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Am besten im positiven Sinne negativ

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Der Ball ist noch (des-)infiziert. Auch wenn dieses Foto aus der Corona-Anfangszeit nur noch symbolischen Charakter besitzt, die Pandemie beeinflusst den Sport nach wie vor. © dpa

Wer gehofft hat, dass das Corona-Virus im Frühjahr 2022 den Sport verschonen würde, sieht sich getäuscht. In vielen heimischen Ligen hagelt es stattdessen Absage auf Absage. Eine Einordnung.

Gießen . Sportplatz an der Pfingstweide. Vergangenen Sonntag. Zufällig Patrick Frank, Ex-VfBer, der seinen Pass längst in Kleinlinden hat, beim Warmmachen entdeckt. Das Spiel TSV Klein-Linden gegen Kurdischer FC Gießen in der Kreisoberliga-Abstiegsrunde steht an. Dass »Paddy«, der eigentlich nur noch als Standby-Spieler fungiert, sich da dehnt und locker macht, ist der Coronalage geschuldet. Sagt er über den Zaun hinweg.

Der TSV Klein-Linden hatte zahlreiche Ausfälle zu verkraften. Zu wenig, um ganz abzusagen, zu viele, um es unter dem Kapitel normale Verletzten- oder Krankenmisere zu verbuchen. Das ist alles andere als ein Einzelfall, wenn man in fußball.de die Partien mit der treffenden Bezeichnung Abse., für Absetzung, durchgeht. Corona ist auch im Frühjahr 2022 immer noch mit am Ball und grätscht manchem Verein von hinten in die Haxen. In manchen Duellen möglicherweise sogar spielentscheidend. Auf jeden Fall aber insofern Einfluss nehmend, dass nicht immer von einem fairen Wettbewerb im Sinne des Fußball-Erfinders ausgegangen werden kann. Kleinlinden ist kein Einzelfall, nur ein Beispiel von vielen, rein zufällig am Wegesrand aufgesammelt. Aber hier fand das Spiel wenigstens statt.

Jörg Wolf, Klassenleiter der Verbandsliga Mitte und Gruppenliga Gießen/Marburg, konnte schon vor zwei Wochen ein Lied davon singen, dass Corona den Spielplan durcheinander wirbelt. Und verschickte am vergangenen Sonntag gleich zwei Mails mit in Versalien gedrucktem Betreff: CORONA. Am Samstag schrieb der Busecker: »Auch an diesem Wochenende führen Corona-Fälle dazu, dass sowohl in der Verbandsliga Mitte als auch der Gruppenliga Gießen/Marburg Partien abgesagt werden mussten bzw. Spiele bereits einvernehmlich verlegt wurden!« Um genau zu sein, betraf dies jeweils drei Begegnungen, am Sonntag folgten zwei weitere Partien in der Verbandsliga. Sämtliche Spiele wurden rasch neu terminiert. Ein Klassenleiter im Dauereinsatz. Auch in der Aufstiegsrunde der Kreisliga A Alsfeld gab es zum Start prompt zwei Absetzungen. Omikron fordert überall seinen Tribut. Das Virus rauscht durch. Und wenn es einen Mannschaftsteil erreicht hat, macht es vor dem nächsten nicht halt.

Corona im Frühjahr 2022 - die Hoffnung war groß, dass der Sport, zumal im Freien, relativ problemlos laufen könnte. Dem ist aber nicht so, auch wenn dank der Impfungen die größten gesundheitlichen Gefahren gebannt scheinen, geht es den Sportveranstaltungen wie dem richtigen Leben: Der Einfluss der Pandemie bleibt stark, Quarantäne und positive Tests in negativen Zeiten limitieren den Spielbetrieb. Auch im Handball ist das so: Landes- und Oberligen sollten längst in einer (übergangsweise vorgesehenen) Pause sein. Aber zahlreiche Corona bedingte Absagen an den regulären Spieltagen sorgen für ein zerstückeltes Zwischendurch-Programm. So können manche Vereine eine Trainingspause einlegen, andere müssen reduziert weiter machen oder trainieren durch, weil noch Spiele anstehen, ehe es Ende April in die Playoffs geht.

Pause einlegen?

Schon hat der ein oder andere Sportplatzbesucher die Idee, man könne ja auch im Fußball angesichts der Inzidenzen bis nach Ostern eine Pause einlegen. Aufgeschnappt im Gießener Waldstadion bei der Partie gegen Großaspach. Auch der FC Gießen selbst hat an diesem Wochenende diesbezüglich seine Erfahrungen zu machen, ist doch der gesamte Trainerstab positiv.

Kreisfußballwart Henry Mohr hätte vor einer Pause keine Angst, hatte bereits zum Start der Playoffs gesagt, dass »von mir aus auch mal ein, zwei Wochenenden ausfallen oder verschoben werden können, die zehn Spieltage bekommen wir durch.« Was auch an der Weitsicht liegt, dass mit Abschluss der Hinrunde die dem Kreis zugeordneten Klassen bereits gewertet werden können. Absteiger und Aufsteiger wären jetzt schon regulär zu bestimmen, sollte es, rein theoretisch, einen längeren Lockdown geben.

Gegenüber den mittlerweile schon zwei zerrissenen und aus den Angeln gehobenen Saisons aus den Jahren 2020 und 2021 zeigt sich der Sport gewappnet, beeinträchtigt wird er gleichwohl. Immer wieder müssen Partien abgesetzt und neu terminiert werden, insbesondere Jörg Wolf hat unter der Flut an Verlegungen zu leiden, der Spielplan, ehedem frei von Wochenspielen, bläht sich auch unter der Woche auf. Wie lange das noch unangenehm ist, oder bereits zur Wettbewerbsverzerrung wird, liegt im Auge des Betrachters und an der Tabellensituation der Mannschaften.

Was auch problematisch sein könnte, aber bis dato wenig diskutiert wird: Dass bei den professioneller agierenden Vereinen wie der FC Gießen nach einer Corono-Erkrankung oder -quarantäne die Spieler einen ausführlichen medizinischen Check erhalten, ist normal. Wie aber macht das der B-Ligist, der fünf Mann in Quarantäne hocken hatte, dann aber nach deren Freitestung prompt ein Nachholspiel hat? Ist da Eigenverantwortung genug als Mittel zum fußballerischen Zweck? Schwierige Frage.

Die rein technische Maßgabe ist klar, so Mohr: »Wenn fünf Spieler, die in der Vorwoche auf dem Spielbericht standen, positiv sind, kann nach Nachweis abgesagt oder verlegt werden.« An diesem Wochenende könnte davon die Kreisoberliga betroffen sein. Möglicherweise auch Klein-Linden. Es ist eine seltsame Saison, mit vielen Test-Spielen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Im positiven Sinne, nicht im negativen. Oder war das in diesen Zeiten nicht umgekehrt?

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