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Buric und der Handball-Teufel

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Ein Lichtblick bei der Wetzlarer Niederlage: Jovica Nikolic reißt einige Lücken in die Flensburger Abwehr. Foto: Ben © Ben

Wetzlar. 47 Minuten sind in der Wetzlarer Buderus-Arena gespielt, da verliert Benjamin Buric den Überblick. Als der Torhüter der SG Flensburg-Handewitt seinen bereits dritten Siebenmeter, diesmal gegen Domen Novak, pariert, da jubelt er den Fans hinter sich mit der Siegerfaust zu. Dumm nur, dass hinter ihm die grünweißen Anhänger stehen. Diese schauen denn auch den Ex-Keeper der HSG Wetzlar eher verdutzt an.

»Ich«, erzählt der humorvolle Buric später mit einem breiten Grinsen, »bin es halt gewohnt, dass meine Fans hinter mir stehen.«

HSG Wetzlar - SG Flensburg-H. 22:27

Und Grund zu einem breiten Grinsen hat der Schlussmann nach dem Sky-Topspiel der Handball-Bundesliga allemal. Denn auch aufgrund der Paraden des besten Mannes an diesem Tag auf der Platte schlägt Flensburg die Mittelhessen mit 27:22 (16:11).

Die Gründe für die Niederlage der letztlich chancenlosen Domstädter sind schnell genannt. Wieder einmal in dieser Saison schnell genannt. 22 erzielte Treffer sind viel zu wenig im Oberhaus. Der Angriffsmotor der Grün-Weißen läuft so unrund wie der eines überalterten Lada-Viertürers. Erneut steht der Rückraum-Rechte Vladan Lipovina ziemlich neben sich. Wer bei der HSG auf Außen und am Kreis steht, ist ein äußerst einsamer Mensch, den seine Handball-Umwelt eher meidet.

Dennoch hätte die HSG sogar in ganz nah an eine Überraschung gegen keinesfalls überragende Gäste kommen können, wenn da nicht zusätzlich noch eine eklatante Schwächephase gewesen wäre. Diesmal nicht in der Crunchtime wie in Melsungen, sondern in der ersten Halbzeit. In dieser dürfen die Gastgeber vor der endlich einmal stolzen Kulisse von fast 4100 Zuschauern ungefähr sieben Minuten lang vom Favoritensturz träumen. Nach dem 2:0-Start durch Lenny Rubins Rückraumkracher und Lars Weissgerbers Abstaubertreffer bleibt die Begegnung bis zum 3:5 durch Mads Mensah offen. Da jedoch Rubin und Lipovina Buric erst warm und dann heiß wie einen nordischen Grog werfen, scheint beim 11:4 für Flensburg durch den starken Rechtsaußen Johan Hansen (20:00) der grün-weiße Hoffnungs-Drops gelutscht. »Im Angriff«, sagt später Buric, »haben wir das heute richtig clever gemacht.«

Der Flensburger Rückraum mit den bärenstarken Aaron Mensing, Lars Möller und Mensah in Verbund mit dem defensiv wie offensiv fast schon unglaublichen Friesen-Hulk und Kreisläufer Johannes Golla wirkt wie die Handball-Antwort auf die Marvel-Avengers-Helden.

Den domstädtischen Mutmacher wiederum hat dann HSG-Coach Ben Matschke parat. Seine Umstellung von der kontraproduktiven 5:1-Abwehr auf ein stabiles 6:0-Gerüst bremst den Flensburger ICE etwas ab. Beim 11:16 zur Pause, vor allem aber beim 15:17 (38:50) durch den nun wiedererstarkten Rubin scheint alles wieder möglich.

Vor allem dank zweier grün-weißer Talente. Adnan Suljakovic streut zu Beginn der zweiten Halbzeit gleich eine Serie von feinen Paraden ein. Und Jovica Nikolic beschert dem HSG-Rückraum endlich den Spielwitz, den Lipovina zuvor völlig vermissen ließ. »Wir hatten da eine Phase, in der wir Angst vor der eigenen Courage hatten«, schildert später SG-Trainer Maik Machulla wiederum seine Sicht der sportlichen Dinge.

Doch immer, wenn Wetzlar den nun phasenweise nervösen Flensburgern auf die Pelle rückt, sorgt ein Mann für den gebührenden Sicherheitsabstand. Immer wenn die Gastgeber sich dem Ausgleich nahe glauben, zerstört der SG-Torhüter mit Hand, Fuß oder Knie eben diesen Glauben. »Buric«, lobt denn auch Machulla, »hat wahnsinnig gut gehalten.«

Beim 20:23 durch Emil Mellegards Tor nach zweiter Welle (55:00) ist die HSG noch auf Tuchfühlung. Das Tuch endgültig zerschneiden tut dann Emil Jakobsen mit dem 26:22 für den Favoriten (58:00), der schließlich nach dem 27:22-Sieg jubelt. Die Wetzlarer Spieler jedoch bedanken sich mit artigem Applaus bei ihren Fans. Diesen wiederum wären vermutlich ein paar Tore mehr letztlich viel, viel lieber gewesen. Doch der Handball-Teufel steckt derzeit eben in den grün-weißen Offensivdetails. Der Handball-Teufel hebt bei 5:13-Punkten nun sogar den mahnenden Zeigefinger in Richtung Mittelhessen.

HSG Wetzlar: Klimpke (1.-22.), Suljakovic (22.-60.); Nikolic 5, Rubin 5, Novak 4/1, Mellegard 3, Fredriksen 2, Wagner 2, Weissgerber 1, Lipovina

SG Flensburg-Handewitt: Buric (1.-60.), Möller; E. M. Jakobsen 8, J. Hansen 5, Kjaer Möller 4, Golla 3, Röd 3, Larsen 2, Mensing 2

Schiedsrichter: Sascha Schmidt (Bochum)/Frederic Linker (Bochum) - Zuschauer: 4078 - Strafminuten: 10 (Weissgerber, Schmidt, Rubin, Wagner, Mellegard / 6 (Röd, Hald 2) - Verworfene Siebenmeter: Weissgerber scheitert zweimal an Buric (9:00/16:20), Novak scheitert an Buric (47:20) / Jakobsen wirft über das Tor (14:00)

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