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15 Punkte vom Lieblingslehrer

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In Wurf-Aktion: Hendrik Wagner. Foto: Röczey © Röczey

Wetzlar . Hendrik Wagner ist ein flexibler Mensch. Das schätzt Trainer Ben Matschke vor allem handballerisch an dem gebürtigen Heidelberger. Das weiß aber auch der Interviewer am späten Freitagvormittag zu schätzen. Eigentlich wollten wir uns in der Wetzlarer Altstadt treffen, eigentlich durch die Gassen rund um den Dom schlendern und dabei plaudern.

So aber regnet es Bindfäden, und wir treffen uns besser dort, wo Hendrik Wagner am liebsten seiner Arbeit nachgeht. In der Buderus Arena.

Doch auch dort werden die Pläne für das Gespräch mit dem 25-Jährigen erstmal durchkreuzt. Auf dem Parkett verlegen fleißige Arbeiter den Boden für das Rollstuhlbasketball-Spiel des RSV Lahn-Dill gegen Köln. »Dann stellen wir uns nicht wie gedacht aufs Feld, sondern machen das Ganze hier oben auf der Tribüne«, lenkt der Reporter ein. Der, wenn er es recht bedenkt, sowieso nicht gewusst hätte, auf welche Position er den Zwei-Meter-Mann, der im Sommer von den Eulen Ludwigshafen zur HSG wechselte, platziert hätte.

»Ich schätze Hendrik, vor allem, weil er so variabel einsetzbar ist. Wobei das Segen und Fluch sein kann. Einerseits schön für den Trainer, dass er vorne wie hinten auf vielen Positionen spielen kann. Aber wir versuchen jetzt schon, eine klarere Rolle für ihn zu finden«, sagt Ben Matschke, der natürlich auch die geringe Trefferquote seines alten und neuen Schützlings in den ersten Saisonpartien bemerkt hat. »Aber er wird treffen«, ist sich der Wetzlarer Trainer der Qualitäten des dreifachen deutschen Nationalspielers bewusst.

Wir trafen am Freitagvormittag nun wie erwähnt Hendrik Wagner und sprachen mit ihm über ...

... seine ersten knapp 20 Jahre als Handballer: Ich habe als Kind viele Sportarten probiert. Basketball, beim Fußball war ich Torhüter, übrigens genauso wie ganz am Anfang mit sechs Jahren auch im Handball. Irgendwann hat es mir zwischendurch mal keinen Spaß mehr gemacht und ich wollte aufhören. Aber mein Vater war auch Handballer und meine Mutter hat damals zu mir gesagt: Jetzt bleib‹ mal bei einer Sportart. Ich spielte dann für Wiesloch und habe vorrangig mein Logistik-Studium vorangetrieben. Dann wurde die SG Leutershausen auf mich aufmerksam, habe aber mein Studium schon länger abgeschlossen. So habe ich für die Zeit nach meiner Handball-Karriere eine gewisse Sicherheit, mache mich nach dem Bachelor jetzt aber auch noch an den Master.

... seine neue Wahlheimat Wetzlar: Ich mag die Altstadt, war im Sommer mit meiner Freundin Vivi, die als Kindergärtnerin in Linden arbeitet, öfter dort mal Eis essen. Jetzt mal in Restaurants, zum Beispiel mit Lukas Becher und dessen Freundin in der Pizza ,Fabrik 485°‘. Wir wohnen schön ruhig in Nauborn am Rand zum Kirschenwäldchen und fühlen uns dort superwohl. Wobei das mit Heidelberg, meiner Heimat und einer der schönsten Städte Deutschlands, natürlich nicht zu vergleichen ist.

... seinen lange angekündigten Wechsel zur HSG Wetzlar: Es war vom Kopf her schon ein bissl schwierig. Ich habe natürlich, sofern ich konnte, jedes Spiel der HSG im Fernsehen geschaut, war auch einmal hier in der Halle. Da hatte ich schon das Gefühl: Ich will da endlich hin. Aber trotzdem hatte ich eine unfassbar schöne Zeit in Ludwigshafen.

... seinen alten und neuen Trainer Ben Matschke: Mein erstes Treffen mit ihm war bei meiner Handball-Abiprüfung. Ben hat mich in seinem Job als Sportlehrer in Schwetzingen benotet - und mir 15 Punkte gegeben. Sonst wäre ich im Nachhinein richtig sauer gewesen (lacht). Das habe ich ihm erst vor Kurzem gesteckt. Dann kam das Doppelspielrecht mit Leutershausen und den Eulen zustande, ich durfte in Ludwigshafen dann bei ihm auch mein erstes Bundesligaspiel machen. Als die Anfrage aus Wetzlar kam, wollte ich das unbedingt machen. Weil mir bewusst war und ist, dass ich unter ihm noch nicht ausgelernt habe. Ich habe so einen guten Draht zu ihm, er versteht mich als Mensch. Das tut mir unfassbar gut.

... seine bisherigen Leistungen im Trikot der Grün-Weißen: Ben sagt mir seit Beginn der Vorbereitung, dass ich der Mannschaft speziell in der Abwehr sehr gut weiterhelfen kann. Mit hartem Spiel, mit Emotionen, mit cleveren Aktionen. Wenn ich in einer gestandenen Bundesliga-Mannschaft, die vergangene Saison Siebter war, auf Anhieb so helfen kann, dann ist das für mich der perfekte Start. Der Rest kommt von alleine, dann bin ich ganz entspannt.«

. .. seine Allrounder-Fähigkeiten: Ich habe eigentlich immer halblinks gespielt, bei den Eulen war dann mal der Halbrechte verletzt, also habe ich das ein komplettes halbes Jahr in der Bundesliga gespielt. Ich finde es cool, verschiedene Rollen auszufüllen. Natürlich sehe ich mich primär auf der linken Rückraumposition.

... seine ersten Länderspiele und die EM im Januar: Ich war im November vergangenen Jahres gerade einkaufen, als mich die Geschäftsführerin der Eulen angerufen und gesagt hat: ,Herzlichen Glückwunsch!‹ Wieso?, habe ich gefragt. Na, dass ich für die Nationalmannschaft nominiert sei. Ich hatte meine Mails, wo die Einladung eingegangen war, nicht gecheckt, und habe es dann erst auf Instagram gelesen. Ich habe mich tierisch gefreut, auch über die nur vier Minuten und das eine Tor gegen Schweden bei der EM. Länger ging wegen meiner Corona-Erkrankung leider nicht. Es macht unfassbar Spaß, für Deutschland zu spielen.

... seine Erfahrung mit Derbys: Melsungen hat mehr Druck als wir. Solche Spiele sind immer heiß, da ist noch mehr Emotion drin. Ich kenne übrigens ein viel größeres Derby: Leutershausen gegen Großsachsen, das Hirschberg-Duell. Die Orte liegen nur zwei Kilometer auseinander, die Fans der einen Seite laufen zu Fuß zur anderen Halle. Da geht’s richtig ab.

Wetzlar (red). Die HSG Wetzlar trifft im Achtelfinale des DHB-Pokals kurz vor Weihnachten auf den TV Großwallstadt. Die genaue Terminierung der Partie ist noch offen. Die Achtelfinals werden am 21./22. Dezember ausgespielt.

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