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»Dann bestraft dich der liebe Gott«

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Von: Thomas Suer

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Niko Semlitsch WM-Experte © Red

So, jetzt können sie sich ausruhen für die Rückrunde der Bundesliga, schön Urlaub machen und am besten irgendwohin fliegen, wo sie keiner kennt. Ich hatte ja schon nach dem ersten Spiel gesagt: Weltmeister werden wir nicht. Dass es aber so schnell vorbei ist, hätte nicht sein müssen.

Dabei ist es mir, das muss ich zugeben, unangenehm über den Trainer zu sprechen. Ich mag Hansi Flick, schätze ihn für seine Arbeit bei Bayern München und für seine ganze Art. Aber man kommt bei einer Analyse nicht drumherum, auch über ihn zu reden, denn er hat mit seinem Trainerstab gravierende Fehler gemacht. Auch wenn ich nur bis in die 2. Bundesliga als Trainer tätig war, ist meines Erachtens das A und O, dass man eine Formation im Kopf hat, eine erste Elf, die, außer es ist einer verletzt, immer spielt. Und zwar jeder da, wo er es am besten kann.

Das habe ich bei Deutschland nicht gesehen. Und ich frage mich schon, wie man auf die Idee kommt, Spieler wie Müller und Süle auf Positionen aufzustellen, die sie in ihren Vereinen höchstens zur Not spielen müssen, wenn ein paar fehlen. Süle ist kein Rechtsverteidiger, Müller keine verkappte Neun. Der eine muss in die Innenverteidigung, der andere als Freigeist hinter die Neun. Da kann er sich wund laufen und kommandieren, in den Strafraum schleichen und den Ball in die Tiefe spielen. Wenn ich einen Mittelstürmer mitnehme wie Füllkrug und von der Position her auch einen Mittelstürmer stelle, dann muss ich auch den nehmen, der das gelernt hat. Und hinten? Da sehe ich doch, dass Süle nicht in bester Verfassung ist. Warum lasse ich dann nicht Ginter spielen, der Innenverteidigung kann? Und zwar beim Tabellenzweiten. Oder Gündogan. Mal spielt er die Sechs, dann die Zehn, dann wieder die Sechs. Und dann kommt Kimmich auf einmal als rechter Verteidiger. Das macht schon den Eindruck, als habe man keine unpopulären Entscheidungen treffen wollen, einfach mal einen draußen zu lassen und positionsgetreu aufzustellen.

Die Wechselei ist mitentscheidend. Und gegen den Oman, beim einzigen Test überhaupt, da lasse ich doch 90 Minuten meine erste Elf spielen. Und dann wird da auch rumprobiert. Wenn ich schon keine richtige Vorbereitung habe, muss ich wenigstens die knappe Zeit nutzen. Und dann ist es halt im Fußball schnell passiert, dass eine Situation viel beeinflusst: Hätte Sane gegen Spanien das 2:1 gemacht - und das muss er machen, dann bist du nicht mehr von anderen abhängig. So waren wir es aber. Und das ist in einem Turnier immer schlecht.

Natürlich haben wir eine Halbzeit gegen Japan ordentlich gespielt und auch die erste Halbzeit gegen Costa Rica war in Ordnung. Aber das erwarte ich doch auch von einer deutschen Mannschaft mit diesen Möglichkeiten und diesen Spielern. Aber es war eben auch nicht mehr als ordentlich. Und dass jetzt wieder davon geredet wird, dass nicht richtig ausgebildet wird, geht mir zu weit. Da lenkt man nur von dem ab, was in Katar auf dem Platz passiert ist. Die Spieler, die dabei waren, sind doch alle gut ausgebildet. Auf jeden Fall so gut, dass sie gegen Japan gewinnen müssen. Aber wenn man nach der 1:0-Führung so überheblich ist und Larifari spielt, dann bestraft einen der liebe Gott. Und auch gegen Costa Rica passieren Abwehrfehler, die gehen gar nicht. Deutschland hat auch früher nicht immer super gespielt, auch nicht zu der Zeit, als wir große Erfolge hatten, aber eins war klar: die Abwehr stand, da war Verlass drauf. Und wenn man die Null hält, verliert man schon mal nicht. Die Gegentore, die wir bekommen haben, und zwar alle, waren viel zu einfach. Momentan haben wir nur Rüdiger, der international top Niveau hat. Und der macht dann auch noch Fehler wie bei dem Fast-Tor von Costa Rica. So passiert es dann, dass du rausfliegst. Noch einmal: Leider kann ich die Trainer nicht freisprechen. Da wird rochiert und ausprobiert und am Ende geht’s in die Hose. Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist aber auch der, den ich schon im ersten Kommentar angemerkt habe: Wir sind schlicht und ergreifend nicht mehr Weltspitze. Und das Thema mit der Turniermannschaft hat sich auch erledigt. Wenn wir das wären, wären die letzten Turniere anders verlaufen, denn das ist ja kein Zufall, wenn man dreimal hintereinander nicht weit kommt. Der Trainer macht gravierende Fehler, die Spieler auch, das wird auf dem Niveau bestraft. Fußball ist ein einfaches Spiel. Das muss man wissen. Und man muss es können.

Niko Semlitsch muss man den fußballaffinen Lesern nicht vorstellen. Der 76-jährige Ex-Bundesligaprofi war über Jahrzehnte als Trainer bis in die 2. Liga aktiv und kennt den Fußball aus allen Blickwinkeln aus dem Eff-Eff. Und weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und weder den Fußball noch sich zu ernst, ist der Steinbacher erneut unser WM-Experte.

Aufgezeichnet von

Rüdiger Dittrich

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