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Auf neuem Weg ins sportliche Abseits

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Gießen . Nach der langen Pause war in der Berichterstattung zum Re-Start im heimischen Amateurfußball die Rede davon, man würde »Neuland« betreten, da statt der eigentlich anstehenden Rückrunde in einigen Spielklassen direkt eine Auf- bzw. Abstiegsrunde folgen würde, die besondere Spannung verspräche. Ob sich das bewahrheitet, sei einmal dahingestellt, die in Folge der Pandemie beschlossenen Neuerungen wecken jedoch Erinnerungen an ein einzigartiges Experiment, dass vor genau 100 Jahren im Westdeutschen Spiel-Verband (WSV) seinen Anfang nahm und das als »Neuer Weg« Eingang in die Fußballgeschichte gefunden hat.

Der WSV war seinerzeit einer der sieben Regionalverbände im Deutschen Fußball-Bund (DFB), dessen Verbandsgebiet von Meppen im Nordwesten bis nach Fulda im Südosten und von der Mosel bis hinauf in den Harz reichte. Anfang der 1920er Jahre vertrat der Verband rund 900 Vereine mit ca. 140000 Mitgliedern, zu denen auch die damals noch überschaubare Schar der Kicker in Gießen, Marburg oder Wetzlar zählten.

Im engeren Sinn begann die Geschichte des Neuen Wegs mit einer Reform der Spielklassen nach dem 1. Weltkrieg, die darauf zielte, in den einzelnen Regionen des Verbandsgebietes eine höchste Spielklasse einzuführen, von der man sich nicht zuletzt eine Steigerung der Spielstärke im Vergleich zu den übrigen Regionalverbänden erhoffte, da die westdeutschen Akteure bei den nationalen Titelkämpfen bisher gerade einmal eine Vizemeisterschaft - 1913 durch den Duisburger SV - vorzuweisen hatten.

Die Konkurrenz der Vereine um die Plätze in den neuen Ligen war entsprechend groß und so kam es zum Teil zu erbitterten Kämpfen, die mit allen erlaubten und bisweilen auch unerlaubten Mitteln geführt wurden. Proteste waren an der Tagesordnung - einzelne Begegnungen sollen sogar bis zu fünf Mal wiederholt worden sein - und gegen die strengen Amateurbestimmungen wurde in schöner Regelmäßigkeit verstoßen. Fanatismus auf den Rängen und Ausschreitungen auf den Plätzen rundeten das Bild ab.

Die in ihrer Mehrzahl der reinen Lehre des Amateursports verhafteten Funktionäre im WSV waren entsetzt und sahen vor allem in einem sich Bahn brechenden Materialismus, der in Gestalt des »Bezahlfußballs« daherkäme, den Kern allen Übels. Ihm müsse man entschieden entgegentreten, so hieß es, wolle man »den Fußball sauber halten« und »unlautere Elemente« fernhalten. »Den Professionalismus entlarven und auslöschen«, so lautete eines der Postulate jener Tage, die der Debatte das theoretische Rüstzeug verliehen.

Was man vor diesem Hintergrund ersann, stellte dann faktisch alles in Frage, was den Spielbetrieb im deutschen Fußball bis dahin gekennzeichnet hatte: Der Abstieg in der Saison 1921/22 wurde kurzer Hand ausgesetzt und ab 1922 sollte sich die Spielzeit über zwei Jahre erstrecken, wobei im ersten Jahr nur die Vor- und im Jahr darauf die Rückrunde ausgetragen werden sollte. Gleichzeitig wurden die Auf- und Abstiege ausgesetzt, so dass die Begegnungen nur noch den Charakter von besseren Freundschaftsspielen besaßen, da Siege oder Niederlagen im Grunde ohne Konsequenzen blieben. Ausgenommen blieb lediglich die Qualifikation zur Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, an der sich der WSV weiterhin beteiligen wollte.

Im Dezember 1921 wurde der Neue Weg beschlossen, aber bereits früh meldeten sich Kritiker zu Wort, die davor warnten, mit diesen Entscheidungen würde das Leistungsprinzip aus dem Fußball verbannt. Aber es blieb dabei, zwischen 1922 und 1926 wurde in Westdeutschland jetzt nach ganz eigenen Regeln gespielt.

In der lokalen Fußballgeschichte kann man diese Phase übrigens bis heute nachvollziehen, vermitteln doch die Tabellen jener Zeit ein durchaus gewöhnungsbedürftiges Bild, dass sich dem Betrachter ohne weitere Erklärungen kaum erschließen dürfte.

Ernüchternde Bilanz

Als der westdeutsche Verband 1926 schließlich seinen Neuen Weg wieder aufgab, fiel die Bilanz ernüchternd aus. Zwar war es gelungen, das Spielgeschehen auf den Plätzen zu entschleunigen und damit zu beruhigen und nach wie vor erfreute sich der Fußball wachsender Beliebtheit - die Zahl der Vereine im WSV war mittlerweile auf fast 1700 gestiegen -, aber bei den Spielen selbst gingen die Zuschauerzahlen, die für die Vereine überlebensnotwendig waren, zurück. Müßig anzumerken, dass natürlich auch jetzt die Amateurbestimmungen nicht überall beachtet worden waren. Hinzu kam, dass der Neue Weg den WSV auch innerhalb des DFB, der sich ja selbst dem Amateurgedanken verpflichtet fühlte, in die Isolation geführt hatte, denn bei keinem der übrigen Regionalverbände fand er auch nur ansatzweise einen Nachahmer.

Und auch sportlich waren keine Erfolge zu vermelden. Im Gegenteil, das Spielniveau stagnierte und es sollte noch bis ins Jahr 1933 dauern, bis mit Fortuna Düsseldorf erstmals eine westdeutsche Mannschaft den nationalen Titel gewinnen konnte.

Der Neue Weg hatte also, um in der Fußballersprache zu bleiben, geradewegs ins Abseits geführt.

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