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»Charismatisch sein, cool bewegen«

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Trainerin Julia Jurisic (links) mit ihrem ältesten Schützling Angelina Bley. © Schepp

Gießen . Jekaterinenburg hat traurige Berühmtheit erlangt. Denn 1918 wurde dort im Verlauf der Russischen Revolution die Zarenfamilie Romanow ermordet. Jekaterinenburg, die mit 1,4 Millionen Einwohnern viertgrößte Stadt Russlands, kann über 100 Jahre später in Mittelhessen einen wesentlich positiveren Ruf erlangen. Denn aus der Metropole östlich des Urals stammt Julia Jurisic.

Die 27-jährige Sportlerin schickt sich an, die heimischen Gefilde um eine Sportart reicher zu machen. Schließlich ist zwischen Kassel und dem Rhein-Main-Gebiet die Rhythmische Sportgymnastik (RSG), eine der vielen Disziplinen des Gemischtwarenladens Turnen, so gut wie nicht vertreten.

Das dürfte sich ändern. Zum einen, weil Julia Jurisic im Blick auf ihre sportliche Leidenschaft bekennt: »Das ist mein Leben!«. Zum anderen, weil innerhalb kürzester Zeit aus den bescheidenen Anfängen bereits drei Gruppen mit über 70 aktiven Mädchen geworden sind. Diese sind zwischen vier und 15 Jahren alt.

»Mit unserer RSG-Trainerin haben wir wirklich einen Glücksgriff gemacht«, freut sich Bernhard Zirkler, der Vorsitzende der TSG Blau-Gold Gießen, über diese Entwicklung. Die aber nicht verwundert. Denn der ursprüngliche Tanzsportverein hat sein Angebot in den vergangenen Jahren stetig ausgebaut. Da passt die Rhythmische Sportgymnastik gut ins breitgefächerte Portfolio.

Zumal Julia Jurisic offensichtlich ein solches Betätigungsfeld gesucht hat. Vor einem Jahr kam sie nach Deutschland und entschied sich für Gießen als Wirkungsort, weil hier Verwandtschaft von ihr lebt. Dabei muss man wissen, dass die fließend Deutsch sprechende Trainerin eine deutsche Mutter hat, die aber schon verstorben ist. Jurisics Vater lebt noch in Jekaterinenburg. »In Russland habe ich mit Abschluss studiert. In Deutschland will ich mich weiterentwickeln«, formuliert die bescheiden auftretende Sportlehrerin ihre Ziele. Dass ihre Ausbildung zumindest gut gewesen sein muss, unterstreicht die Reaktion des Deutschen Olympischen Sportbunds. Denn der DOSB hat ihre russische Übungsleiterlizenz innerhalb kurzer Zeit auch in seinen Grenzen als gültig anerkannt.

Dass Julia Jurisic das Metier der Rhythmischen Sportgymnastik, des nach ihrer Aussage »schönsten Sports für Mädchen«, beherrscht, zeigt eine Auszeichnung aus ihrem Heimatland. Denn schon im Alter von 14 Jahren wurde ihr vom dortigen Sportverband der Titel »Meisterin des Sports« verliehen. Mehr geht nicht in Russland. Selbstredend, dass die Wahl-Gießenerin unzählige Wettkämpfe auf nationaler und internationaler Ebene bestritten und gewonnen hat.

Rhythmische Sportgymnastik ist aber keine dieser Trendsportarten, die man nach einigen Trainingseinheiten glaubt, halbwegs beherrschen zu können. »Erfolgreich zu sein, das ist sehr schwer, da muss man täglich trainieren«, schiebt sie entsprechenden Vorstellungen gleich einen Riegel vor. Sie muss es wissen. Denn schon mit fünf Jahren im Kindergarten fand Julia Jurisic Gefallen an der Rhythmischen Sportgymnastik und praktiziert sie seit dieser Zeit. Zugute kamen ihr die Unterstützung der Eltern und der große Stellenwert der RSG in Russland. Schon in den Schulen wird die Sportart besonders gefördert.

Wobei sich hier fördern mit fordern paart. Denn 13 Jahre lang habe sie sechs Tage die Woche »jeden Tag trainiert, teilweise acht Stunden am Tag«, berichtet sie. Dazu kam die penible Einhaltung von vorgegebenen Ernährungsplänen. Der Enthusiasmus für »ihre« Sportart muss groß gewesen sein. Zumal sie auch schon früh anfing, nebenbei als Trainerin zu arbeiten.

Dabei ist Jurisic bewusst, dass das russische Leistungssportmodell, bei dem von 100 talentierten Mädchen am Ende zwei übrig bleiben, die es auf die große Wettkampfbühne schaffen, nicht auf mitteleuropäische Verhältnisse übertragbar ist. Aber neben einer Anfänger- und einer Fortgeschrittenen-Gruppe hat die Übungsleiterin bereits eine zwölfköpfige Wettkampfgruppe aufgebaut. »Wir sind auch schon für die Hessischen Meisterschaften 2022 qualifiziert«, berichtet Julia Jurisic über die ersten Erfolge nach den ersten Wettkampfteilnahmen.

Doch nicht nur das Messen der Leistungen mit anderen jungen Sportlerinnen ist ihr Ziel. Rhythmische Sportgymnastik beinhalte auch Inhalte und Entwicklungen wie »charismatisch sein, sich cool bewegen und über mehr Ausstrahlung verfügen«. Dass die Mädchen das bei Blau-Gold umsetzen können, dafür haben Zirkler und Co. die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen, neben den Trainingsstätten auch die Anschaffung der Handgeräte Ball, Band, Keule, Reifen und Seil, die neben den gymnastisch-tänzerischen Bewegungselementen das Erkennungsmerkmal der RSG sind. Koordination, Beweglichkeit und Fitness seinen weitere wichtige Elemente, die in dieser Sportart vermittelt werden. Dabei weiß Julia Jurisic, dass sie in Mittelhessen nur Mädchen trainieren wird, wie es weltweit Usus ist. Aber vielleicht schwappt ja irgendwann einmal der Trend aus Japan nach Europa. Im Land der aufgehenden Sonne wird die Rhythmische Sportgymnastik zur Hälfte von Jungen ausgeübt.

Julia Jurisic will ihre Erfahrungen weitergeben und hat nach eigener Aussage »viele Ziele und Ideen«. Vielleicht gibt es in Bälde sogar einen entsprechenden Wettkampf in Gießen; möglicherweise in absehbarer Zeit auch die Teilnahme an nationalen und internationalen Vergleichen.

So ist nicht auszuschließen, dass es mit einer hessischen Gruppe sogar einmal zu einem Wettkampf nach Jekaterinenburg geht. Dort hat sich die 27-Jährige sehr heimisch gefühlt. Denn einen sportlich bedingten Abstecher nach Moskau brach sie bald wieder ab, um in ihren Geburtsort zurückzukehren.

Gut möglich aber, dass in einigen Monaten oder Jahren Gießen einen ähnlichen Stellenwert hat für Julia Jurisic wie ihre Heimat Jekaterinenburg.

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