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Alle predigen Demut

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Die Mannschaft des TV Hüttenberg mit hintere Reihe v.l.: Moritz Zörb, Hendrik Schreiber, Patrick Jockel, Phillip Opitz, Joel Ribeiro, Johannes Klein. Mittlere Reihe v.l.: Anna-Louisa Klein (Physio), Dominik Conrad (Physio), Peter Nagel (Rehatrainer), Jonas Meissner (Athletiktrainer), Jannik Hofmann, Ian Weber, Vit Reichl, Timm Schneider, Niklas Theiß, David Kuntscher, Stefan Kneer (Co-Trainer), Johannes Wohlrab (Trainer), Michael Gally (Betreuer), Thomas Rudolph (Betreuer). Vordere Reihe v.l.: Paul Kompenhans, Ryuga Fujita, Finn Rüspeler, Dominik Plaue, Leonard Grazioli, Simon Böhne, Tristan Kirschner, Philipp Schwarz. Foto: TVH © TVH

Hüttenberg. Wer mit Johannes Wohlrab über die Perspektiven für die kommende Zweitliga-Spielzeit seines TV Hüttenberg spricht, der bekommt ein Wort immer wieder zu hören: Demut. Was der Duden umständlich mit »in der Einsicht in die Notwendigkeit und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten begründete Ergebenheit« ziemlich umständlich und geschwollen umschreibt, wird umso deutlicher, wenn man den Blick auf die Endabrechnung der vergangenen Spielzeit wirft.

So musste beispielsweise der EHV Aue, der sich noch im Juli 2021 mit einem starken fünften Platz in die Sommerpause verabschiedet hatte, im Jahr darauf als Vorletzter den Gang in die Drittklassigkeit antreten.

Oder Bayer Dormagen, dass 2021 noch als Siebter eingelaufen war und sich in der abgelaufenen Saison erst auf der Zielgeraden haarscharf vor dem Abstieg retten konnte. »Das sind die mahnenden Beispiele. Wir tun einfach gut daran, demütig zu sein«, so Wohlrab.

Was er meint: Niemand im engeren und weiteren Umfeld der Blau-Weiß-Roten soll auch nur entfernt die Erwartungshaltung aufbauen, dass die letztjährige Spielzeit wiederholt werden könnte. Zur Erinnerung: Als Beinahe-Absteiger der Vorsaison in die Runde 2021/22 gestartet, hielt sich der TVH in den vergangenen Monaten permanent in der Spitzengruppe der Tabelle auf und durfte sogar bis zum drittletzten Spieltag noch leise Hoffnungen auf den Bundesligaaufstieg hegen.

Einen Titel gab es am Ende der Saison für das »Original aus Mittelhessen« dann aber doch noch. Dominik Mappes wurde direkt nach seiner Rückkehr ins Handkäsedorf zum MVP (Most Valuable Player/Wertvollster Spieler) der 2. Liga gewählt. Und genau darin liegt in diesem Sommer die signifikante Differenz zur Vorsaison: Mappes ist zum VfL Gummersbach abgewandert, der TVH hat seinen Unterschiedsspieler nach nur einer Saison wieder abgeben müssen.

»Dominik ist in meinen Augen einer der besten, wenn nicht der beste deutsche Mittelmann. Wir werden ihn nur schwer eins zu eins ersetzen können. Wir werden das auf mehrere Schultern verteilen, so wie schon in der letzten Saison, wenn Do verletzt gefehlt hat«, so Wohlrab.

Mit der Rückkehr von Timm Schneider (kommt aus Gummersbach) und der Verpflichtung des 19-jährigen Talents Paul Kampenhans (vorher MT Melsungen) haben die Hüttenberger Verantwortlichen um den scheidenden Geschäftsführer Fabian Friedrich und um den Sportlichen Leiter Florian Laudt zwei neue Mittelmänner verpflichtet und direkt auf den Mappes-Abgang reagiert.

Hinzu kommen die Rückkehr von Jannik Hofmann (zuvor Eulen Ludwigshafen), der auf Linksaußen die Nachfolge von Christian Rompf antritt, der 20-jährige David Kuntscher, der im rechten Rückraum gemeinsam mit Niklas Theiß (19 Jahre) ein ebenso blutjunges wie talentiertes Duo bilden wird, und Torhüter Leonard Grazioli, der mit einem Zweitspielrecht von der HSG Wetzlar ausgestattet ist.

Während Kuntscher und Kompenhans und allen voran Grazioli bereits beim spektakulären Einzug in die zweite Runde des DHB-Pokals gegen den ThSV Eisenach (40:39) zeigen konnten, dass sie die Hüttenberger verstärken können, saßen Hofmann und Schneider in Zivil neben der Bank. Bei Ersterem handelte es sich nach leichten Knieproblemen um eine reine Vorsichtsmaßnahme, beim gebürtigen Holzhausener Schneider indes müssen sich die TVH-Fans in Geduld üben. Nach einer Operation am Meniskus fällt der Rückraum-Hüne vermutlich für die nächsten drei bis vier Monate aus.

Somit wird Schneider, der im Laufe der Vorbereitung zum Kapitän ernannt worden ist, auch beim kniffligen Auftaktprogramm in den Heimspielen gegen die HSG Nordhorn-Lingen (3. September) und den HBW Balingen-Weilstetten (17. September) sowie auswärts beim HC Empor Rostock (11. September) fehlen. Der Ex-Melsunger ist mit seinen 34 Lenzen der einzige Spieler im TVH-Aufgebot, der beim Lebensalter eine Drei vorne stehen hat. Ansonsten hat sich der Kader im Vergleich zur Vorsaison und nach den Abgängen von Christian Rompf, Tobias Hahn und Stefan Kneer noch einmal verjüngt: Mit knapp über 23 Jahren bilden die Blau-Weiß-Roten nun das jüngste Aufgebot der Liga.

»Genau das ist der Hüttenberger Weg. Wir bilden junge Spieler aus, die hungrig und talentiert sind. Und dann schauen wir, wohin die Reise geht«, so Wohlrab, der jedoch nicht müde wird zu betonen, dass es vor allem darauf ankommen wird, die altbekannten Hüttenberger Tugenden an den Tag zu legen: »Vom Etat her sind wir ein Absteiger, das ist einfach Fakt. Deshalb müssen wir über andere Werte kommen. Einstellung, Kampfbereitschaft und Mentalität sind unsere Grundvoraussetzungen, die müssen immer da sein. Wenn wir dann noch schnellen und temporeichen Handball spielen, können wir mit den Gegnern mithalten. Ganz wichtig ist aber, dass wir Geduld haben. Das sind alles talentierte Jungs, aber die brauchen vor allem Zeit.« Und natürlich eine gewisse Portion Demut.

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