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Als das Handball-Fieber ausbrach

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Der Mann, der einst durch die Dutenhofener Halle flog. Rückraum-Ass Ralf Kraft in Aktion. Archivfoto: Uhl © Red

Wetzlar. »Fast jedes Spiel war ein Highlight«, kann sich Ralf Kraft nur noch allzu gut an die erste Saison der Mannschaft aus Dutenhofen und Münchholzhausen im deutschen Handball-Oberhaus erinnern. Nachdem die Mittelhessen zwölf Jahre in der zweiten Liga auf Torejagd gegangen waren, bedeutete die Spielzeit 1998/99 die Erfüllung eines langgehegten Traums im Wetzlarer Osten.

Doch diese Erinnerungen will das aus Dutenhofen stammende Eigengewächs nicht auf das Premierenjahr beschränkt wissen. »Die zwei Jahre davor gehören auch noch dazu. Als wir 1997 in das Final-Four des DHB-Pokals eingezogen sind, da hat diese Euphorie begonnen«, sagt der blonde Spielmacher, den seinerzeit viele »Safti« nannten.

Der mittlerweile 54 Jahre alte Geschäftsführer einer aus Wetzlar stammenden und mit 180 Mitarbeitern weltweit operierenden Firma für Umweltschutztechnologie erinnert sich gut daran, dass diese Euphorie nicht nur auf die beiden Stadtteile an der Lahn beschränkt war.

Das »Handball-Fieber« sei in ganz Mittelhessen ausgebrochen und habe für eine immer wieder volle Sporthalle in Dutenhofen mit ihren maximal 1750 Plätzen gesorgt. In die Karten spielte den Grün-Weißen dabei, dass sich Lokalrivale TV Hüttenberg schon Jahre zuvor aus der Erstklassigkeit verabschiedet hatte. In diese Lücke sei man gestoßen. »Das war schon toll am Ende des Tages. Wir hatten ja lange am Aufstieg gearbeitet. Dann hat es sich aber fünf, sechs Jahre hingezogen.«

Dazu konnte der inzwischen seit neun Jahren in Singapur lebende Ralf Kraft besondere Erfahrungen beisteuern. Denn in den Jahren 1990 bis 1992 trug der Spielmacher und Abwehrstratege das Trikot des VfL Gummersbach und feierte mit den Oberbergischen 1991 die erste gesamtdeutsche Meisterschaft. Deutscher Titelträger war er aber zuvor schon gewesen, mit der C- und B-Jugend des TSV Dutenhofen.

Diese erwähnte Euphorie habe die nur wenig veränderte Aufstiegs-Mannschaft auch mitgenommen in die erste Liga. »Die hat auch sicherlich ihren Teil dazu beigetragen, dass wir den Klassenerhalt geschafft haben«, weiß Kraft um die Umstände des bis zum Schluss umkämpften Ligaverbleibs in der Premierensaison. Was in dem Aufsteiger steckte, das demonstrierten die Schützlinge des neuen Trainers Velimir Petkovic auch erst im dritten Pflichtspiel. Nach Auftakt-Niederlagen gegen den TuS Nettelstedt und in Wuppertal fertigten die Kraft, Klimpke, Radoncic und Co. am 30. September 1998 mit dem SC Magedeburg eines der Top-Teams der Liga in Dutenhofen mit 22:19 ab.

»Unsere Stärke waren die Heimspiele«, ist die wenig verwunderliche Bilanz des vierfachen Familienvaters mit Kindern zwischen 20 und acht Jahren. Das zeigte sich auch am letzten Spieltag, als es gegen den Tabellenzweiten SG Flensburg-Handewitt ging, der noch minimale Chancen besaß, Spitzenreiter THW Kiel einzuholen. Doch die Grün-Weißen ertrotzten sich in Dutenhofen ein 26:26-Remis und vermieden dadurch die bei einer Niederlage folgenden Relegationsspiele. Platz 14 mit 18:42 Punkten im 16er-Feld bedeuteten den direkten Klassenerhalt.

»Wir hatten eine starke Mannschaft«, will der damalige Führungsspieler die Teamstärke als weiteren Grund für den Beginn der 25-jährigen Oberhaus-Geschichte gewertet wissen. »Wir hatten keine Stars.« Selbst ein Markus Baur, der immerhin als 42-facher Nationalspieler zur HSG kam, habe erst in Wetzlar so richtig aufgedreht. Als Mannschaft habe man sich durchweg schon länger gekannt und sei entsprechend eingespielt gewesen. Der große Zusammenhalt habe sich auch bei Niederlagen gezeigt. Die ja jetzt öfters auf der Tagesordnung standen als noch zu Zweitliga-Zeiten.

Die guten Kontakte aus der damaligen Zeit pflegt Ralf Kraft auch heute noch gerne. Während sich beim VfL Gummersbach die 91er-Meistermannschaft alle fünf Jahre trifft, sind die Wiedersehensfeiern in Dutenhofen weniger fest organisiert, und es kommen dann auch etliche Akteure aus den gemeinsamen Zweitliga-Jahren mit dazu, etwa Enyi Okpara, Bernd Schmidt oder Oliver Kraft. Das lässt sich leicht erklären. Denn das erste Bundesliga-Jahr der HSG war auch das letzte von Ralf Kraft. »Nach der Saison habe ich aufgehört.« Vier Spiele habe er noch zum Ende der darauffolgenden Runde in der zweiten Mannschaft bestritten. Danach war Schluss mit Handball.

Ab dann stand der Beruf im Vordergrund. Wobei das Geschäftsführende Vorstandsmitglied (CEO) des Unternehmens mit heimischem Ursprung weltweit viel unterwegs war, bis die Corona-Pandemie ihn notgedrungen an die Wahlheimat Singapur band. Dadurch dauerte es zwei Jahre, bis Ralf Kraft nach langer Abstinenz wieder Station in Dutenhofen bei seiner Mutter und der Familie seiner Schwester machte.

Und dabei natürlich auch wieder etliche Handball-Kollegen traf, mit denen die Bundesliga-Saison 1998/99 Revue passieren ließ. Mit ihren vielen Highlights.

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gispor_0909_hsg_ov_090922 © Red

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