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Camdzics schöne Überraschungen

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Schier unüberwindlich im HSG-Tor: Till Klimpke erwartet den Wurf des Hannoveraners Maximilian Gerbl. Foto: Imago © Imago

Hannover-Gießen. Den Job, den er nicht machen will, macht er richtig gut. Als Jasmin Camdzic den Anpfiff seines ersten Handball-Bundesliga-Spiels als Chefcoach regungslos an der Seitenlinie erwartet, hat die Trainerübergangslösung der HSG Wetzlar ein paar Überraschungen parat. Ein paar äußerst unangenehme Überraschungen für die gastgebende TSV Hannover-Burgdorf.

Überraschungen, die so unangenehm sind, dass die Domstädter mit 26:23 (14:10) völlig unerwartet triumphieren und zwei ganz wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt feiern.

TSV Hannover-Burgdorf - HSG Wetzlar 23:26

Zurück zu den Überraschungen: Camdzic verordnet den abstiegsbedrohten Grün-Weißen eine betonsichere 6:0-Abwehr. Die 5:1-Variante des entlassenen Cheftrainers Ben Matschke ist Geschichte. Camdzic setzt zudem Vladan Lipovina auf die Bank und bringt den 21-jährigen Jovica Nikolic im rechten Rückraum. Und Camdzic dreht nicht zuletzt an der Uhr. Denn das Angriffsspiel der Wetzlarer dauert und dauert. Quälend lang für die Gastgeber. Quälend lang mit dem zumeist erfolgreichen Ende für das von einem quirligen Jonas Schelker einfühlsam dirigierte HSG-Orchester. Ein Orchester, das dem Favoriten zu Beginn schrille Töne auf die Ohren haut.

Nach fünf Minuten führt der Außenseiter mit sage und schreibe 5:1. Und TSV-Trainer Christian Prokop schnauzt seine Spieler in der ersten Auszeit so derb an wie man es sonst nur von einem Vorarbeiter am Fließband erwartet: »Wir«, schimpft der Ex-Bundestrainer, »brauchen Beinarbeit. Und volle Intensität.« Was voll daneben geht. Beim 7:1 (9:40) durch Emil Mellegards feinen Wurf bittet Prokop zur nächten Krisensitzung. Der Mann ist sichtlich bedient. Für Dario Quentstedt kommt Domenico Ebner ins Tor. Und die Abwehr wird auf ein 3:2:1 umgestellt. Diesmal mit Erfolg. Leider mit Erfolg aus grün-weißer Sicht. Die Wetzlarer finden plötzlich keine Lücken mehr. Beim 7:11 (17:50) weiß auch Camdzic, dass es Zeit zum Reden ist. »Wir haben nachgelassen in den Zweikämpfen«, moniert der Interimscoach. Und lässt seinen Co Filip Mirkulovski ein paar taktische Kniffe vorgeben. Doch die Partie bleibt offen. Mit zahlreichen Fehlwürfen auf beiden Seiten. Oder um es positiv zu formulieren: Mit zwei herausragenden Torhütern. Vor allem Till Klimpkes 18 teils grandiosen Paraden haben die Gäste am Ende den Sieg zu verdanken.

Nach der 14:10-Pausenführung scheint die HSG nach einem Tor des stark verbesserten Lenny Rubin beim 18:12 (41:00) auf einem guten Weg. Ein Weg, der aber nur wenig später zur Sackgasse zu verkommen droht. Denn bereits fünf Minuten später liegen beim 16:18 auf der grün-weißen Siegesstraße ein paar dicke fiese Panzersperren im Weg. Phasenweise werfen beide Mannschaften derart chaotisch mit den Bällen um sich, dass der Wilde Westen in Hannover zu liegen scheint. Doch den Wilden Westen legen die Wetzlarer mit Kampfkraft an die Leine. Hinten steht die 6:0 so fest wie einst Bud Spencer neben Terrence Hill. Und was doch durchkommt, wischt Klimpke lässig weg. Vorne geht es nur mit Mühe. Aber es geht irgendwann immer irgendwas. Notfalls durch einen Siebenmeter, den Domen Novak nach 57 Minuten zum vorentscheidenden 24:21 verwandelt.

Und als Rubin wenig später einen staubtrockenen Wurf zum 25:21 in den Winkel schweißt, ist das Aufatmen der grün-weißen Fans in Hannover fast bis zum Wetzlarer Dom zu hören. »Der Sieg«, sagt dann auch Klimpke, »war extrem wichtig. Wir hatten heute eine sehr, sehr gute Abwehr.«

»Der Sieg«, schlägt Rubin wiederum andere Töne an, »war auch für Ben Matschke. Es sind Entscheidungen im Verein getroffen worden, die man nicht verstehen muss«, kritisierte der Schweizer die Trainerentlassung.

Da ist Jasmin Camdzic bereits in der Umkleidekabine verschwunden. Bei seinem Debüt als Chefcoach hat der Bosnier gemeinsam mit Co-Trainer Filip Mirkulovski offensichtlich vieles richtig gemacht. Seine taktischen Überraschungen ebneten schließlich den Weg zu zwei ganz wichtigen Punkten. Punkte, dank denen Camdzic etwas ruhiger daran arbeiten kann, seinen Job bald wieder los zu sein.

TSV Hannover-Burgdorf: Quinstedt (1.-14.), Ebner (14.-60.); Gerbl 7/4, B. Vujovic 4, Feise 3, Brozovic 2, Büchner 2, Edvardsson 2, Kuzmanovski 2, Michalczik 1

HSG Wetzlar: Klimpke (1.-60.), Suljakovic (bei einem 7m); Rubin 8, Mellegard 4, Novak 3/3, Lipovina 2, Nikolic 2, Schelker 2, E. Schmidt 2, Wagner 2, Weissgerber, Cepic

Schiedsrichter: Jörg Loppaschewski (Berlin)/Nils Blümel (Berlin) - Zuschauer: 3973 - Strafminuten: 2 / 6 (Wagner, Novak, Nikolic) - Verworfene Siebenmeter: Gerbl scheitert an Klimpke (47:00) - Novak scheitert an Ebner (54:00)

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