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Auf den Spuren der Spielabbrüche

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Von: Rüdiger Dittrich

DFB-Lagebild verzeichnet signifikanten Anstieg in den Amateurligen

Gießen/Frankfurt . Wir leben in gefährlichen Zeiten. Denn Ende Oktober/Anfang November drohen vermehrt Spielabbrüche. »Der Peak liegt in etwa in dieser Zeit, wir vermuten, dass es einerseits damit zusammenhängt, dass das Wetter schlechter wird und ein Spieler, der nach einem Foul im Matsch landet, frustrierter ist als an einem schönen Sonnentag, andererseits manifestiert sich nun das Tabellenbild nach etwa der Hälfte der Hinrunde und da wird schon mal klar, dass Erwartungen und Ziele, auch tabellarisch ablesbar, sich nicht erfüllt haben.« Die Tübinger Kriminologin Dr. Thaya Vester machte mit dieser Anmerkung anschaulich, was es mit dem nun präsentierten Zahlenwerk des »DFB-Lagebilds« (auch) auf sich hat.

In einer Online-Pressekonferenz des Deutschen Fußball Bundes stellten Ronny Zimmermann (1. DFB-Vize Amateure), der Fan- und Gewaltforscher Prof. Dr. Gunter A. Pilz und die Kriminologin, die im Auftrag des DFB das Projekt wissenschaftlich begleitet, die neuesten Zahlen vor und ordneten sie ein.

Die wenig erfreuliche Erkenntnis: Es gibt einen Anstieg an Spielabbrüchen in den Amateurligen. Waren es in der Saison 2018/2019 noch 685, die sich damit seit Beginn der Auswertungen im Jahr 2014 auf ähnlichem Niveau wie zuvor einpendelten und auch mit 0,05 Prozent der Gesamtspielzahl keine signifikant Erhöhung aufwiesen, so gibt es mit 911 Spielen in der Saison 2021/2022 ein markantes Plus, das sich auch prozentual (0,075) niederschlägt. Angesichts der Bemessungsgrundlage von rund 1,2 Millionen ausgetragenen Partien muss man freilich nicht in Panik verfallen, doch geben weitere Zahlen, wie insgesamt 5582 Vorfälle, davon 3544 Gewalthandlungen und 2389 Diskriminierungen, zumindest Anlass zur Sorge. Mit der daraus folgenden Erkenntnis, in den Bemühungen der Erforschung dieses Feldes und daraus abzuleitender Präventionsmaßnahmen nicht nachzulassen.

Dabei lobt der bekannte Fanforscher Gunter A. Pilz explizit den DFB für seine Herangehensweise, wie der Ausschreibung von Fairnesspreisen, der Sensibilisierung für das Thema, aber auch für das die jährliche Erstellung des Lagebildes, für das seit neun Jahren Schiedsrichter entsprechende Vorfälle und Beobachtungen online eintragen. Nur dadurch ergibt sich ein relativ klares Bild der Problemfelder auf den Sportplätzen. Was aber noch verbesserungswürdig sei, sei die »zielgerichtete Bearbeitung der Vorfälle«, sagte Pilz, der die These, dass das Geschehen auf den Plätzen ein »Spiegelbild der Gesellschaft ist« nicht nur für abgegriffen hält, sondern auch für ungenau. »Für mich ist es eher ein Brennglas auf die Probleme der Gesellschaft.« Und dass diese Probleme in der momentanen Krisenlage sich verschärfen, könnte auch, bei aller Vorsicht, die die Experten in der Online-Konferenz anmahnten, zu dem Anstieg der Abbrüche führen. Wissenschaftlich belegbar wird das erst bei der endgültigen Untersuchung aller Daten sein.

Nicht vergessen werden darf dabei, dass es ein Vor-Corona und Nach-Corona-Vergleichsfeld ist, auf dem sich die Forscher und der DFB bewegen. In den Saisons 2019/2020 und 2020/2021 sind aufgrund des eingeschränkten Spielbetriebs die Zahlen von nur geringer Aussagekraft und seriös nicht zu bewerten. Pilz weist aber auch darauf hin, dass »wir aktuell auch im Bereich des Hooliganismus eine sinkende Frustrationstoleranz registrieren.« Sprich: Die Gewaltausbrüche in Marseille oder Nizza, aber auch jüngst vor dem Zweitliga-Stadtderby zwischen dem FC St. Pauli und dem Hamburger SV sind kein Zufall. Womit wir wieder beim »Brennglas der Probleme der Gesellschaft« wären.

In den Amateurligen liege freilich eine andere Qualität vor, erläuterte Thaya Vester: »Es steht außer Frage, dass ein Spiel sofort abgebrochen werden muss, wenn Unparteiische tätlich angegangen werden. Wie aber beispielsweise auf Diskriminierungen reagiert werden soll, ist vielen nicht klar.« Was sich auch in der Betrachtung der Fälle manifestiert: 50 Prozent der abgebrochenen Partien hatten Übergriffe auf den Schiedsrichter als Grund, 15 Prozent aber auch, weil eine Mannschaft sich weigerte, weiterzuspielen. Beispielsweise aufgrund der Solidarisierung mit einem diskriminierten Akteur ihres Teams. Dass es zu Gewalt kam, lag wiederum zu 30 Prozent an vermeintlich falschen oder benachteiligenden Schiedsrichter-Entscheidungen, bei 25 Prozent lag ein konkreter Konflikt zweier Spieler zugrunde. Die genaue Analyse des Zahlenwerks ist noch in Arbeit, wird seitens des DFB und der Kriminologin im November noch einmal gesondert vorgestellt werden.

Auch interessant: Die meisten Abbrüche gibt es nach Faktenlage in den untersten Ligen, »wo nicht einmal abgestiegen werden kann«, sagte Vester, die insgesamt bei aller Vorsicht auch darauf hinweist, dass jetzt schon klar sei, dass es »mehr hocheskalierende Fälle als vor Corona gibt.« Das heißt: Wenn’s kracht, dann oft heftiger als früher.

Oder wie Pilz ergänzte: »Der Anstieg der Spielabbrüche muss uns Sorgen machen, zumal ein Trend erkennbar wird. Auch in den ersten Wochen der neuen Saison mussten mehr Spiele abgebrochen werden. Wir nehmen die Entwicklung ernst und werden sie genau beobachten.« Und dabei, so könnte man eingangs zitierte These aufgreifen, ist ja noch nicht mal Ende Oktober.

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