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Atomwaffen-Säbelrasseln: Expertin erklärt Putins Drei-Koffer-System – „Er hat keinen roten Knopf“

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Von: Patrick Mayer

Claudia Major erklärte im TV bei „hart aber fair“ Putins Drei-Koffer-System.
Claudia Major erklärte im TV bei „hart aber fair“ Putins Drei-Koffer-System. © Screenshot / WDR

Warum droht der russische Präsident Wladimir Putin im Ukraine-Krieg mit dem Einsatz von Atomwaffen? Meint es der Moskau-Machthaber ernst damit? Eine Militärexpertin ordnet bei „Hart aber fair“ in der ARD ein.

München/Berlin - 20 Mal hätten Moskau-Machthaber Wladimir Putin und die russische Regierung nun schon das nukleare Abschreckungsszenario bemüht. Claudia Major gilt als Militärexpertin. Sie leitet die Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. In dieser Funktion war die Wissenschaftlerin am Montagabend bei „Hart aber fair“ in der ARD zu Gast.

Ukraine-News: Warum droht Wladimir Putin mit der Atomwaffe? Expertin ordnet bei „Hart aber fair“ ein

Die Talkrunde diskutiert bei Moderator Frank Plasberg zum Russland-Ukraine-Krieg die Frage: „Putins Parade: Ist keine Drohung schon Grund zur Hoffnung?“ Plasberg interviewte im Verlauf der Sendung Major separat. Sie sollte das Atomwaffen-Säbelrasseln Putins einordnen. „Die Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Angriffes ist immer noch sehr, sehr gering“, erklärte Major als es um die Sorgen vieler Bürgerinnen und Bürger im Ukraine-Konflikt ging.

Die Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Angriffes ist immer noch sehr, sehr gering.

Claudia Major, Militärexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)

So relativierte die Wissenschaftlerin auch die russische Militärparade in Moskau und Putins Rede zum 9. Mai, an dem Russland traditionell an den Sieg der „Roten Armee“ im Zweiten Weltkrieg (auf Russisch: Großer Vaterländischer Krieg) erinnert. Bei dieser Parade waren auch „Jars“- „Iskander“-Raketen zu sehen, die jeweils in der Lage wären, Atomsprengköpfe zu tragen. „Die Botschaft nach innen ist: ‚Wir können das, wir sind stark‘. Die Botschaft ist nach außen, das heißt den westlichen Gesellschaften und Regierungen zu zeigen: ‚Wir sind ein Atomstaat, wir können auch atomar eskalieren‘“ meinte Major und sprach von einem „nuklearen Säbelrasseln“ in Moskau.

Russland startet im Ukraine-Krieg eine Iskander-Rakete (Symbolfoto).
Russland startet im Ukraine-Krieg eine Iskander-Rakete (Symbolfoto). © IMAGO / SNA

„Hart aber fair“ (ARD): Militärexpertin erklärt Atomwaffen-Säbelrasseln von Russlands Wladimir Putin

Aber: Major ordnete die Drohungen aus Russland ein und beschwichtigte bei „Hart aber fair“ gleich mehrmals. „Das ist mir wichtig, zu sagen: Russland hat vor Kurzem die Sarmat-Rakete getestet. Sie haben großen Wert darauf gelegt, die USA vor diesem Test zu informieren. Um sicherzugehen, dass es da keine Missverständnisse gibt und keine Eskalation. Das ist für mich ein wichtiges Element, wenn wir über dieses nukleare Säbelrasseln reden. Dass Russland zwar rhetorisch sehr viel eskaliert, aber diese Drohungen immer wieder einfängt“, sagte sie in der ARD: „Beispielweise der Präsident droht, aber der Außenminister fängt das dann wieder ein. Das heißt, wir haben zwar eine Bedrohung, aber die ist nicht sehr explizit.“

Major referierte, dass es weltweit etwa 13.000 Sprengköpfe gebe. Davon hätten die USA ungefähr 5500, und Russland mehr als 6000. „Wir haben eine gegenseitige Abschreckungsfähigkeit. Die Interkontinental-Raketen sind dazu da, um den Gegner abzuschrecken“, erklärte die SWP-Militärexpertin: „Sie gelten als ‚Kriegsverhinderungswaffen‘, weil sie eine gegenseitige Zerstörung gewährleisten, und deshalb das Gegenüber davon abschrecken sollen.“ Major ging auch auf das allgegenwärtige Gerücht ein, Russland-Machthaber Putin müsse angeblich als Letzter eine Art „Roten Knopf“ drücken, um die Atomwaffen zu aktivieren.

Im Video: Kompakt - Die News zum Russland-Ukraine-Krieg

„Es gibt keinen roten Knopf, auf den man einfach draufdrücken könnte. Und es gibt auch keine einzelne Person, die das entscheidet. In Russland spricht man vom Drei-Koffer-System. Das sind der Präsident, der Verteidigungsminister und der Generalstabschef, die das entscheiden“, erklärte die wissenschaftliche Expertin für Sicherheitspolitik: „Warum macht Russland das? Warum drohen die mit ihren Atomwaffen? Da gibt es zwei wichtige Nachrichten. Die eine ist an den Westen, an die USA. Sie lautet: ‚Haltet euch raus!‘“ Russland sende ihrer Ansicht nach „die Botschaft, mischt euch nicht ein, interveniert nicht in diesen Krieg. Das hat die Nato bislang auch nicht gemacht“, sagte sie: „Die zweite Botschaft geht an die westlichen Öffentlichkeiten und soll Angst säen, dass wir Angst vor einem möglichen nuklearen Szenario haben und Druck auf unsere Regierungen aufbauen.“

Wenn wir in Panik verfallen, machen wir genau das, worauf Russland hinaus will.

Claudia Major, Militärexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)

Ukraine-Krieg: Atomschlag durch Russland? Expertin gibt in Einschätzung eine Entwarnung

Drei Punkte würden indes zeigen, dass das Risiko eines Atomschlages sehr gering sei. So gebe es keine klare Eskalation, erklärte Major im Gespräch mit ARD-Moderator Plasberg: „Die USA wurden vor dem Test der Rakete ‚Sarmat‘ informiert, dass sie nicht reagieren müssen.“ Der zweite Punkt laut Major: „Es wurden keine Waffen verlegt. Es wurde nicht scharf gestellt.“

Der dritte Punkt: „Welchen Gewinn hätte Russland von einem Einsatz?“, fragte sie in die Runde und antwortete selbst: „Die Kosten wären enorm hoch. Die USA würden ihre Rolle überdenken, wahrscheinlich in den Krieg eintreten.“ Auch China müsse sich dann bekennen. Major schloss ihre Ausführungen mit der These: „Wenn wir in Panik verfallen, machen wir genau das, worauf Russland hinaus will.“ (pm)

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