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Auf den Umbruch folgt der Fehlstart

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Frankfurt (pep). Was für ein Jahr für die Frankfurter Eintracht! 70 Punkte in einem Kalenderjahr hat der Klub noch nie zuvor geholt. In einer dreiteiligen Serie beleuchten wir den Höhenflug der Adler, die trotz allem auch einige Male ins Trudeln geraten waren.

Eintracht-Serie, Teil II: Zweifel und Zirkus

Im Frühsommer hatten sich die Prioritäten verschoben. Nicht mehr Spieler wie Kevin Trapp, Martin Hinteregger oder André Silva, nicht mehr Sportchef Fredi Bobic und schon gar nicht mehr Trainer Adi Hütter waren die Hauptpersonen.

Alle Augen richteten sich auf Philip Holzer. Der Nachfolger von Wolfgang Steubing im Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden musste das nur vermeintliche Führungschaos entwirren und die personellen Lücken schließen. Holzer, nicht zuletzt in der Finanzkrise 2008 als ehemaliger Investmentbänker gestählt, behielt die Nerven. Er ließ sich in »Ablöseverhandlungen« von Fredi Bobic, der zu Hertha BSC wollte, nicht provozieren.

Er ließ sich bei der Suche nach dessen Nachfolger nicht unter Druck setzen und handelte nach dem Motto »Sorgfalt vor Schnelligkeit«. Er redete mit vielen Kandidaten für den wichtigsten Posten in der Vereinsführung. Er ärgerte sich maßlos über Ralf Rangnick, der sich nicht an Vertraulichkeit hielt und Gespräche öffentlich machte. Und schließlich stellte er Markus Krösche als neuen Sportvorstand vor.

Krösche, zuvor nur in der fußballerischen Provinz Paderborn in leitender Stellung, danach bei den Neureichen aus Leipzig in zweiter Reihe, wurde nicht mit großem Jubel begrüßt und zunächst kritisch beäugt. Zweifel überwogen. Kann der das?

Längst hat Krösche die Skeptiker überzeugt. Seine erste und gleichzeitig wichtigste Aufgabe war die Besetzung des Trainerpostens. Der Österreicher Oliver Glasner wurde Nachfolger des Österreichers Adi Hütter. Dass Glasner in Wolfsburg bis zum letzten Tag durchgezogen und die »Wölfe« in die Champions-League geführt hatte, ohne über seine Zukunft zu sprechen, kam in Frankfurt besonders gut an.

Glasners Schweigen

Anders als Hütter hatte Glasner sich bis zum letzten Tag loyal gegenüber seinem Arbeitgeber verhalten. Das sorgte für Glaubwürdigkeit. Die Eintracht hat im Rückblick vieles richtig gemacht. Und dazu noch knapp zehn Millionen Euro an »Ablösesummen« für Bobic und Hütter erhalten.

Krösche und Glasner traten ein schweres Erbe an. Die verpasste CL-Teilnahme nagte noch an den Spielern und den Fans, das Vertrauen im Umfeld des Klubs war angekratzt, die Mannschaft nicht stabil, sondern labil.

Glasner musste seine Arbeit mit vielen jungen Leuten beginnen, die meisten Stars waren wegen der EM-Teilnahme noch im verlängerten Sommerurlaub. Die Vorbereitung wurde so zu einem Muster ohne Wert. Krösche arbeitete im Hintergrund an Neuzugängen, was ihm durchaus schwerfiel. Dass eine seine ersten Transfers der Verkauf von André Silva nach Leipzig war, ausgerechnet an seinen ehemaligen Klub, half in der öffentlichen Wahrnehmung nicht weiter. Schon gar nicht als bekannt wurde, dass der 28-Tore-Mann Silva für vergleichsweise preiswerte 23 Millionen Euro Ablöse gehen durfte.

Dafür konnte Krösche nichts, so war es im Vertrag des Portugiesen festgelegt. Dem neuen Sportchef dämmerte, dass er in naher Zukunft ziemlich häufig mit der Beseitigung von Altlasten seines Vorgängers beschäftigt sein würde. Fredi Bobic nämlich hatte die Eigenart, in Gesprächen mit Spielern und dessen Beratern neben harten Verträgen auszuhandeln auch viele mündliche Zusagen zu machen. Damit war Bobic gut gefahren, die Eintracht auch. Doch Krösche musste nun vieles ausbaden. Denn zum Start in die Saison begann der ganz große Zirkus. Beispiele: Amin Younes, von Bobic aus der Versenkung geholt, von Hütter so aufgebaut, dass er sein Comeback in der Nationalmannschaft feiern durfte, wollte plötzlich weg. Weil er sich mit dem ehemaligen Trainer verkracht hatte, vor allem aber, weil Bobic ihm im zweiten Vertragsjahr angeblich mehr Gehalt versprochen hatte.

Die Eintracht wusste davon nichts und wollte davon in Pandemie-Zeiten auch nichts wissen. Younes suchte einen Klub, der mehr zahlen wollte und fand ihn in Saudi-Arabien. Das Hin- und Her dauerte Wochen, am Ende sprangen die Saudis ab. Younes ist kurz vor dem Jahreswechsel offiziell immer noch Spieler der Eintracht. Der aber nicht mehr für Eintracht spielt. Nachdem er tagelang beim Training gefehlt hatte, wurde er vom Spiel- und Trainingsbetrieb suspendiert. Das ist er bis heute.

Wirbel um Kostic

Filip Kostic wollte an den letzten Tagen des sommerlichen Transferfensters noch wechseln. Lazio Rom war das Ziel seiner Träume. Seine Berater hatten ihm den Kopf verdreht, sich auf angebliche Zusagen bezüglich der Ablösesumme von Bobic berufen. Als die Verhandlungen nicht liefen wie vom Spieler erhofft, wurde Kostic bockig. Vor dem Spiel in Bielefeld blieb er einfach mal zu Hause, war von niemandem mehr zu erreichen, auch nicht vom Trainer. Lazio bot lächerliche zehn Millionen Euro, die Eintracht lehnte dankend ab. Der Druck auf Krösche und Glasner war in dieser Zeit immens. Was für ein Zirkus!

Viele Baustellen

Denn es gab auch noch andere Baustellen. Die »Ultras«, die wegen der Corona-Einschränkungen nicht mehr kommen wollten. Motto: Alle oder keiner. Also keiner. Dann die Probleme auf dem Platz. Ohne den besten Torschützen Silva, ohne einen »Unterschiedsspieler« wie Younes, mit Spielern wie Martin Hinteregger und Djibril Sow, die sichtlich unter den Nachwirkungen der EM litten, und ohne richtig guten Mittelstürmer lief es nicht. Die Mannschaft verstand nicht so recht, was der neue Trainer wollte. Der neue Trainer hatte noch nicht das Gefühl entwickelt, was für die Mannschaft das Beste sein würde. Und so ging es am Anfang der Saison dahin. »Aus« im Pokalspiel beim Drittligisten Waldhof, 2:5 Pleite in Dortmund, nur 0:0 gegen Augsburg.

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