1. Startseite
  2. Ratgeber
  3. Gesundheit

Unwohlsein im Fahrstuhl: Warum Menschen im Aufzug Blickkontakt meiden

Erstellt:

Von: Judith Braun

Mit Fremden im Fahrstuhl fahren, ist für viele Menschen eine Horrorvorstellung. Enge und unangenehmes Schweigen können zur Tortur werden. Wie man die Situation entspannt und die Stimmung auflockert.

Corona hat das Zusammenleben von Menschen auf drastische Art verändert und teilweise auch seelische Spuren hinterlassen. So erinnern sich viele sicherlich noch an die Zeiten von Lockdown & Co., in denen vor allem eines angesagt war: größtmöglicher Abstand, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Eine Aufzugfahrt mit mehreren Fremden? Völlig undenkbar. Doch diese Situation ist für manche Menschen nicht nur in Zeiten, in denen ein Virus grassiert, eine Horrorvorstellung. Dabei muss man nicht einmal Sozialphobiker sein, um eine einsame Fahrt nach oben einer Kabinenfahrt, die man beispielsweise mit Kollegen bestreiten muss, vorzuziehen. Warum wir uns im Aufzug mit anderen unwohl fühlen und wie wir uns mit Smalltalk aus einer häufig aufkommenden unangenehmen Stille retten können.

Psyche: Unwohlsein im Aufzug – mit unverfänglichen Fragen Situation auflockern

Menschen stehen im Aufzug
„Hält der Aufzug auch im fünften Stock?“: Mit unverfänglichen Fragen lässt sich unangenehme Stille im Aufzug vermeiden. © Monkey Business 2/IMAGO

„Die meisten Menschen fühlen sich im Lift unsicher“, weiß Silke Schneider-Flaig, Verfasserin des Buches „Der neue große Knigge“, gegenüber Focus Online. Man ist hier mit seinen unangenehmen Gefühlen also nicht allein. Das wiederum könnte für jeden Einzelnen eine Ermutigung sein, die Atmosphäre in Aufzügen zu lockern, indem man die Initiative ergreift und ein Gespräch beginnt. Dabei müssen es nicht gleich große Worte sein. „Oft reicht ein Nicken oder Lächeln aus, um die unangenehme Atmosphäre zu verändern“, meint die Expertin.

Aus ihrer Sicht sollte man dies im Arbeitsumfeld unabhängig davon tun, ob man die anderen Mitarbeiter oder Personen im Aufzug kennt. Anstatt anschließend schweigend auf den Boden oder an die Decke zu schauen, können Fragen wie „Hält der Fahrstuhl auch im fünften Stock?“ ein unverfänglicher Gesprächseinstieg sein. Ob sich daraus ein längerer Smalltalk entwickelt, hängt natürlich immer von der Situation und dem Gegenüber ab. Allerdings würden die anderen Gäste fast immer auf derartige Fragen reagieren. Die Gefahr einer Blamage besteht also kaum. Neben der sozialen Komponente stellt jedoch auch die Enge des Fahrstuhls für viele Menschen eine Herausforderung dar, selbst wenn man nicht unter Klaustrophobie leidet.

Nichts verpassen: Alles rund ums Thema Gesundheit finden Sie im regelmäßigen Newsletter unseres Partners 24vita.de.

Unwohlsein im Fahrstuhl: Trotz Enge Wohlfühlabstand einhalten

Klaustrophobiker bekommen in engen oder geschlossenen Räumen Angst, woraus sich schließlich sogar Panikattacken entwickeln können. Viele Menschen, die nicht unter dieser Angst leiden, fühlen sich dennoch auch in einem Fahrstuhl aufgrund der Enge schnell unwohl. Trotz des engen Raumes sollte man stets darauf achten, dass man den anderen Mitfahrern nicht zu nahe kommt. Denn nach Angaben von Prof. Erich H. Witte, Sozialpsychologe von der Universität Hamburg, ist der Kontakt zwischen Menschen abhängig vom Grad der Intimität.

„Je besser zwei Personen einander kennen und je sympathischer sie sich sind, desto kürzer ist meist der Abstand, den sie zueinander halten“, so der Experte. Die meisten Menschen halten deshalb gegenüber fremden Menschen einen größeren Abstand. Laut Schneider-Flaig liegt unser Wohlfühlabstand durchschnittlich bei etwa einer Armlänge. Dieser wird allerdings im Aufzug zwangsweise unterschritten. Mit Sätzen wie „Oh, jetzt wird es eng“ oder „Ich muss Ihnen leider auf die Pelle rücken“ kann die Stimmung jedoch wieder entspannt werden, sollte der Abstand einmal nicht eingehalten werden können oder es zu unabsichtlichen Berührungen kommen.

Fahrstuhl-Soziologie: Warum Menschen in Aufzügen in die gleiche Richtung schauen

Das Verhalten von Menschen in Aufzügen ist auch immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. So erkannte der Sozialpsychologe Solomon Asch 1962 in seinem berühmten Aufzug-Experiment den Grund dafür, warum Menschen in Fahrstühlen automatisch in dieselbe Richtung – meistens mit Blick auf die Tür – schauen: Der Gruppendruck in der Enge ist demnach so groß, dass wir uns dazu gezwungen fühlen, in dieselbe Richtung zu blicken, da wir uns partout konform verhalten möchten.

Auch der Mainzer Soziologe Stefan Hirschauer beobachtete, dass Blickkontakte bei der Fahrt mit dem Aufzug häufig vermieden werden. Laut der Analyse der Kognitionswissenschaftlerin Rebekah Rousi aus dem Jahr 2013 stehen übrigens ältere und oft ranghohe Männer grundsätzlich hinten an der Wand. Jüngere Männer stehen hingegen eher mittig und Frauen vorne an der Tür. Während diese oft konsequent auf den Boden starren, studieren Männer die Stockwerkanzeige oder schauen sich selbst oder andere über den Spiegel an.

Wer laut Hirschauer den Blickkontakt lieber meidet und sich nicht auf einen Smalltalk einlassen möchte, muss demnach Desinteresse an seinen Mitfahrern signalisieren. Gleichzeitig muss jedoch der Spagat geschafft werden, dass dieses nicht als Missachtung verstanden wird. Kein Wunder, dass eine Fahrstuhlfahrt für manche zu einem „sozialen Horrortrip“ werden kann. Manchmal hilft dann eben doch nur noch das Treppensteigen.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren RedakteurInnen leider nicht beantwortet werden.

Auch interessant