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Camdzic sucht seinen Nachfolger

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Gruppenbild, jetzt ohne Cheftrainer: Der sportliche Leiter der HSG Wetzlar, Jasmin Camdzic (links) sucht einen Nachfolger für den entlassenen Benjamin Matschke. Co-Trainer Filip Mirkulovski (rechts) möchte der Verein unbedingt halten. Foto: Imago © Imago

Wetzlar. Jasmin Camdzic muss eine Arbeit verrichten, die er in seiner langen Karriere nie angestrebt hat. Der erfahrene Handballer muss Cheftrainer sein. Noch dazu Cheftrainer in der Bundesliga. Der stets so freundliche, aber auch äußerst kompetente Mann, der bei der HSG Wetzlar in all den Jahren als Torwarttrainer, als Co-Trainer, als Chefscout aktiv war und ist, und seit dieser Saison auch als sportlicher Leiter fungiert, muss plötzlich die Mannschaft führen.

Muss die Mannschaft möglichst schon am Donnerstag (19.05/Sky) im Auswärtsspiel in Hannover zum Erfolg führen.

Denn die Grün-Weißen stecken mitten im dicksten Abstiegskampf. Die lange anhaltende sportliche Misere, die bereits in der vergangenen Rückrunde begann, hat nach der letzten 28:30-Niederlage gegen den HSV Hamburg Cheftrainer Ben Matschke den Job gekostet. Deshalb ist nun Camdzic, den die Handball-Welt nur als Jasko kennt, in mehrfacher Funktion gefragt. Eben auch als Interimscoach. Und sich zeitgleich auf die Suche nach seinem eigenen Nachfolger begeben. »Seit heute«, erzählt Camdzic, »sind wir aktiv auf der Suche. Wir sortieren erst einmal die Kandidaten.« Wobei Geschäftsführung und sportliche Leitung zunächst klären wollen, welches Anforderungsprofil der neue Mann haben soll. »Wir müssen jetzt schauen, ob wir einen sogenannten Feuerwehrmann oder eine mittelfristige Lösung wollen.« Also einen erfahrenen Retter oder einen neuen, vielleicht auch jungen Hoffnungsträger auf der grün-weißen Bank.

Und klar: An irgendwelchen Spekulationen über all die Namen, die durch Handball-Mittelhessen geistern, mag sich der sportliche Leiter nicht beteiligen. Kehrt der frühere Trainer Velimir Petkovic, der derzeit anscheinend keine große Lust mehr besitzt, als russischer Nationalcoach zu fungieren, nach Wetzlar zurück? Da kann Camdzic nur schmunzeln und erklärt diplomatisch: »So weit sind wir noch nicht bei unserer Suche, dass wir über irgendwelche Namen sprechen können.« Gibt es gar ein fast schon sensationelles Comeback des langjährigen Erfolgstrainers Kai Wandschneider, der im Verlauf der vergangenen Monate einem Bundesligisten nach dem anderen bei der Trainersuche eine Absage erteilt hat? »Wir«, sagt »Jasko« zu dieser Personalie denn auch, »sind erst einmal für alles offen. Kai ist auf dem Markt. Und damit schließen wir auch ihn nicht als Kandidat aus.«

Natürlich wäre Wandschneider sportlich betrachtet fast schon eine Wunschlösung, da der Mann, der wieder in Köln lebt, die Mannschaft aus dem Eff-eff kennt und vor allem die zuletzt kriselnden Leistungsträger erst zu gestandenen Bundesliga-Größen geformt hat. Doch die Differenzen zwischen HSG-Führung und dem Handball-Lehrer müssten für ein derartig spektakuläres Comeback zunächst bereinigt werden.

Jenseits aller derzeit müßigen Spekulationen betont der sportliche Leiter nochmals die prekäre Situation der Domstädter. »Wir befinden uns mitten im Kampf gegen den Abstieg. Das muss jedem bewusst sein«, sagt Camdzic und hebt den warnenden Zeigefinger noch höher: »Wir haben vor der Rückrunde noch eine Wechselfrist und wissen nicht, ob und wie sich unsere Konkurrenten da nochmals verstärken.« Selbst will die HSG eigentlich nicht mehr aktiv werden bei Spielerverpflichtungen.

Wie lange »Jasko« selbst die sportliche Verantwortung in diesem Kampf gegen den Abstieg tragen wird, vermag er noch nicht einzuschätzen. Gar bis zur WM-Pause im Januar? »Das kann durchaus passieren, auch wenn wir uns das nicht wünschen«, sagt der Bosnier. Zunächst einmal steht für ihn am Donnerstag der schwere Gang nach Hannover an. »Wir müssen punkten«, fordert er, weiß zugleich aber auch, dass sich binnen vier Tagen keine Wunder bewirken lassen.

Bleibt Ben Matschkes 5:1-Abwehr das System? »Die Jungs haben damit einige Spiele gut bestritten«, sieht Camdzic diese Systemfrage nicht als entscheidend an. Wichtiger für ihn: »Wir müssen einige Details ändern, der Mannschaft das ein oder andere Werkzeug für den Angriff mitgeben, zum Beispiel bei der zweiten Welle.« Denn kurzfristig kann es für das HSG-Team nur ein Ziel geben: »Wir müssen endlich mehr Tore werfen.«

Steine werfen wiederum ist ganz und gar nicht Camdzics Art. Und so lässt der sportliche Leiter denn auch keinen Zweifel daran, dass er die Trennung von Matschke zutiefst bedauert. »Ben ist sehr kollegial und menschlich einwandfrei. Es haben zuletzt einfach die Ergebnisse gefehlt.« Mehr mag er sich über die Freistellung nicht entlocken lassen.

So muss man weiter über das sportliche Scheitern des einstigen Hoffnungsträgers spekulieren. Aus dem grün-weißen Umfeld heißt es, dass Matschke zuletzt seine mittelhessische Wohnung überhaupt nicht mehr genutzt habe, nach Training oder Spiel sofort zurück zu seiner Familie in die Nähe Heidelbergs gefahren sei. Was persönlich überaus verständlich, aber beruflich heikel sein kann. Denn die einstige Ankündigung des Trainers, seine Bürotür auf der Geschäftsstelle sei »für jeden offen«, dürfte sich damit als wenig gehaltvolles Versprechen entpuppt haben.

Sportlich gesehen, war es dem Berufsschullehrer nie gelungen, Spieler besser zu machen. Im Gegenteil: Matschke vermochte es nicht, Leistungsträger wie Magnus Fredriksen oder Lenny Rubin auf ihrem einstigen Spielniveau aus der Wandschneider-Ära zu halten. Noch dazu, so monierten viele, hielt der Handballlehrer zu lange an seiner kriselnden Stammformation fest, um Unruhe in der Mannschaft zu vermeiden. Aber all das ist Spekulation. Genauso sehr Spekulation wie über den neuen Mann auf der HSG-Kommandobrücke.

Sicher ist nur: Auf Jasmin Camdzic kommen schwere Tage zu. Und in Hannover ein erstes schweres Spiel.

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