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Bewährtes in Pandemie-Zeiten

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Auch ein Thema für die (nahe) Zukunft. Schon länger ist eine hessenweite Strukturreform im Gespräch. Gießen bevorzugt die Variante mit der Umwidmung der Kreisober- in Gruppenligen, darüber die Landesliga (jetzt Gruppenliga). Ziel ist es, die Kreise zu stärken und die A-Ligen dort wieder als Mittelpunkt zu etablieren. © Red

Gießens Kreisfußballwart Henry Mohr bilanziert zwei Jahre Corona-Ausnahmezustand - und zieht ein positives Fazit. Dabei wirft die neue Saison schon jetzt ihre Schatten voraus.

Gießen. Am Montag- und Dienstagabend gibt es Henry Mohr wieder viereckig. Die Rundenbesprechungen der Kreisoberliga, der Kreisliga A Gießen und der B-Ligen stehen an. Klar, Mohr hätte das lieber in Präsenz gemacht, aber »Corona, Pandemie, Omikron und der ganze Zirkus«, man muss es ja nicht noch einmal erwähnen, was gerade los ist.

Seit zwei Jahren immer die gleiche Chose. Gerade jetzt, da der traditionelle und stets mit illustren Gästen gespickte Neujahrsempfang im Hardtberggarten der Licher Brauerei bereits zum zweiten Mal ins Viruswasser fällt, wird das den Fußballern im Kreis schmerzlich bewusst. Vielleicht hätte Kreisfußballwart Henry Mohr gerade diesmal Prominenz in den Sportkreis Gießen bekommen, die Aufklärungsarbeit in Sachen Hessischer Fußball- Verband hätte leisten können. Denn beim HFV brennt der Baum. Viel wurde darüber berichtet, dass Silke Sinning und Ralf Viktora »ihr eigenes Süppchen kochen« würden, sich für Peter Peters stark machen und einen Posten beim DFB ergattern wollen, während sich die Amateurvertreter (und Hessen) sich doch auf die Seite von Bernd Neuendorf als DFB-Präsident geschlagen haben.

Das ist das Verbandsgeschachere, das, man muss es so salopp sagen, der Basis so lange am A… vorbeigeht, so lange der Ball rollt, die Würstchen auf dem Grill schmecken und in der dritten Halbzeit eine Kiste Bier bereitsteht.

Henry Mohr weiß das. Der Kreisfußballwart ist zuerst Fußballer, dann Funktionär, nicht umgekehrt. Dass es in den Gießener Ligen erstaunlich gut funktioniert, trotz aller Einschränkungen der letzten 24 Monate, macht den 67-Jährigen stolz.

Nennenswerte Verluste an Jugendspielern und -mannschaften oder auch Seniorenteams gibt es im fußballaffinen Sportkreis in der Mitte Hessens nicht zu vermelden. »Das kann durchaus auch der Tatsache geschuldet sein, dass wir immer versucht haben, mit den Vereinsvertretern in Kontakt zu bleiben«, sagt Mohr, der im Frühjahr 2021 einen Videokonferenz-Marathon hingelegt und sprichwörtlich jeden Verein um seine Meinung befragt hatte.

Die gemeinsam beschlossene Saison mit verändertem Modus, einer Auf- und Abstiegsrunde, gibt ihm in diesen Tagen Recht. »Selbst wenn jetzt eine ganz böse Variante käme oder die Politik aus irgendwelchen Gründen wieder Sport verbieten würde, wären wir handlungsfähig.« Soll heißen: Aufgrund des ausbaldowernden Modus konnte die Qualifikationsrunde durchgezogen werden, wäre selbst bei einem Abbruch der Saison Auf- und Abstieg nach den Statuten legitim. »Und im Gegensatz zu manchen Kreisen Deutschlands, könnten wir, wenn nötig, erst Mitte April mit der Runde starten und würden es trotzdem zeitlich noch hinbekommen.« Der Liga-Teilung sei Dank.

Dass es in benachbarten Fußballkreisen darüber jetzt Ärger gibt, kann Mohr in Gießen nicht sehen und nicht verstehen: »Wir haben das gemeinsam beschlossen und lange darüber geredet, es wurde jedem erklärt. Bei uns ist das kein Problem«, wobei er hinzufügt: »Natürlich ist der Modus kein Modell, das man immer so durchziehen kann. Wenn zum Beispiel ein Verein die ersten drei Spiele gegen Topteams gewinnt, dann ein paar Verletzte hat und den Rest verliert, würde er in der Abstiegsrunde die neun Punkte abgezogen bekommen und bei null anfangen müssen. Das kann im Normalfall natürlich nicht der Stein der Weisen sein.«

Aber normal ist seit Winter 2019/2020 sowieso nichts mehr. Ab 20. März 2022 jedenfalls kann der Ball, so Corona und Karl Lauterbach es wollen, im Kreis Gießen rollen. Und deshalb gibt’s jetzt bereits die Online-Sitzungen, »auch wenn es mir natürlich in einem Vereinsheim Auge in Auge und hinterher mit einem Schoppen in der Hand tausend Mal lieber wäre.« Henry Mohr nimmt die Vereine mit - und geht zu ihnen hin. Auch das ist eine Erkenntnis der vergangenen Monate: »Gerade jetzt war es mir wichtig, mich auch mal bei Schwarz-Weiß, Hellas oder anderen kleineren Vereinen sehen zu lassen, nicht nur bei den Großen. Die Sorgen und Nöte dort müssen uns auch vertraut sein.«

Und so sieht Henry Mohr bei allen Statistiken des Schwunds, die übrigens insbesondere im Jugendbereich nicht unmittelbar der Pandemie geschuldet sind, sondern einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, viel Positives. Weiß aber auch, dass »es nicht unbedingt an Spielern, sondern an Ehrenamtlichen mangelt.« Das ist zwar ein alter Hut, aber »gerade in den Zeiten, als nicht gespielt wurde, hat sich so mancher gedacht, es geht auch ohne Fußball und die Termine drum rum«. Andererseits weiß Helmut Appel von Blau-Weiß Gießen, aber auch Andreas Berk vom MTV, dass »es nach dem Lockdown sogar wieder mehr Kinder gab, die Fußball spielen wollten.« Das sei insbesondere in den jüngsten Jahrgängen zu spüren gewesen.

Auch bei den Männern ist Mohr von Abmeldungen nichts bekannt. Er hört auch deshalb auf den Plätzen das Gras wachsen, weil er neben den Online-Befragungen auch ständig unterwegs war, um Geschenke, Urkunden und Ehrenzeichen zu verteilen. »All den Vereinen, die ihre Jubiläen nicht feiern konnten, haben wir einen Besuch abgestattet, damit das nicht untergeht.« Der TSV Lang-Göns bekommt unterdessen für seinen 75. Geburtstag von 2021 noch ein besonderes Schmankerl: Der SWG-Pokalendspieltag wird am 6. Juni (Pfingstmontag) bei den Grün-Weißen stattfinden. Bis dahin hofft Mohr, dass »alles möglichst normal über die Bühne gehen kann«. So wie es normal ist, dass er derzeit den SV Salzböden darin unterstützt, dass der Sportplatz im Ortskern erhalten bleibt. »Die Verantwortlichen wünschen sich einen Rasen anstelle des alten Hartplatzes, aber manche Politiker meinen, die könnten auch in Odenhausen spielen. Da ist aber kein Flutlicht, der Platz lange nicht mehr so gut und in Salzböden haben sie gerade das Sportheim neu gemacht.«

In diesen Zeiten Sportplätze dichtzumachen, sei ein Unding. »Es sind doch sonst in den Sonntagsreden immer alle für die Vereine und betonen stets, wie wichtig das auch für die Kinder ist.« An dem Punkt wird Mohr, auch nach über 30 Jahren Basisarbeit grantig.

Ansonsten aber ist selbst in der Pandemie vieles wie immer: Es gibt Gerüchte um eine Fusion der SG Kinzenbach mit den TSF Heuchelheim. Die gab es aber auch schon vor 20 Jahren. »Aktuell nichts dran«, sagt Mohr. Kein Gerücht ist, dass der SV Langd sich von Ulfa getrennt hat und ab Sommer in der FSG Horlofftal mit Inheiden und Utphe-Trais-Horloff in den Sportkreis Gießen zurückkehrt. Die FSG Lollar/Staufenberg wird ab der neuen Saison dagegen wieder getrennt am Ball sein. Als SV Staufenberg und Eintracht Lollar, wobei die Jugendspielgemeinschaft erhalten bleibt. Und der TSV Großen-Linden, Aussteiger der aktuellen Kreisoberliga-Saison, strebt an, mit zwei Mannschaften in A- und B-Liga am Ball zu sein. Auch jenseits der Besprechungen im viereckigen Format tut sich was. Der Ball ist rund. Und bleibt es auch.

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Hat gut lachen: Trotz Pandemie sieht Henry Mohr den Fußballkreis Gießen gut aufgestellt. © Wißner

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