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»Das Auftreten war vorbildlich«

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EM-Analyse von Kai Wandschneider © Red

Gießen. Mit einem 30:29-Erfolg gegen Russland haben sich die deutschen Handballer von der Europameisterschaft verabschiedet. Die Leistungen der DHB-Auswahl analysiert für uns Kai Wandschneider, der frühere Trainer der HSG Wetzlar.

»Das war jetzt gegen Russland eine echte Achterbahnfart. Unsere Mannschaft ist gut in das Spiel gekommen mit den letzten zur Verfügung stehenden Spielern. Dann hat der russische Trainer Velimir Petkovic bei der deutschen 10:7-Führung eine Auszeit genommen und in der Abwehr auf 5:1 umgestellt. Damit haben wir Riesenprobleme bekommen. Die Russen haben prompt zum 12:12 ausgeglichen. Dann aber haben wir über Gegenstöße und gutes Abwehrverhalten doch eine 16:12-Führung mit in die Pause genommen. Das lag auch daran, dass die Russen unglaublich viele technische Fehler gemacht haben. Die hat man genutzt. Insgesamt aber hat sich unsere Mannschaft schon zu viele 50:50-Würfe genommen und vor allem der Rückzug war nicht optimal. Was wiederum erneut gut war, ist das Überzahlspiel. Da habe ich wie im gesamten Turnier drei verschiedene Auftakthandlungen gesehen, die jeweils von Philipp Weber ausgingen. Und das hat er einfach klasse gemacht. So war das Überzahlspiel tatsächlich nahe an der Perfektion.

Nach der Pause startete die Mannschaft nicht so gut. Russland konnte schnell bis zur 42. Minute ausgleichen. Von da an war es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. In der Schlussphase lagen wir sogar zurück. Gegen Ende hat Bundestrainer Alfred Gislason auf eine 5:1-Abwehr umgestellt. Das war letztlich entscheidend. Denn dagegen haben die Russen in den letzten Minuten kein Mittel gefunden. Dieser Sieg freut mich sehr. Das ist gut für die Mannschaft, mit einem Erfolgserlebnis aus dem Turnier rauszugehen. Vor allem natürlich mit der Krönung bei diesem wunderbaren letzten Treffer: 38 Sekunden stehen noch auf der Uhr, Weber sagt den »Kempa« an und Zerbe legt für Zieker auf. Einfach großartig.

Der Mann des Turniers aus deutscher Sicht ist für mich Johannes Golla. Der Kapitän und Kreisläufer hat ein überragendes Turnier gespielt. Es war schon fast grenzwertig, wielange er auf der Platte stehen musste. Da bin ich einfach nur froh, dass er gesund geblieben ist. Und nebenbei musste er ja auch noch in der Abwehr den jungen Julian Köster ausbilden. Köster ist natürlich auch eine Entdeckung des Turniers. Aber der Junge hat natürlich noch einen weiten Weg vor sich. Das ist klar.

Man hat gesehen, dass wir in Deutschland über eine große Breite an Spielern verfügen, aber es fehlt in der Spitze. Es fehlen die Weltklasse-Akteure. Wenn man die besonderen Bedingungen dieser EM mit Corona mal außen vorlässt, gehören wir zu den acht besten Mannschaften Europas. Aber wir gehören eben nicht zu den besten Vier. Da versucht man seit Jahren vergeblich, in diesen Kreis vorzustoßen.

Sehr schade ist es, dass Till Kliompke, der gegen Österreich die beste Turnierleistung eines deutschen Torwarts gebracht hat, nicht weiterspielen konnte. Das gilt natürlich auch für Andy Wolff. Johannes Bitter hatte gegen Spanien eine gute Quote. Aber ansonsten waren die Torhüter kein entscheidender Faktor. 24,4 Prozent gehaltener Würfe im Schnitt ist keine gute Leistung. Aber eben mit den bekannten Einschränkungen, dass ja Torleute ausgefallen sind. Die Mannschaft konnte ja auch insgesamt gar nicht mit ihren Aufgaben wachsen, weil sie sich permenant verändert hat.

Die Ziele, die der Bundestrainer vor dem Turnier gesetzt hat, waren richtig: Das Erreichen der Hauptrunde und in dieser ein Spiel gewinnen. Das hat man erfüllt. Und das sogar unter den schlechtesten Bedingungen, die eine Nation überhaupt innerhalb des ganzen Turniers hatte.

Wenn man diese Bedingungen berücksichtig, kann ich nur sagen, dass ich die Haltung und das Auftreten der deutschen Mannschaft als vorbildlich empfunden habe. Respekt davor!

Was man unbedingt auch einmal erwähnen muss: Auch insgesamt haben der DHB und die Bundesliga-Vertreter bei der EM ein gutes Bild in der öffentlichen Kommunikation abgegeben. Da wurde mit einer Stimme gesprochen. Vor allem haben die Funktionäre auch auf die Vorstellungen der Spieler gehört. Das hat mich wirklich sehr gefreut.

Aufgezeichnet von Karsten Zipp

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