ganz anderes: „Wir verbrauchen immer noch viel zu viel Braunkohle und haben vielleicht zu früh die Kernkraft abgeschaltet.“

Im Verlauf der Sendung wird Diess erst in die Defensive geraten – ehe am Ende die gesamte Runde samt Boris Palmer trotz Parforce-Lauf durch diverse Großkrisen zu einem fast skurril anmutenden Happy-End findet.

Mit Markus Lanz diskutierten diese Gäste

Transformationsforscherin Maja Göpel kritisiert, dass VW nach wie vor zu wuchtige Autos baue. „Diese großen Maschinen weiter in Umlauf zu bringen“ sei der falsche Weg. Der Umstieg auf Elektro-Autos sei wohl eher gezwungenermaßen erfolgt, vermutet sie. „Da war doch noch was!“, sagt Göpel schmunzelnd: „Da war doch noch so ein Skandal!“

Auch Moderator Markus Lanz erinnert Diess: Der Diesel-Skandal sei der eigentliche Auslöser gewesen, nicht etwa die plötzliche Erkenntnis, der Umwelt helfen zu müssen. Diess selbst kann da allerdings keine Kausalitäten erkennen. Die Größe der Autos rechtfertigt er damit, dass der Kunde das so wünsche. „Sie halten sich für einen Vorreiter in der Automobilindustrie?“, fragt Lanz. „Ja, das tue ich“, antwortet Diess. Lanz setzt nach: „Ernsthaft?“

Palmer streut bei Lanz Asche aufs Klima-Haupt: „Ich mache mir Vorwürfe“

Tübingens wiedergewählter Oberbürgermeister Boris Palmer macht es Diess nach und lobt sich nun ebenfalls selbst. Er erzählt von der bedarfsabhängigen Straßenbeleuchtung, die er in Tübingen eingeführt habe und die mit Bewegungsmeldern arbeite. Palmer streut eine Prise vermeintlicher Selbstkritik mit ein, spricht von Selbstvorwürfen, und die Runde scheint ihm von Sekunde zu Sekunde immer wohlwollender gestimmt. Er sei in seinen Entscheidungen zu langsam gewesen, sagt der zerknirschte Palmer. „Ich habe nicht an der physikalischen Notwendigkeit entlang gehandelt.“ Seine Ausführungen lässt er in dem Satz gipfeln: „Ich mache mir Vorwürfe.“

Dann setzt Palmer zu einer Generalanklage gegen die Merkel-Regierung an. Der Ausverkauf der Schlüsselindustrien Photovoltaik und Windkraft nach China sei ein Kardinalfehler gewesen. „Wie dumm kann man eigentlich sein, so eine Zukunftsindustrie so kaputtzumachen?“, fragt Palmer. Alles sei systematisch nach China verlagert worden.

Ex-VW-Chef Diess: „Abhängigkeiten sind nicht per se schlecht“

Manager Diess sieht in Abhängigkeiten von China kein Problem. Ganz im Gegenteil. Sie böten die Chance, miteinander zu reden und „Deals zu machen“. Er betont: „Abhängigkeiten sind nicht per se schlecht.“ Schließlich beginne „die Neu-Industrialisierung der Welt“ ja gerade erst. Man habe Abhängigkeiten auf vielen Gebieten, bei den Daten etwa in Richtung USA „zu den Googles dieser Welt“. Für ihn steht fest: „Es wird neue Abhängigkeiten geben.“ Zeit-Journalist Roman Pletter sagt: „Wir können uns nicht komplett von China entkoppeln, das ist völlig undenkbar.“

Wie wichtig China für Europa ist, betont Diess erneut. Gerade im Automobilbereich sei das Land nicht zu unterschätzen. „Die Hälfte des Weltmarktes ist China“, sagt Diess. „China hat eine Dimension, die alles andere sprengt. Deutschland schöpft viel Wohlstand von chinesischen Kunden.“

Lanz quält Ex-VW-Chef Diess mit altem Clip: „Doch, wir schauen uns das an“

Ein alter Einspieler von der Automesse in Shanghai bremst Diess in seiner Euphorie ein. In einem Interview mit der BBC hatte Diess seinerzeit gesagt, er wisse gar nichts von chinesischen Internierungslagern für die Uiguren. „Wollen wir uns das einmal zusammen anschauen?“, fragt Lanz. Diess windet sich in seinem Sessel: „Nein, das schauen wir uns nicht an.“ Lanz bleibt hart. „Doch, wir schauen uns das an, aber ich werde Sie damit nicht groß quälen.“

Um eine Frage allerdings kommt der Moderator nach dem Einspieler nicht herum: „Haben Sie damals die Wahrheit gesagt?“ „Ja“, stöhnt Diess und ergänzt: „Ich versuche immer die Wahrheit zu sagen. Wenn ich es unbewusst tue, dann tut mir das leid.“ Er sei immer dafür gewesen, in China mit einem Standort vertreten zu bleiben statt ihn zu schließen, „weil die Präsenz eines internationalen Unternehmens immer dazu führt, dass man Öffnung hat.“ Nach einer ausführlichen Lobes-Exkursion zu den vielen Erfolgen des Unternehmens Volkswagen bringt Pletter Diess noch einmal mit den Thema Uiguren und Zwangsarbeit zum eigentlichen Thema zurück: „Ich fände es schon bemerkenswert, wenn der Vorstandschef eines solchen Unternehmens nichts davon weiß.“

Göpel setzt nun zu einem mehrminütigen Weckruf an. „Wir haben 1,7 Erden in Benutzung momentan. Es sind aber nicht 1,7 Erden da“, sagt sie. Ihren Appell begleitet Diess mit einem unermüdlichen Stakkato aus Zustimmungslauten. Rund 50-mal sagt er „Ja“ und „Nein“ und „Absolut“, um danach aber klarzustellen: „Ich spreche jetzt nicht für Volkswagen, denn da bin ich raus.“ Er lobt stattdessen Boris Palmer und seine Tübinger Unternehmungen, Palmer wiederum lobt Diess und Göpel („Wir brauchen eine Mischung aus Diess und Göpel“) und Göpel lobt zum Schluss noch Palmer („Ich find das ja total super.“). Am Ende lächelt die ganze Runde. Auch Diess wieder.

Fazit des Talks bei Markus Lanz:

Dass die Donnerstags-Sendung bereits vor der Mittwochs-Ausgabe aufgezeichnet worden war, konnte der Zuschauer ahnen. Maja Göpel betonte es auf Twitter auch ausdrücklich, noch bevor die Sendung ausgestrahlt wurde. Wohl um klarzumachen, dass sie deshalb auf die Klimadiskussion der Vortags-Sendung nicht reagieren konnte. An diesem Abend musste sie sich daher ausschließlich am ehemaligen VW-Chef Herbert Diess abarbeiten. (Michael Görmann)

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