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Als Niklas Landin kommt ...

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Wetzlar. Manchmal ist Handball so einfach zu erklären. Da führt ein von den eigenen Zuschauern nach vorne gepeitschter Außenseiter über weite Strecken der ersten Halbzeit und scheint auf dem besten Weg, den Favoriten zum dritten Mal in Folge ein oder sogar beide Beine zu stellen. Dann kommt ein neuer Torhüter beim »Goliath« - und plötzlich wird der aufmüpfige »David« klein mit Hut.

So geschehen am Sonntagnachmittag in der mit 4246 Zuschauern prächtig besetzten Buderus-Arena.

HSG Wetzlar - THW Kiel 25:31

Denn als Niklas Landin für den bis dahin glücklosen Tomas Mrkva ins Tor des THW Kiel rückt, seine unglaubliche Beweglichkeit und unfassbaren Reflexe zeigt, ist es um die HSG Wetzlar geschehen. Keine Wiederholung eines Coups gegen die Bundesliga-Stars von der Ostsee, sondern nach 60 Minuten eine verdiente 25:31 (13:15)-Niederlage für das Team des Interims-Trainergespanns Jasmin Camdzic/Filip Mirkulovski.

»Wir spielen eine klasse erste Hälfte, laufen eine überragende zweite Welle mit der nötigen Ruhe und Disziplin«, sagt Camdzic nach der Partie, um im nächsten Atemton den entscheidenden Faktor zu erwähnen. »Und dann stoßen wir an unsere individuellen Grenzen.«

Genau so ist es, und so atmet Gästetrainer Filip Jicha nach dem ersten Kieler Erfolg seit drei Jahren an der Lahn deutlich vernehmbar auf. »Schön, dass wir hier endlich mal wieder zwei Punkte mitnehmen. Wir haben viele personelle Sorgen, deshalb ging mein besonderer Glückwunsch sofort nach dem Schlusspfiff an meine Spieler. Wetzlar hatte in der ersten Halbzeit das Momentum auf seiner Seite. Aber wir haben, angeführt von Sandor Sagosen, immer an uns geglaubt«, so Jicha.

So richtig greifbar ist vor allem die Halbzeitführung der »Zebras« nicht. Denn die HSG legt erste 30 Minuten hin, die sich absolut sehen lassen können und wahrscheinlich das Beste sind, was sie bislang in dieser doch so holprigen Saison auf die Platte bringt.

Im Angriff gelingt seit langer Zeit mal wieder das »Abräumen« über die Flügel, wo sich besonders Domen Novak als Vollstrecker hervortut. Und auch der Rückraum mit dem ständigen Antreiber Jonas Schelker und Lenny Rubin an der Spitze wirbelt die vom Champions-League-Trip nach Barcelona noch müde wirkende THW-Verteidigung mit viel Tempo ordentlich durcheinander. Das Resultat ist ein Vorsprung des eigentlichen Außenseiters, der sich zwischen plus drei (5:2, 8:5, 11:8) und plus eins (8:7) einpendelt.

Wenn sich die Grün-Weißen jedoch nur den kleinsten Patzer im Abschluss oder in der im Normalfall gut verschiebenden Deckung leisten, ist der deutsche Rekordmeister im Stile einer europäischen Spitzenmannschaft zur Stelle. Und so dreht sich das Blatt trotz zwei vergebener Siebenmeter von Niclas Ekberg doch zugunsten der Gäste. Zumal bereits erwähnter Niklas Landin kommt, sieht und pariert.

Der Däne, der den THW nach der laufenden Saison verlässt und nach dann sieben tollen Jahren zurück in seine Heimat wechselt, zieht den weiter gut freigespielten Wetzlarern mehr und mehr den Zahn. Oben, unten, in der Mitte, überall scheint der Torwart-Tausendsassa der Gäste seine Hände und Füße am Ball zu haben. So ist der schöne Vorsprung der HSG schon beim 12:12 durch Sagosen (25.) futsch, zur Pause leuchtet bereits ein knapper Rückstand für den Underdog von den Anzeigetafeln.

Schweres Spiel in Lemgo

»Später haben wir alles probiert, um die Kieler nochmal zu ärgern«, sagt Camdzic mit Blick auf die wechselnden Deckungsvarianten im eigenen Team. Die allerdings für die überragenden Einzelkönner der Fördestädter kein unüberwindbares Hindernis darstellen. »Wir hingegen sind phasenweise gegen eine Wand angelaufen«, erzählt Till Klimpke seine Variante der Geschichte einer zweiten Halbzeit, in dessen Verlauf auch das weiter top anfeuernde Heimpublikum spürt, dass an diesem zweiten Advent 2023 tutti kompletti kein Kraut gegen Kiel gewachsen ist.

Der Rückstand pendelt sich bei fünf, sechs Treffern Differenz ein, der Gedanke an das nächste Spiel kommt allerdings erst nach der Begegnung auf. Am Donnerstag schon geht es nach Lemgo. »Vielleicht schaffen wir ja dort endlich mal den ersten Sieg der Wetzlarer Bundesliga-Geschichte«, schöpft Kapitn Adam Nyfjäll nach der Niederlage gegen den THW trotzdem Selbstvertrauen.

»Um dort zu gewinnen, brauchen wir aber noch ein, zwei Spieler mehr in guter Form«, blickt Jasmin Camdzic zwiespältiger voraus auf die Partie im Lipperland, wo die HSG noch nie zwei Punkte holte. Handball kann manchmal auch ein wenig komplizierter sein.

Wetzlar: Klimpke, Suljakovic (bei einem Siebenmeter) - Nyfjäll (2), Lipovina, Schmidt (1), Nikolic (5), Becher (1), Weissgerber (2/1), Schelker (2), Wagner, Mellegard (2), Cepic, Rubin (5), Novak (5/1).

Kiel: Niklas Landin, Mrkva (bis 16.) - Duvnjak, Sagosen (6/2), Reinkind (4), Magnus Landin (5/1), Overby, Wiencek (4), Ekberg (5/1), Pabst, Fraatz, Dahmke (2), Zarabec, Wallinius, Bilyk (4), Pekeler (1).

Schiedsrichter: Brodbeck/ Reich (Metzingen) - Zuschauer: 4246 - Zeitstrafen: Wetzlar vier (Nikolic, Schmidt, Rubin, Weissgerber), Kiel fünf (Magnus Landin, Wiencek, Bilyk, Overby, Wallinius) - verworfene Siebenmeter: Ekberg (Kiel) trifft den Pfosten (18.) und scheitert an Klimpke (22.), Novak (Wetzlar) wirft übers Tor (30.), Duvnjak (Kiel) scheitert an Klimpke (37.).

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